Ich finde euch alle! Eine Fotografin besucht ihre 626 Facebook-Freunde

Geschrieben von am 19/01/2015 in Neon mit 0 Kommentare

Die US-Fotografin Tanja Hollander ist dabei, alle ihre Facebook-Freunde zu besuchen. 626 Stück. Ein Interview über Freundschaft, Spontaneität und Egoismus. 

Sie haben inzwischen mehr als tausend Facebook- Freunde. Finden Sie das viel?

Gemessen an dem, was die meisten anderen haben, wahrscheinlich schon. Ich nehme aber nur Anfragen von Leuten an, die ich kenne. Auch wenn es beruflich ist oder über einen gemeinsamen Freund. Mittlerweile kommen auch immer mehr internationale Anfragen von Leuten, die von meinem Projekt erfahren haben, alle meine Facebook-Freunde zu fotografieren. Ich wache morgens auf und sehe plötzlich einen Haufen Anfragen aus Spanien, weil dort eine Zeitung über mich geschrieben hat. Aber die kommen natürlich nicht alle auf meine Freundesliste.

Aber wenn es immer mehr werden – wie wollen Sie je damit fertig werden, alle zu besuchen?

Mein Fotoprojekt bezieht sich nur auf die 626 Freunde, die ich hatte, als ich anfing. Damals habe ich eine Excel-Tabelle angelegt. Wenn ich die abgearbeitet habe, ist Schluss. Aber selbst das wird sicher noch mindestens ein Jahr dauern.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen?

Es war ein Silvesterabend, ich saß vor Facebook und chattete mit einer Freundin, die in Jakarta einen Film drehte. Gleichzeitig schrieb ich einen Brief an einen Freund, der gerade in Afghanistan stationiert war. Ich fand es einerseits deprimierend, dass ich an einem Abend wie Silvester allein vor dem Computer saß – aber gleichzeitig war ich ja nicht allein. Ich freute mich, mit zwei Menschen, die mir wichtig sind, auch über große Entfernung in Verbindung sein zu können – wenn auch auf zwei unterschiedliche Arten.

facebook-fotografin

Es gibt schon seit einiger Zeit eine Debatte, ob Facebook »echte« Freundschaft abschafft und stattdessen nur oberflächlichen Austausch von Small Talk und Angeberfotos aus dem Urlaub fördert. Was meinen Sie?

Ich glaube, Facebook verändert gar nichts. Facebook macht es nur einfacher, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, mit denen es faceto- face schwierig wäre. Ich höre oft Sätze wie »Die kann doch nie im Leben ein paar hundert Freunde haben« oder »Sie verschwendet nur ihre Zeit und ihr Geld mit dem Kram«. Das bringt mich immer zum Lachen. Womit sollte ich meine Zeit denn besser verbringen als damit, meine Facebook-Freunde zu besuchen? Mit Fernsehen?

Viele Leute stören sich wohl einfach an dem Begriff »Freund«, der plötzlich für alle Menschen in unserem Umfeld zu gelten scheint.

Ja, manche scheinen regelrecht beleidigt zu sein. Ich habe gemerkt: Je älter ich werde, umso mehr verschiedene Freunde habe ich für unterschiedliche Dinge. Mit der einen Person gehe ich ins Kino, eine andere kann ich um drei Uhr morgens anrufen, wenn es mir schlecht geht. Aber das ist eben nicht zwangsläufig ein und dieselbe Person – so wie früher als Kind, als man eine beste Freundin hatte, mit der man alles geteilt hat. Heute habe ich Freunde, die mir sehr nahestehen, die aber noch nie bei mir zu Hause waren.

Wie haben Ihre Facebook-Freunde reagiert, als Sie ihnen gesagt haben, dass Sie sie besuchen und in Ihrem jeweiligen Zuhause fotografieren wollen?

Am Anfang hat die Idee kaum jemand verstanden. »Wen interessiert schon mein Zuhause? « und »Muss ich vorher aufräumen?« waren die häufigsten Fragen. Die Erste, die sich freiwillig gemeldet hat, war Samantha Appleton (Foto rechts), die Exfreundin eines alten Freundes von mir.

Also eine typische Person, zu der man ohne Facebook den Kontakt längst verloren hätte.

