Bist Du zu wenig online?

Geschrieben von am 27/09/2016 in Neon mit 0 Kommentare

Schlechtes Image, mieser Job, ewiges warten in Servicehotlines – welche Nachteile es hat, wenn man zu selten im Internet ist.

Der Eintritt ins Paradies kostet 305 Dollar. Tief in den kalifornischen Wäldern veranstaltet die Agentur Digital Detox regelmäßig ein Ferienlager, in dem die überarbeiteten Tech-Propheten und Code-Sklaven des Silicon Valley »lernen sollen, was es bedeutet, am Leben zu sein«. Am Eingang muss man alle elektronischen Geräte und Computer abgeben, auch Visiten karten und Businessnetzwerke sind verboten, stattdessen gibt es Schweigestunden, Bachsonaten, Tanzkurse und einen Schreibmaschinenplatz, wo man auf altmodischen mechanischen Tasten rumklackern und sich mal wieder spüren kann. Nach drei Tagen berichten Teilnehmer, wie schön es gewesen sei, Zeit mit echten Menschen zu verbringen, und tauchen wieder ab ins Netz.

Im Silicon Valley sind schon so viele Trends entstanden. Da wundert es einen auch nicht, dass ausgerechnet dort die Keimzelle der Offlinismusbewegung liegt, die den vernetzten Alltag des 21. Jahrhunderts als epochale Gefahr stilisiert, die unsere Existenz bedroht, uns einsam macht und traurig und dumm. Die Technologie hier ähnelt die Argumentation der Offlinisten jener der Biobewegten, die Agrarindustrie und Lebensmittelchemie kategorisch verdammen sei giftig, suchterzeugend und unnatürlich. Digital-Detox-Events finden mittlerweile auch in Deutschland statt. Es gibt erfolgreiche Apps wie Offtime, mit denen man den Netzzugang auf seinen Geräten blockieren und somit vermeintlich die Konzentrationsfähigkeit steigern kann. Im Buchladen findet man ein Buch mit dem Titel »Analog ist das neue Bio«.

Aber stimmt das überhaupt? Ist unser Leben wirklich besser und einfacher, wenn wir weniger im Netz unterwegs sind? Oder sind wir im Gegenteil gar zu wenig online machen zumindest nicht genug aus unseren Möglichkeiten?

79 Prozent der Deutschen, das ergab die ARD/ZDF-Onlinestudie 2014, haben einen Internetzugang. Der durchschnittliche Nutzer ist an 5,9 Tagen in der Woche im Netz die 14- bis 29-Jährigen verbringen täglich 248 Minuten online, bei den 30- bis 49-Jährigen sind es immerhin 162. Das Leben im Netz all die Shops, News, Streams, Links, Uploads, Postings ist nichts, für das man sich vor Eltern, Personalern und Abendlandverteidigern noch rechtfertigen müsste, auffällig ist eher, wer sich dem Internet verweigert. Wer digital nicht existiert, hat es analog immer schwerer.

Noch vor wenigen Jahren hatte man Angst, dass man den Traumjob nicht bekommt, weil der Arbeitgeber im hinterletzten Winkel des Web ein Foto von der Abifahrt gefunden hat, auf dem man mit peinlicher Frisur und derangiertem Blick eine Apfelkornflasche leer nuckelt. Heute muss man sich eher Sorgen machen, den Job nicht zu bekommen, wenn man zu wenig Spuren im Internet hinterlassen und zu wenig Follower und Kontakte hat.

A photo by Florian Klauer. unsplash.com/photos/mk7D-4UCfmg

Personaler und Karriereexperten sind sich einig, dass die digitale Präsenz von Bewerbern eine immer größere Rolle spielt auch über Karriereplattformen wie Xing oder LinkedIn hinaus. »Dass die Profile dort gepflegt sind und mit dem Lebenslauf übereinstimmen, ist eine Grundvoraussetzung«, sagt Marion King, die lange Personalchefin einer internationalen Werbeagentur war und sich heute als Unternehmensberaterin auf die Digitalisierung der Arbeit spezialisiert hat. Die Leute hätten keine Angst mehr, dass man etwas Peinliches im Netz über sie findet, sondern würden stattdessen ganz selbstbewusst auf ihre Onlineidentität hinweisen, berichtet auch Stephan Grabmeier, langjähriger Personaler der Deutschen Telekom und Gründer der Beratungsfirma Innovation Evangelists. »Für mich als Führungskraft in der Digital Transformation war und ist Onlinereputation enorm wichtig auch wenn das sicher von Branche zu Branche variiert«, sagt Grabmeier. Nicht jeder Arbeitnehmer braucht 100 000 Twitter-Follower oder einen eigenen Youtube-Kanal. »Interessant ist, wenn jemand ein Blog betreibt, in dem er nicht nur drei Pflichteinträge gepostet hat, sondern sich zu spannenden und relevanten Themen äußert, die seine Branche betreffen«, sagt King.

