Ich und ich: Freunde sind wichtig – aber zu ähnlich sollten sie nicht sein

Geschrieben von am 28/11/2014 in Neon mit 0 Kommentare

Gut, wenn wir Freunde haben, die uns verstehen. Doch wir suchen uns Freunde, die uns sogar gleichen. Das ist ein Verlust.

Als mein Cousin und meine Cousine durch ein Unglück starben, war ich elf Jahre alt. Wir waren uns sehr nahe gewesen und hatten uns mehrmals pro Woche gesehen. Sie wohnten ganz in der Nähe, es war beinahe so, als hätte ich Geschwister. Meine Eltern – damit beschäftigt, die Mutter der beiden zu trösten und die Beerdigung zu arrangieren – ließen mich ein paar Tage bei meinem damals besten Freund W. wohnen. Ich kann mich noch erinnern, wie froh ich darüber war, denn von ihm fühlte ich mich verstanden wie von niemandem sonst. Wir wurden in diesen Tagen wohl beide ein ganzes Stück erwachsener.

Wir sprachen über den Tod und seine Rätselhaftigkeit – und stellten keine Stunde später einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf dem Heimtrainer im Nachbarkeller auf, denn der war nicht abgeschlossen. Das Schöne war: Nicht eine Sekunde lang hatte ich das Gefühl, mich für diese Art zu trauern schämen zu müssen. In solchen Zeiten begreift man, was Freunde sind. Sie sind das Gerüst, das unserem Leben Halt gibt. Sie machen uns Hoffnung, Mut, Beine und gute Laune. Und mindestens so viel wie Familie, Schule oder unsere Partner machen uns unsere Freunde zu dem, was wir sind. Sie beeinflussen, welche Werte uns im Leben wichtig sind, zu welcher Musik wir am liebsten tanzen und ob wir bei dem Wort »Karriere « neugierig nicken oder schallend anfangen zu lachen. Die beiden Wissenschaftler Nicholas A. Christakis und James H. Fowler zeigen in ihrem Buch »Connected!«, dass der gegenseitige Einfluss unter Freunden oft auch über große Distanz vonstattengeht. Ihre Analyse von Freundesnetzwerken habe gezeigt, so die Autoren, »dass sich Sozialkontakte selbst über eine Entfernung von anderthalb tausend Kilometern gegenseitig beeinflussten«, schreiben sie. Wenn unsere Freunde beispielsweise dick werden, verdreifacht sich unser Risiko fast, selbst zuzunehmen. Das gleiche Prinzip gilt zum Glück auch im Positiven: Wer mit Menschen befreundet ist, die sich gesund ernähren, neigt ebenfalls dazu, gesund zu essen. Das Faszinierende: All das gilt – wenn auch in etwas schwächerer Form – sogar für Freunde um eine und zwei Ecken. Wir werden also indirekt von Menschen beeinflusst, die wir noch nie in unserem Leben gesehen haben – nur weil diese mit unseren Freunden befreundet sind.

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Nicht W. und ich: Zwei reisende Freunde in Alaska.

Gute Freunde machen uns glücklicher, gesünder, klüger, selbstsicherer. Beispiele aus der Forschung: Schon ein kurzes freundliches Gespräch erhöhte in einem Experiment der University of Michigan danach die Punktzahl von Testpersonen in Sachen Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit. In einem anderen Test wurde nachgewiesen, wie gut Freundschaften für unser Selbstvertrauen sind: Die Forscher stellten Versuchspersonen mit Rucksäcken bepackt am Fuße eines Berges auf und fragten nach deren Einschätzung, wie steil der Berg sei. Personen, die dabei neben einem Freund standen, schätzten die Steigung niedriger ein als die ohne Freund. Am zuversichtlichsten waren diejenigen, die einen langjährigen Freund an ihrer Seite hatten.

Es war vor rund zehn Jahren, als der US-Journalist Ethan Watters in seinem Buch »Urban Tribes« die längst legendäre Frage stellte: Sind Freunde die neue Familie? Die Antwort ist relativ eindeutig: Wir heiraten immer später und gründen später Familien, in denen immer mehr Einzelkinder groß werden. Die Zahl der Singlehaushalte steigt, während die familiären Bindungen abnehmen, die einst in der Großfamilie so stark waren. Die enorme Bedeutung der Freundschaft erkennt man vielleicht am besten daran, dass viele Eltern nicht als Eltern, sondern als Freunde ihrer Kinder wahrgenommen werden wollen. (Das geht natürlich schief, nicht nur bei Phil Dunphy, dem selbst ernannten »coolen Dad« in der Serie »Modern Family«, der sagt«: »Ich surfe im Netz, ich kenne alle SMS-Abkürzungen: LOL – laugh out loud, OMG – oh my god, WTF – why the face? Ich kenne sogar alle Tänze aus ›High School Musical‹.«)