Genau, deshalb war es auch so spannend. Sie ist auch Fotografin, war damals im Weißen Haus tätig und lud mich nach Washington ein. Ich wollte mich sofort auf den Weg machen, aber sie sagte mir, dass mich erst der Secret Service durchchecken müsse, bevor ich ins Weiße Haus dürfe. Nach ein paar Wochen war es dann so weit, und sie führte mich durch den West Wing. Was für ein Start für mein Projekt!

Sie sind inzwischen über zwei Jahre auf dieser Fotosafari unterwegs. Was ist die größte Herausforderung?

Termine zu finden, an denen die Leute Zeit für mich haben. Anfangs habe ich das alles noch neben einem Bürojob in einer Anwaltsfirma gemacht. Dann habe ich den Job hingeschmissen und bin fünf Monate ausschließlich für mein Projekt durch die USA gefahren. Aber selbst dann gab es oft Terminprobleme. Eine andere Herausforderung ist natürlich das Geld. Als ich mit dem Projekt anfing, hatte ich fünfzig Dollar auf dem Konto. Reich werde ich damit auch jetzt nicht, ich kann meine Freunde ja nicht dafür bezahlen lassen. Um meine Kosten niedrig zu halten, frage ich die meisten Leute, ob ich bei ihnen übernachten kann. Dabei habe ich wundervolle Dinge erlebt.

Amy&Elizabeth Munger, Houston, Texas.150.5

Amy und Elizabeth Munger in Houston, Texas

 

Zum Beispiel?

Amy Munger ist eine Kunstberaterin in Houston, die schon ein paarmal Fotos von mir für Klienten gekauft hat – also ein rein beruflicher Kontakt. Ich zögerte deshalb, sie zu fragen, ob ich auf ihrer Couch übernachten kann. Aber als ich ankam, waren sofort alle Zweifel verflogen: »Hier ist der Schlüssel, Wein und Bier sind im Kühlschrank, ich muss noch mal weg, aber mach es dir gemütlich. « In den folgenden Tagen lernte ich ihre komplette Familie kennen, wir gingen gemeinsam zum Rodeo – und aus einer Geschäftsbeziehung wurde plötzlich eine sehr persönliche Freundschaft.

Ist Ihr Projekt auch ein Weg, dem Unerwarteten im Leben eine größere Chance zu geben?

Mit Sicherheit. Manchmal führen Pannen zu den tollsten Erlebnissen: Ich sollte einmal einen Vortrag in Tucson halten und wollte bei der Gelegenheit zwei Freunde fotografieren, von denen ich dachte, dass sie dort wohnen.Kurz bevor ich mich auf den Weg machte, stellte sich jedoch heraus, dass sie weggezogen waren. Statt bei den beiden musste ich mich also für vier Tage bei der Frau einnisten, die meinen Vortrag organisiert hatte. Sie entpuppte sich als Fotohistorikerin und nahm mich mit in ein riesiges Archiv, wo sie mir Negative von Ansel Adams, William Eugene Smith und anderen legendären Fotografen zeigte. Eine Schatzkammer, die ich sonst nie zusehen bekommen hätte!

Wenn man sich Ihre Fotos ansieht, sticht ins Auge, dass viele Ihrer Freunde in auffallend schön eingerichteten Häusern oder Apartments leben. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich habe wahrscheinlich überdurchschnittlich viele Künstler im Freundeskreis, und die umgeben sich eben gerne mit schönen Dingen. Interessant ist, dass gerade in den USA viele Leute denken: Jemand, der ein schönes Zuhause hat, muss automatisch reich sein. Dabei haben viele meiner Freunde nur wenig Geld und improvisieren zum Beispiel mit Sachen vom Flohmarkt.

Jacques Bruna alias Bleubird in Portland, Maine

Jacques Bruna alias Bleubird in Portland, Maine

Einen von ihnen, »Bleubird«, haben Sie in seinem Wohnmobil fotografiert. Ist das sein Zuhause?

Ja. Er ist Freestyle-Rapper und hat sich das Fahrzeug in eine mobile Bühne umgebaut. Er hat da drin ein Mischpult und Lautsprecher, und wenn er die Fenster und Türen aufmacht, kann er damit auch auf einem Supermarktparkplatz ein Hip-Hop-Konzert geben. Eine ähnliche Freundin ist Kyle Durrie, sie hat sich einen alten Lastwagen in ein Atelier mit kleiner Druckerei umgebaut. Kyle hat noch eine richtige Wohnung, aber ich habe in dem Wagen übernachtet, als ich bei ihr war.

