Einfach gründen: Die besten Startup-Tools

Geschrieben von am 20/09/2019 in brand eins mit 0 Kommentare

Nie war es so leicht, eine Firma zu gründen, wie heute. Jörg Rheinboldt und Tilman Kemper haben mit ihrem Beratungsprogramm Hunderte von Start-ups begleitet. Ein Gespräch über vielversprechende Anfänge mit geringen Mitteln. Und sieben Empfehlungen für digitale Werkzeuge.

brand eins: Ist es heute leichter, ein Unternehmen zu gründen als vor 20 Jahren?
Jörg Rheinboldt: Atomkraftwerke sind vermutlich genauso schwierig zu bauen wie früher. Aber für Firmen mit digitalen Geschäftsmodellen ist es tatsächlich sehr viel einfacher geworden. Vor zehn Jahren musste man in Rechenzentren investieren, heute mietet man sich virtuelle Server, Datenbanken und Netzwerke für ein paar Euro im Monat. All das, was früher einen Riesenaufwand bedeutete, erfordert heute keinerlei physische Infrastruktur mehr.


Ein Laptop und ein Tisch im Café reichen?
Rheinboldt: Im Grunde ja. Dazu kommt, dass man auf so vieles aufbauen kann, das bereits existiert. Weil sich viele Dinge über Schnittstellen miteinander verbinden lassen – man kann gewissermaßen alles digital zusammenstecken. Wer im Internet etwas verkaufen will, muss keinen Webshop mehr selber bauen, kein Bezahlsystem mehr programmieren.
Tilman Kemper: Wir wollen Firmen, die an unserem Programm teilnehmen, dabei helfen, darüber nachzudenken, was sie erreichen wollen. Und sie bei der Entscheidung unterstützen, was sie davon selbst komplett neu entwickeln müssen und wo sie sich etwas aus bereits existierenden Lösungen zusammenbauen können. Das ist ja nicht nur eine Kostenfrage. Dinge selbst zu machen benötigt Zeit. Und oft ist die beste Lösung eine sehr einfache.

Was wäre ein Beispiel für eine solche einfache Lösung?
Rheinboldt: Vor ein paar Jahren hatten wir eine Firma hier, die mobile Massagen anbieten wollte. Wie man eine Pizza bestellt, so sollte man auch eine Massage ordern können. Die Gründer überlegten lange, wie die App aussehen muss, welches Backoffice hintendran hängt. Wie verwaltet man die Therapeuten, die durch die Stadt fahren, wie rechnet man ab? Welche Poloshirts sollen sie tragen, um die Marke zu stärken? Nach drei Wochen haben wir gesagt: Testet doch erst mal, ob das überhaupt irgendjemand braucht – und wie viel von eurer Plattform ihr bauen müsst, um das herauszufinden.
Das Ergebnis: Um das hinzubekommen, mussten die Gründer gar nichts selbst programmieren. Sie stellten einfach eine Website ins Netz mit einem schönen Foto, auf der man seine Telefonnummer und Adresse eingeben konnte. Die Postleitzahl musste mit 10 beginnen, weil sie zuerst nur in Berlin testen wollten. Dann konnte man ein Produkt auswählen, zum Beispiel eine Stunde Massage für 49 Euro. Sobald jemand auf „bestellen“ klickte, verschickte die Website eine Mail, die auf einem eigens dafür angeschafften Smartphone eintraf. Einer der Gründer hatte dieses Telefon immer im Blick, und wenn eine Bestellung einging, rief er einen Therapeuten an und schickte ihn zu der Adresse. Kaum Aufwand, kaum Kosten. Die komplette App zu entwickeln hätte um ein Vielfaches länger gedauert.

Und gab es am Ende Bedarf?
Rheinboldt: Allerdings. Durch Facebook, Google und Instagram-Anzeigen mit engem Targetting kamen viele Leute auf die Website – und haben tatsächlich Massagen gebucht. Als die Gründer bei einem Meeting mit Investoren saßen, lag das Telefon auf dem Tisch und vibrierte immer, wenn eine Mail einging. Irgendwann fragte einer der potenziellen Geldgeber, ob nicht mal jemand dieses Telefon ausschalten könnte. Als die Gründer erklärten, nein, das ginge nicht, denn jedes Brummen sei eine neue Buchung, und einer von ihnen müsste jetzt auch mal rausgehen und die Therapeuten losschicken, machte das natürlich Eindruck.

Sie versuchen also zu vermitteln: Weniger ist mehr?
Kemper: So könnte man es sagen. Uns ist dennoch wichtig, den Gründern keine Standardlösungen aufzudrücken, denn die gibt es nicht. Jede Firma muss selbst herausfinden, welche digitalen Hilfsmittel am besten zu ihr passen. Dafür muss man einiges ausprobieren und sich dann entscheiden. Wie kommunizieren wir? Wo landen Daten? Wie setzen wir Prioritäten? Mit welchen Reaktionszeiten rechnen wir?

Gibt es auch Beispiele dafür, dass das Gründen mühsamer oder schwieriger geworden ist als früher?
Rheinboldt: Das ist meiner Meinung nach nur extrem selten der Fall. Das einzige Beispiel, das mir einfällt, wäre Relate IQ. Das war ein tolles Werkzeug für Customer Relationship Management (CRM), doch leider darf es aus rechtlichen Gründen nicht eingesetzt werden. Das Programm war gewissermaßen zwischen unseren Maileingängen, Kalendern und Adressbüchern angesiedelt, und wenn man sich eingeloggt hat, konnte man zum Beispiel nach Personen suchen. Wenn also bei uns im Team jemand Kontakt zu einem bestimmten Investor haben wollte, konnte er nicht nur den Eintrag im gemeinsamen Adressbuch sehen, sondern auch, dass ich dem vor zwei Stunden eine E-Mail geschrieben habe. Nicht den Inhalt der Mail wohlgemerkt, aber eben die Tatsache, dass da gerade ein Kontakt besteht. Das war extrem nützlich für unsere Arbeit.

Welche rechtlichen Probleme gab es?
Rheinboldt: Es war nicht mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) vereinbar. Oder zumindest hat die Firma Salesforce, die Relate IQ gekauft hat, entschieden, dass sie es nicht DSGVO-konform hinbekommen. Und Salesforce als CRM-Plattform würde zwar auch all diese Möglichkeiten bieten, ist aber viel zu groß und komplex für unsere Zwecke. Die Einrichtung und der Betrieb würden uns wahrscheinlich erschlagen.

Wie verhindert man, dass man sich in all den Apps verzettelt und am Ende mehr Zeit mit der Verwaltung aller Kommunikationskanäle verbringt als mit der eigentlichen Arbeit?
Kemper: Wenn man sich für jeden einzelnen Sonderfall das perfekte Werkzeug sucht, kann das dazu führen, dass man sich verzettelt. Man muss als Unternehmen darauf achten, dass die eigene Kommunikationsstruktur nicht zu viele Kanäle hat. Wenn ich am Ende nicht mehr weiß, ob mir der Kollege den wichtigen Kontakt per Mail geschickt hat oder per Facebook-Nachricht, ob er ihn bei Slack gepostet hat oder in die Whatsapp-Gruppe, dann habe ich ein Problem. Und wenn jeder Mitarbeiter permanent 17 Kommunikationskanäle im Auge behalten muss, weil in allen etwas Wichtiges reinkommen könnte, dann geht nichts voran.

Weiterlesen (inklusive Werkzeugkasten für Gründer) auf brandeins.de
Foto:
NESA by Makers / Unsplash

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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