Um uns permanent anzutreiben, braucht es keine strengen Vorgesetzten mehr. Das besorgt die heute weitverbreitete unternehmerische Arbeitsethik ganz allein. Sagt der Historiker Erik Baker. Ein Gespräch über die verführerische Illusion, man sei sein eigener Boss.
Was haben Influencer, Uber-Fahrerinnen und gewöhnliche Angestellte gemeinsam? Sie alle sind Opfer einer sogenannten Entrepreneurial Work Ethic. So lautet die These des US-Historikers Erik Baker. Der Forscher von der Harvard University analysiert in seinem Buch „Make Your Own Job“, wie sich die idealtypische Haltung von Unternehmern – etwa Übernehmen von Risiko, hohe Priorisierung des Berufs, Identifikation mit der Firma – immer weiter ausdehnt.
Herr Baker, was ist das Neue an der unternehmerischen Arbeitsethik?
Lange Zeit dominierte in der Menschheitsgeschichte eine Fleiß-Ethik: Arbeite hart, gib dein Bestes und komme deinen Verpflichtungen nach, dann wirst du die Früchte dafür ernten. Die unternehmerische Arbeitsethik hingegen sagt: Das reicht alles nicht. Einfach nur seine Pflicht zu erfüllen und Aufgaben zu erledigen, die da sind, ist nicht genug.

Welche ökonomischen Gründe gibt es für diesen Kulturwandel?
Unsere Wirtschaftswelt ist darauf ausgelegt, ständig Arbeit und Arbeitsfelder zu zerstören und neue zu erschaffen. Eine Tätigkeit, die wir heute ausüben, wird morgen womöglich nicht mehr gebraucht. Daraus entstand eine neue Verpflichtung: Statt nur fleißig zu sein, müssen wir auf dem Markt immer vorausschauend handeln.* Wir müssen selbst zusehen, dass wir Arbeit haben – und sie uns im Idealfall eigenständig schaffen. Heute ist dieses Phänomen als sogenannte Hustle-Kultur allgegenwärtig.
Und die boomt Ihrer Ansicht nach gerade in Krisenzeiten. Warum?
Schrumpft der Arbeitsmarkt infolge einer Wirtschaftskrise, zwingt das viele dazu, unternehmerisch zu denken – weil sie gekündigt werden. Gleichzeitig erscheint in diesen Krisenzeiten oft eine technische Neuerung am Horizont. Für Menschen auf Jobsuche wirkt diese wie eine vielversprechende Alternative. Denn wer gerade seine Festanstellung verloren hat, rechnet sich auf dem herkömmlichen Arbeitsmarkt eher wenig Chancen aus.
Und da scheinen neue Unternehmens- und Arbeitsformen wie bei Uber oder Flink großes Potenzial zu bieten. Anfangs sind die Nachteile oft noch nicht sichtbar. Hier greift die unternehmerische Arbeitsethik: Sie wirkt wie Zuckerbrot und Peitsche zugleich.
Die Gig Economy, zu der solche Unternehmen wie Uber und Flink gehören, basiert darauf, dass die Arbeit nicht von Angestellten, sondern von sogenannten Mikro-Entrepreneuren erledigt wird. Was ist schlecht daran?
Firmen versuchen schon sehr lange, das unternehmerische Risiko auf ihre Angestellten zu übertragen. In den USA waren hier zum Beispiel Direktvertriebe wie etwa Avon oder Amway Vorreiter.
Das wirklich Neue an der Gig Economy ist die digitale Technik dahinter. Plattform-Apps heben die unternehmerische Arbeitsethik auf ein völlig neues Niveau. Dies geschieht auf drei Arten. Erstens machen Smartphones es unglaublich einfach, ein Unternehmen anzumelden – und auf diese Weise in ein paar Minuten zum Entrepreneur zu werden. Man muss sich nicht einmal mehr irgendwo vorstellen. Zweitens erlauben diese Plattformen, dass auch ungelernte Kräfte zu Unternehmerinnen und Unternehmern werden. Das war zuvor eher Fachkräften vorbehalten. Und drittens erlauben die Arbeitsstrukturen der Gig-Economy-Unternehmen eine viel engmaschigere Überwachung und Sanktionierung.
Offiziell ist man als Gig Worker selbstständig, unterliegt dabei aber mehr Kontrolle als jeder Fließbandarbeiter. Wer zu langsam ist, wird abgestraft. Und wer bei hoher Nachfrage ein paar Aufträge mehr annimmt, obwohl er oder sie eigentlich längst müde ist, bekommt einen kleinen Bonus. In vielen Fällen wird die Kontrolle auch an die Kundschaft ausgelagert, die durch ihre Bewertungen in den Apps dafür sorgt, dass ein beständiger Druck aufrechterhalten bleibt.
Welche Auswirkungen hat das auf die Gig Worker?
Umfragen haben gezeigt, dass gerade jene, die finanziell am stärksten von diesen Gig-Plattformen abhängig sind, am meisten darauf bestehen, sie wären „ihr eigener Chef“.
Influencer sind für Sie ein weiteres Beispiel für den Siegeszug der unternehmerischen Arbeitsethik. Was kritisieren Sie daran?
Gerade weil es so vermeintlich einfach ist, Influencer zu werden, entfaltet die unternehmerische Arbeitsethik hier einen starken Sog. Es gibt immer Menschen, die als Angestellte nicht Fuß fassen können oder einfach keine Lust auf einen Nine-to-five-Job haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie ihren Lebensunterhalt mit dem verdienen können, was sie ohnehin tun – nämlich sich auf Social Media darzustellen –, dann ist das eine große Verlockung.
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Text & Interview. Christoph Koch
Bild: Harvard University Press