W., der mir half, den Schock über das Unglück meiner Familie zu verarbeiten, ist bis heute mein Freund, auch wenn sich so eine lange Freundschaft natürlich verändert. Heute leben wir in zwei verschiedenen Ländern und sehen uns, wie so viele alte Freunde, viel zu selten. Trotzdem bleibt immer diese Vertrautheit, weil man weiß, wie der andere aussieht, wenn er den Rücksitz eines Autos vollkotzt, frisch verliebt ist oder den Plan entwirft, die verbliebenen Silvesterböller in einem Briefkasten gegenüber zu deponieren. (Wir waren gute Freunde, aber fürchterliche Nachbarn.)

Die Frage ist aber: Würde ich mich mit W. anfreunden, wenn ich ihn heute erst kennenlernen würde? Die Antwort: wahrscheinlich nicht. Denn im Laufe unseres Lebens umgeben wir uns zunehmend mit Menschen, die uns sehr ähnlich sind. Gleiches Alter, gleiche soziale Schicht, gleiches Wohnviertel, gleiche Interessen, gleicher Status, gleicher Job, gleiche politische Ansichten. So scharen wir Freunde um uns, die uns gleichen wie ein Ei dem anderen – äußerlich ebenso wie in ihren Einstellungen. Soziologen nennen dieses Phänomen Homophilie. Das hat nichts damit zu tun, mit wem wir ins Bett wollen, sondern heißt erst einmal nur, dass wir das mögen, was uns ähnlich ist.

Gleich und Gleich gesellt sich gern – und freundet sich gern miteinander an. Mit wissenschaftlichen Maßstäben gemessen: Wie sich eine Freundschaft entwickelt, lässt sich am besten dadurch vorhersagen, wie ähnlich sich die beiden Personen sind. W. und ich sind ziemlich unterschiedlich. Er hat Naturwissenschaften studiert – in der Schule immer meine große Schwachstelle. Später hat er eine Technikfirma gegründet – ich hätte schlaflose Nächte, wenn ich von Kapitalgebern riesige Geldsummen einsammeln müsste, um diese zu vermehren. Er spielt Baseball, ich gehe joggen. Durch die Dauer unserer Freundschaft ist das alles egal. Doch bei neuen Freunden sind wir weniger tolerant und suchen uns, bequem, wie wir sind, nach und nach unsere Armee aus Klonen zusammen.

Die finden wir nahezu automatisch, da sie in denselben Jobs, Cafés und Clubs verkehrt wie wir. Man kann sich – zumindest in den großen Städten – wirklich einen Freundeskreis zusammensuchen, in dem nicht nur jeder Bon Iver hört, sondern ihn auch noch auf genau die gleiche Art ausspricht wie man selbst. Die Neigung, sich mit den eigenen Spiegelbildern anzufreunden, führt nicht nur zu Langeweile, sondern auch zu weniger Toleranz – und verengt auch die Weltsicht. Denn wer nur Menschen um sich hat, die das Gleiche tun und das Gleiche denken, reagiert schneller genervt, sobald jemand von diesem Kurs abweicht.

So fühlen sich zum Beispiel junge Erwachsene laut einer aktuellen Studie viel häufiger von ihren Nachbarn beispielsweise durch Lärm gestört als ältere Menschen. Wer hätte das gedacht? Im Internet ist ein ähnliches Phänomen bekannt. Der Politologe und Netzaktivist Eli Pariser hat dafür in seinem gleichnamigen Buch den Begriff »Filter Bubble« geprägt: Weil viele Internetseiten Algorithmen verwenden, die uns nur anzeigen, was mit unseren bisherigen Suchen oder Käufen übereinstimmt, werden wir immer seltener mit Neuem oder Fremdartigem konfrontiert und nach und nach in einer »Informationsblase« isoliert.

Doch auch wenn die Angst vor Algorithmen gerade hoch im Kurs steht: Die Filterblase unseres Freundeskreises ist noch mächtiger, als es jede Amazon-Kaufempfehlung je sein könnte. Denn wir suchen uns nicht nur Freunde, die uns ähneln – wir werden einander durch permanente Selbstbestätigung auch immer ähnlicher.

