Wohnungstausch: Die Sache mit den Sachen

Geschrieben von am 23/09/2019 in brand eins mit 0 Kommentare

Unser Autor lebt oft für mehrere Monate in Häusern oder Wohnungen anderer Menschen – während diese seine Wohnung nutzen. Das hat nicht nur sein Verständnis von Besitz verändert – sondern auch seine Art, Koffer zu packen.

Bald ist es wieder so weit. Von Anfang August bis Ende Oktober werden meine Frau und ich in einem schwarz-roten Holzhaus in Seattle an der US-Westküste wohnen, während das Ehepaar, das dort normalerweise lebt, unsere Berliner Wohnung übernimmt. Seit mehr als fünf Jahren tauschen wir uns so um die Welt. Mexiko, USA, Australien, Spanien, Schweden und Österreich. Nicht permanent, aber mehrmals im Jahr. Manchmal für vier Wochen, manchmal für drei Monate.

Anfangs schien es uns unmöglich, ein Vierteljahr in der Fremde mit nur einem Koffer zu überstehen. Allein die Temperaturschwankungen! „Kann sein, dass gerade noch Schnee liegt, wenn ihr kommt“, informierten uns unsere österreichischen Tauschpartner beispielsweise. „Aber dann wird’s meistens innerhalb von ein paar Wochen richtig warm.“ So kam es dann auch. Die Winterjacken, die wir mitgebracht hatten, hingen, von der ersten Woche abgesehen, drei Monate lang ungenutzt an der Garderobe, bis wir in Shorts und T-Shirt wieder abreisten.

Der Rollenwechsel ist das nächste Problem. Normalerweise soll ein Kofferinhalt ja vor allem eines sein: urlaubsgerecht. Ein Krimi für den Strand, bequeme Schuhe für die Stadterkundung. Wenn man vor Ort lebt und arbeitet, müssen neben der Alltagskleidung aber auch Sportausrüstung, Computer, Arbeitsunterlagen und die etwas repräsentablere Garderobe für einen Geschäftstermin mit. Badehose, Sonnenbrille und sonstige Freizeitutensilien dürfen trotzdem nicht zu Hause bleiben. Es ist ja auch mal Wochenende. Vor unserem ersten längeren Tausch – es ging drei Monate ins kalifornische Oakland – hätten wir am liebsten ein Umzugsunternehmen bestellt. Oder zumindest sehr viele sehr große Schrankkoffer mitgenommen.

Viele Menschen haben Angst, in der Fremde zu wenig dabeizuhaben. Kürzlich bekannten 62 Prozent aller Teilnehmer einer Umfrage zum Thema „Overpacking“ in den USA, viele Dinge in den Koffer zu stopfen, die sie vor Ort gar nicht brauchten. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, auch für einen dreimonatigen Aufenthalt nicht mehr Gepäck mitzunehmen als für einen Kurzurlaub.

Das liegt auch daran, dass man als Haustauscher viele Dinge der Gastgeber benutzen darf. Klar, das gilt nicht für Badehose oder Hornhautraspel. Aber weder banale Dinge wie Regenschirme noch örtliche Besonderheiten wie Anti-Bärenspray (von unseren kanadischen Tauschpartnern fürsorglich bereitgelegt) mitbringen oder vor Ort kaufen zu müssen, entschlackt das Reisegepäck erheblich.

Wir legen Reiseführer und Stadtpläne für Berlin bereit, unsere Tauschpartner vor Ort die entsprechenden Gegenstücke. Und wenn man sich in den Finger schneidet, weil die Messer dort schärfer sind, als man es von daheim gewohnt ist, braucht man keine eigene Reiseapotheke, sondern darf sich aus dem Medizinschrank ein Pflaster nehmen.

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Foto: Christoph Koch

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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