Daryl Fort ist einer der wenigen Afroamerikaner auf den Fotos. Warum sind viele Freundeskreise so homogen, was Rasse oder soziale Schicht betrifft?

Ich bin in Maine an der US-Ostküste auf dem Land aufgewachsen, und auf meiner Schule waren fast ausschließlich Weiße. Ich kannte alle Afroamerikaner in meinem Ort, aber es waren halt nur zwei. Inzwischen hat sich das geändert, auch Maine ist ein wenig vielfältiger geworden. Meine Schwester Emma (großes Foto links) ist zehn Jahre jünger als ich, und die asiatischen Familien auf meinen Bildern kenne ich fast alle durch sie. Meine Eltern haben die Vormundschaft für ein Flüchtlingsmädchen aus Burundi übernommen, ich habe jetzt also eine farbige Schwester.

Daryl Fort in Portland, Maine

Daryl Fort in Portland, Maine

In der Regel teilen Menschen auf Facebook vor allem positive Geschichten. Dinge, auf die sie stolz sind und die sie gut aussehen lassen. Lernen Sie auf Ihrer Reise auch die traurigen und dunklen Seiten Ihrer Facebook- Freunde kennen?

In der Tat. Als ich meinen Facebook-Freund Scott Toney besuchte, fand eine Charityveranstaltung zu Ehren seiner Nichte statt, die ein Jahr zuvor von ihrem Vater getötet worden war. So etwas ist nicht unbedingt der Stoff für ein fröhliches Facebook-Update. Aber er und seine Schwester, also die Mutter des toten Mädchens, erzählten mir sehr frei von dem schlimmen Vorfall. So etwas kann für mich manchmal hart zu verarbeiten sein – aber in diesem Fall sah ich zum Beispiel auch, wie wundervoll sich das Umfeld der Familie nach dem Mord um sie gekümmert hatte. Trotzdem kann es bitter sein, anschließend einfach zum nächsten Foto weiterzufahren.

Gibt es auch Leute, die Sie bisher vermieden haben zu fotografieren, weil Sie zwar auf Facebook mit ihnen befreundet sind, sie aber trotzdem nicht sehen wollen?

Um ehrlich zu sein, gibt es ein paar, die ich vor mir herschiebe. Exfreunde zum Beispiel. Oder Leute, mit denen ich mich im College zerstritten habe und später auf Facebook dann trotzdem auf »Annehmen« geklickt habe. Manchmal bin ich mutig und knöpfe mir einen dieser Kandidaten vor. Denis Nye ist so ein Beispiel. Wir hatten früher mal einen Riesenkrach, dann war ganz lange Funkstille. Als ich ihn besuchte, um ihn zu fotografieren, hielt er mir diese Riesenpredigt über diesen uralten Streit. »Müssen wir jetzt wirklich so eine Unterhaltung führen?«, fragte ich ihn. »Ja«, sagte er, »wenn du dein Foto machen willst, dann schon.« Im Nachhinein bin ich froh, dass ich hingefahren bin. Wir haben uns endlich ausgesprochen.

Gab es ein Erlebnis, bei dem Sie es bereut haben, die Person besucht zu haben?

Ich habe keine Horrorgeschichten auf Lager.Zum einen sind es ja keine wildfremden Personen. Das minimiert schon mal die Chancen auf einen verrückten Axtmörder. Zum anderen bin ich inzwischen auch viel besser darin, Menschen und Situationen zu lesen und mich so zu verhalten, dass alles gut läuft.

Wie haben Sie sich durch das Projekt noch verändert?

Ich bin ein besserer Zuhörer, ein mitfühlenderer Mensch und weniger egoistisch geworden. Es fällt mir auch zunehmend leichter, loszulassen und die Kontrolle über eine Situation abzugeben. Vorher war ich sehr kompliziert und mochte dies nicht, mochte jenes nicht. Wenn mich jetzt jemand einlädt, mit ihm und seiner Familie zum Rodeo zu gehen, sage ich einfach: »Klar, warum nicht?«

 

Tanja Hollander, 41, ist eine US-amerikanische Fotografin aus Auburn (Maine). Für das Projekt »Are you really my friend« begann sie im April 2011 damit, ihre Facebook- Freunde der Reihe nach zu besuchen.

Interview: Christoph Koch
Fotos: Tanja Hollander

Erschienen in: NEON 2/14

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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