Man könnte nun sagen: Gut, dann ist der Freundeskreis so homogen, dass er eintönig ist – aber dafür versteht man sich unter Gleichen ja auch ganz besonders gut. Eine sehr aufschlussreiche Studie hat aber das Gegenteil gezeigt. Der Psychologieprofessor Chris Crandall verglich mit einigen Kollegen die Freundschaften von Studenten an der relativ großen University of Kansas (25 000 Studenten) mit jenen Freundschaften, die Studenten an mehreren kleineren Unis mit durchschnittlich nur 1300 Studenten im selben Bundesstaat pflegten. Das Ergebnis: An der großen Uni waren die Freundespaare einander viel ähnlicher – sei es in ihrem Trinkverhalten, in ihrer Haltung zu Todesstrafe oder Abtreibung oder in dem Maß, in dem sie Sport trieben.

Wenn man eine große Auswahl hat, sucht man sich erst recht Freunde, die so sind, wie man selbst, erklärte Crandall. »Diese Anziehungskraft ist überraschend stark.« Auf den kleineren Unis war diese Auswahl nicht gegeben, die Freundespaare waren deshalb deutlich unterschiedlicher. Aber – und hier wird es spannend: Die Freundschaften waren enger und die Beteiligten zufriedener mit ihnen.

Es ist also Zeit, die freundschaftliche Filterblase anzupiksen. Und uns bei den nächsten Freundschaften, die wir schließen, zu fragen, ob wir nur einen weiteren Zinnsoldaten für unsere Klonarmee rekrutieren wollen. Oder ob wir uns mal wieder etwas trauen und uns wie früher mit Leuten anfreunden wollen, die uns nicht eins zu eins gleichen. Die uns herausfordern und auch mal völlig anderer Meinung sind. Zwanzig Jahre älter – oder ohne Abitur, dafür aber mit einem Jagdschein oder auf einem anderen Kontinent geboren als wir und alle unsere anderen Freunde.

Erinnern wir uns auch mal daran, warum uns unsere ganz alten Freunde so wichtig sind: Es wirkt für Erwachsene schnell albern oder sogar rückgratlos, wenn sich ein Teenager eine Sicherheitsnadel durch die Wange treibt, um Zugang zur vermeintlich coolen Punkclique zu bekommen. Aber nur durch solche Experimente findet man heraus, in wessen Gesellschaft man sich wohlfühlt, welche Art von Freundschaft einem entspricht, kurz: wie man leben möchte. Deswegen sind es die Freundschaften aus dieser Zeit, die uns so oft das ganze Leben begleiten und prägen – auch wenn diese Freunde uns oft eben nicht so ähnlich sind. Ihnen verdanken wir Erlebnisse und Entwicklungen, die wir nicht planen konnten.

Der US-Journalist Devin Friedman stellte eines Tages fest, dass er nur noch weiße Freunde hatte – anders als in seiner Kindheit. Er schaltete Kleinanzeigen und hängte Plakate auf, um das zu ändern: »Afroamerikanischer Freund gesucht «. Freunde und Kollegen belächelten ihn, aber Friedman war es ernst: »Diese Monokultur, in der ich nicht einmal mehr meine Sätze zu Ende sprechen muss, weil jeder weiß, was ich sagen werde. In der wir nur minimal unterschiedliche Unterhaltungen über dieselben Filme, dieselbe Musik, dieselben Schulen und Wohngegenden und Restaurants führen – ich musste sie erst verlassen, um zu merken, welcher Sauerstoffmangel dadurch entsteht«, schreibt er am Ende seiner Suche (die ihm tatsächlich zehn neue schwarze Freunde einbrachte). »Da draußen herrscht eine erstaunliche Offenheit. Man muss nur die Radiohead-CD ausmachen und vor die Tür gehen.«

Natürlich ist es schwierig, mit Menschen aus einer ganz anderen sozialen Schicht befreundet zu sein. Bei denen das Geld viel lockerer sitzt oder deutlich knapper ist. Vielleicht wird es in einer Freundschaft aber gerade dann spannend, wenn wir nicht wie ferngesteuert den immer gleichen Freitagabend verbringen, sondern uns darüber Gedanken machen müssen, wie man zwei verschiedene Welten zusammenführt.

Darum geht es ja: Ein neuer Freund – und wir erneuern die Hälfte selbst unseres engeren Freundeskreises im Schnitt alle sieben Jahre – eröffnet uns im Idealfall eine neue Welt. Ein neuer Freund gibt uns die Chance, sich noch einmal von einer anderen Seite zu zeigen – und die gewohnte Rolle des Anführers oder Sorgenkindes oder Comedians oder Intellektuellen zu verlassen. Denn wie heißt es so schön? »Wenn zwei Menschen immer wieder die gleichen Ansichten haben, ist einer von ihnen überflüssig.«

 

Text & Foto: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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