Seit einiger Zeit versuchen Dienste wie Klout oder Kred, die Onlinereputation von Individuen automatisch zu bündeln und zu bewerten. Klout ordnet die einzelnen Nutzer auf einer Skala von 1 (online nicht existent) bis 100 an (Justin Bieber hat einen Klout-Score von 92, Barack Obama hat 99) und will so zeigen, wie einflussreich jemand im Netz ist. Es ist eine Art digitale Schufa, die nicht nur die Kreditwürdigkeit misst, sondern das gesamte digitalisierte soziale Kapital, die Reichweite und Relevanz eines Menschen. In Deutschland hat sich der Dienst nach Ansicht von Experten bisher noch nicht wirklich durchgesetzt, in den USA aber kursieren zahlreiche Geschichten von Menschen, die einen Job wegen ihres Klout-Scores bekommen oder eben nicht bekommen haben. Der Kommunikationsforscher Ron Culp von der amerikanischen DePaul University hat erforscht, welche Rolle der Onlinekontostand bei Stellenausschreibungen spielt. Der Klout-Score sei zwar nicht in der ersten Auswahlrunde entscheidend, meint Culp, diene aber als »Entscheidungshilfe, wenn am Ende des Bewerbungsprozesses zwei gleich gut geeignete Kandidaten übrig bleiben«.

Auch jenseits der Karriereplanung hat eine gute Onlinereputation große Vorteile. So wurde beispielsweise bekannt, dass ein Hotel in Las Vegas Gästen mit hohem Klout-Score ein kostenloses Zimmer- Upgrade verschafft, und auch andere Firmen versuchen Kunden, die sie für einflussreich halten, mit Sonderangeboten und exklusiven Einladungen zu gewinnen. Salesforce, einer der größten Anbieter für Kundendienstsoftware, hat die Reputationsdienste bereits in seine Systeme integriert. Firmen können somit sofort sehen, ob sich da ein digitaler Niemand über die Arbeitsbedingungen am Standort in Bangladesch aufregt oder jemand, der mit einem einzigen angry Smiley einen Shithurrikan lostreten kann.

Doch nicht nur Unternehmen interessieren sich für unseren digitalen Status: Auch wir selbst legen immer mehr Wert auf das digitale Image unserer Mitmenschen. Wenn wir uns mit der Mytaxi- oder Uber-App ein Taxi bestellen, sehen wir die Bewertungen unseres potenziellen Fahrers und nach jeder Fahrt vergeben wir die Sternchenanzahl unserer Wahl und werden selbst als angenehmer oder abstoßender Fahrgast bewertet. Wenn wir eine antike Stehlampe bei Ebay kaufen, achten wir auf den Leumund des Verkäufers und wenn wir zu spät bezahlen oder anderweitig auffallen, riskieren wir einen Imageschaden. Egal ob wir in einem Airbnb-Apartment in Barcelona übernachten oder dank Eatwith in einem privaten Supperclub dinieren, ob wir uns eine Bohrmaschine über fairleihen.de ausborgen oder uns mit dem Verleihen unseres Surfbretts bei Weeshare etwas dazuverdienen wir bewerten permanent und werden permanent von anderen bewertet. Durch den Boom der Sharing Economy ist die digitale Reputation zu einer harten Währung geworden. Und wie auf jedem Markt kann man dabei gewinnen oder verlieren. Wer viele Fünf-Sterne-Bewertungen hat, bekommt sein freies WG-Zimmer schneller bei Airbnb vermietet oder kann einen höheren Preis dafür verlangen. Wer sein digitales Karma hingegen unter einen gewissen Wert fallen lässt, muss zum Beispiel bei Ebay höhere Verkaufsgebühren zahlen. Oder bekommt die digitale Tür gleich vollends ins Gesicht geknallt: Bei Airbnb wurde kürzlich einer Engländerin die Buchung eines Apartments in Bremen verweigert. Die Frau hatte zwar eine makellose Kredithistorie und ihren gescannten Ausweis vorzuweisen aber leider nicht genügend Facebook-Freunde. Airbnbs neues »Verified ID«-Programm verlangt nach mindestens hundert. Die Engländerin hatte nur fünfzig. Geringe Onlineaktivität wird heute ebenso sanktioniert wie ein schlechter Schufa-Eintrag.

