Wie bewegen wir uns in der Zukunft? Ein Ausblick auf die Mobilität von morgen

Geschrieben von am 01/12/2020 in GEO mit 0 Kommentare

Wie kommen wir klimafreundlich durch die Welt?

Am Südbahnhof von Amsterdam ist für Privatfahrzeuge Sackgasse. Aus welcher Richtung die Automobilität auch anrollt: Das Ende ist nah.  

Daher fällt auf, selbst wenn man unmittelbar vor dem belebten Bahnhof steht, wie still es dort für einen lebendigen Großstadtknotenpunkt ist. Eine S-Bahn rollt nahezu geräuschlos ein. Elek­trobusse schnurren davon, Radfahrer haben den großen Vorplatz und viele der umliegenden Straßen komplett für sich. Rund um den Bahnhof gibt es mehr als 9000 Fahrradstellplätze – unterirdisch und hochmodern. Eine Digitalanzeige leitet Radler auf sanften Rampen abwärts in die hellen, weitläufigen Garagen, die mit ihrem glänzenden Boden, weißen Säulen und futuristischer Deckenbeleuchtung eher an einen Luxus-Shop als an ein düster-muffiges Parkhaus erinnern.  

Pendler, die mit der S-Bahn ankommen, werden zu einem „Mobilitäts-Hub“ geleitet; dort kann jeder mit einer einzigen App auswählen, womit sie oder er weiterfahren will: E-Bike, Lastenrad, Elektroroller oder Carsharing-Fahrzeug? Alle lassen sich innerhalb der App reservieren, buchen, entriegeln und bezahlen.  

Sieht so die Zukunft der Mobilität aus?  

Wer dem Berliner Zukunftsforscher Stephan Rammler zuhört, bekommt jedenfalls den Eindruck, dass sich bald grundlegend ändern wird, wie wir uns fortbewegen. „Wir befinden uns am Endpunkt einer etwa 100-jährigen Automobilgeschichte“, behauptet Rammler, wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Im Interview spricht Rammler so schnell, dass man das Gefühl hat, in seinem Kopf seien schon wieder zwei neue Gedanken fertig, wenn der alte gerade erst halb ausformuliert ist.  

Das Ende des Autozeitalters ist also nah?  Noch ist für viele Menschen in Deutschland der eigene Pkw der Goldstandard der Fortbewegung. Sie spulen mit ihm die meisten Kilometer ab und investieren in ihn das meiste Geld. Das eigene Auto wartet geduldig und wasserdicht vor der Haustür, bis uns das Fernweh packt oder die Kinder in die Schule müssen. Es verkörpert, in zwei Tonnen Stahl, die Leichtigkeit müheloser Mobilität.  

Das Problem ist nur: Es sind viele, denen das Auto dies verspricht.  

Mehr als 40 Millionen Autos in Deutschland, die im Jahr 1,4 Millionen Kilometer Stau bilden: Mobilität ist, was wir uns wünschen. Verkehr ist, was daraus wird.  „Das alte Modell lautete: eine Familie, ein Haus, ein Auto“, führt Zukunftsforscher Stephan Rammler aus. „Doch für dieses Modell fehlen uns mehr und mehr die Ressourcen – vor allem der Platz und die fossilen Brennstoffe.“  

Nachhaltig ist dieses alte Modell nicht. In der EU verursacht der Verkehr rund 30 Prozent der gesamten CO2-Emissionen; rund 60 Prozent davon entfallen auf das Auto. Während der Ausstoß in der Industrie, beim Wohnen oder bei der Energieerzeugung seit Jahren sinkt, steigen die verkehrsbedingten CO2-Emissionen. Dazu kommt: Bis zum Jahr 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben, mehr als sechs Milliarden Menschen. Schon heute ächzen die Me­tropolen unter der Last des Verkehrs, machen Enge, Lärm und Abgase den Stadtbewohnern das Leben schwer. Unnötig schwer: Denn längst gibt es Konzepte für nachhaltige Mobilität.

I. Das Sammelsurium

Die Zukunft der Mobilität ist, auf den ersten Blick, unübersichtlich.  

Überall auf der Welt wurden in den vergangenen Jahren Pilotprojekte gestartet, die erlauben sollen, mehr Menschen nachhaltiger zu transportieren. Vor allem in Städten wird ein Sammelsurium von Ideen erprobt:  

• In Singapur experimentiert die Stadtverwaltung mit der Vernetzung anonymisierter Daten, um den Verkehr der Millionenmetropole intelligent zu steuern. Singapur steht damit an der Spitze eines internationalen Rankings zur Zukunftsbereitschaft für urbane Mobilität. (Amsterdam steht auf Platz 2, Berlin auf Platz 10.)  

• In Lissabon ließ der deutsche Autohersteller Volkswagen in einem Feldversuch Busse mithilfe von Quantencomputern effizienter durch den Verkehr steuern.

 • In La Paz, Bolivien, und in Medellín, Kolumbien, überbrücken Seilbahnen große Höhenunterschiede im Stadtgebiet.  

• Barcelona hat begonnen, komplette Stadtquartiere (supermanzanas) für den Autoverkehr zu sperren: Auf den einstigen Straßenkreuzungen treffen sich die Anwohner nun zu Yoga-Klassen. Die Verringerung der Abgasbelastung könnte, so kalkulieren Umweltmediziner, jährlich 3500 Todesfälle in der Region verhindern.  

• In Shenzhen, China, sind gut 16000 Batterie- Busse unterwegs, bis Ende 2020 sollen alle Taxis elektrisch fahren.  

• Der Flugzeugkonzern Airbus arbeitet an einem Flugtaxi ohne Pilot: Die „3-D-Mobilität“ soll helfen, die Enge am Boden zu überwinden.  

• Der japanische Autohersteller Toyota plant am Fuß des Vulkans Fuji eine komplett nachhaltige Modellstadt („Woven City“) mit emissionsfreien, selbststeuernden Fahrzeugen.  

Besonders in autonom fahrende Autos, also Fahrzeuge ohne Fahrer, setzen Stadtplaner große Hoffnungen: Solche Autos können, wenn ihre Computer miteinander kommunizieren, dichter hintereinander und nebeneinander fahren und brauchen daher weniger Platz im Stadtverkehr. Straßen werden, statt starren Linien zu folgen, fließend genutzt, mit kleinen, flinken, lautlosen Elektrofahrzeugen, die sich organisch wie Fische in einem Schwarm aneinander orientieren. Und autonom fahrende Kleinfahrzeuge und Minibusse könnten, weil sie ohne Personal auskommen, den öffentlichen Nahverkehr so individuell und günstig gestalten, dass das eigene Auto ein unnötiger, teurer Luxus wäre.  

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Text & Fotos: Christoph Koch

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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