Man kann die neue digitale Sichtbarkeit und die Intimität, die daraus im besten Fall entsteht, ganz großartig finden wie zum Beispiel der Netzforscher Arun Sundararajan, der an der New York University lehrt. »Die Menschen sind heutzutage weniger miteinander verbunden, als es ihrer Natur entspricht«, sagt Sundararajan, »die Sharing Economy hilft, dieses Defizit auszugleichen.« Die sogenannte Vertrauenswirtschaft und der soziale Druck, den die Fünf-Sterne-Pflicht ja auch erzeugt, könnten dazu führen, dass wir alle zu überhöflichen, wohlerzogenen, topverlässlichen Menschen werden und uns auch tatsächlich näherkommen. Der Mitgründer der Carsharingplattform Lyft, John Zimmer, fühlt sich durch den Spirit seiner Community gar an eine quasimystische Erfahrung in einem Indianerreservat erinnert. »Die Menschen dort waren so eng und innig miteinander verbunden«, sagt Zimmer, »ich war nie glücklicher und fühlte mich nie so lebendig.«

Man kann die neue Onlinepräsenzpflicht aber auch bedenklich finden, weil sie dazu führen könnte, dass jeder Mensch wie sein eigener Pressesprecher jede digitale Äußerung daraufhin überprüft, ob sie auch genug Quote bringt und ja kein negatives Feedback zu erwarten ist. Werden wir so zwangsweise zu Mainstreammenschen, weil diese mit höherer Wahrscheinlichkeit von ihrer Umwelt positiv bewertet werden? Nick Grossman, der am MIT Center for Civic Media in Boston forscht, nennt das immer dichter werdende Netz aus Bewertungen eine Welt der »Hyperverantwortlichkeit«. Eine Welt, in der jede kleine Transaktion einen Baustein in einem großen Reputationsgebilde darstellt, das einen möglicherweise bis ans Ende des Lebens folgt.

Wie es schließlich aussehen könnte, wenn wir auf den ersten Blick wissen, was von Fremden zu halten ist, beschreibt Gary Shteyngart in seinem futuristischen Roman »Super Sad True Love Story«: Dort trägt jeder Mensch einen sogenannten Äppärät bei sich, der anzeigt, wer der neue Kontakt ist und wie er in Bereichen wie Finanzen, Intellekt und »Fuckability« abschneidet: »… mich ergriff auch ein voyeuristisches Interesse an der Bonität der Passanten. Die alte Chinesin lag bei anständigen 1400 Punkten, doch bei anderen wie den jungen Latina-Müttern und sogar einem liederlichen chassidischen Teenager, der die Straße entlanghechelte, blinkten rote Zahlen unter 900 auf, und ich machte mir Sorgen um sie. Ich ging an einem der Masten vorbei, ließ ihn Daten aus meinem Äppärät ziehen und sah meine eigene Punktzahl beeindruckende 1520. Doch daneben blinkte ein rotes Sternchen.«

Die Welt des Science-Fiction-Romans wirkt schon ganz nahe und es kommt auf den einzelnen Nutzer an, ob er darin eine Hightechhölle sieht oder doch das nahende posthumane Paradies. Aber ganz egal wie man Technologien, die Potenziale haben und Risiken, auch bewertet: Nichts wird besser, wenn sich die Menschen selbst ins Offline verbannen und den Markt und die Algorithmen unkontrolliert vor sich hin werkeln lassen. »Als Bürger haben Sie versagt«, schrie der Netzkulturkritiker Sascha Lobo kürzlich den deutschen Nutzern entgegen, weil sie sich auf »substanzloses Gemoser« beschränkten und sich weder gegen Überwachungsmaßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung noch für sinnvolle Dinge wie die Netzneutralität einsetzten. »Sie sind schuld«, schreibt Lobo. »Sie müssten wenigstens versuchen, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen, die zu diesem deutschen Digitaldebakel geführt haben.«

Es geht also nicht nur darum, ob man zu wenig oder zu viel im Netz unterwegs ist, es geht darum, ob man weiß, was man tut.

Text: Christoph Koch & Tobias Moorstedt
Foto: Unsplash / Florian Klauer

Erschienen in: NEON 8/2015

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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