Was wäre, wenn … Deutschland eine Zuckersteuer hätte?

Geschrieben von am 06/10/2020 in brand eins mit 0 Kommentare

Ein Szenario.

(Andere Folgen der „Was wäre, wenn…?“-Kolumne aus brand eins HIER lesen.)

„Zucker zaubert Energie“ schwärmte 1954 eine Fernsehwerbung im Wirtschaftswunderdeutschland. Die Industrie versprach darin, dank Zucker bleibe man schlank „wie eine Pinie“ und schlussfolgerte: „Nimm deshalb mehr!“ Heute würde das keiner mehr behaupten. In Deutschland sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen und 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig – auch weil sie zu viel Süßes essen. Statt der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 25 Gramm Zucker pro Tag, verzehrt der Durchschnittsbürger 90 Gramm. Immer wieder gibt es deshalb Forderungen nach einer Sondersteuer auf extrem zuckerhaltige Lebensmittel, wie beispielsweise Limonaden. Was wäre, wenn Deutschland eine solche Steuer bekäme?

Wie bei allen Steuern, die das Verhalten der Menschen beeinflussen sollen, sollte man sich die Konkurrenz zweier Ziele vor Augen führen. (Siehe auch: „Was wäre, wenn es eine weltweite Finanztransaktionssteuer gäbe?“). Hohe Steuereinnahmen, mit denen man Gesundheitsprojekte unterstützen könnte, setzen voraus, dass die Menschen weiterhin viel Zucker konsumieren. Tun sie das nicht, bringt die Steuer kaum Geld.

Thema Zuckersteuer: Im Bild sind gestapelte Zuckerwürfel zu sehen.

Was eine Zuckersteuer bewirken kann, zeigt das Beispiel Großbritannien. Dort wurde mit der „Soft Drinks Industry Levy“ eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt: 18 Pence pro Liter bei mehr als 50 Gramm Zucker pro Liter und 24 Pence bei mehr als 80 Gramm. Zwischen der Ankündigung der Abgabe 2016 und der Einführung 2018 hatten bereits mehr als die Hälfte aller Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke reduziert. Dadurch wurden 45 Millionen Kilo Zucker pro Jahr eingespart. Dadurch beliefen sich die Steuereinnahmen nur auf 240 Millionen Pfund. Die Regierung war von 520 Millionen Pfund pro Jahr ausgegangen. Das bedeutete wiederum, dass weniger Geld für die Schulsportanlagen und gesünderen Schulfrühstücke zur Verfügung stand. Diese hätten mit den Steuereinnahmen finanziert werden sollten.

Zuckersteuer in Frankreich

Nicht nur bei der Herstellung, sondern auch an der Ladenkasse wirkt sich die Steuer aus: „Modellrechnungen und bisherige Erhebungen gehen davon aus, dass jede Erhöhung des Preises unmittelbare Auswirkungen auf den Konsum hat“, sagt Carolin Krieger, Expertin für Lebensmittelpolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). „In Frankreich hat beispielsweise eine 2011 eingeführte Steuer den Konsum von Süßgetränken um durchschnittlich zwei Prozent sinken lassen. Bei Haushalten mit einem hohen Verbrauch an gezuckerten Getränken lag der Rückgang mit 9,7 bis 11,4 Prozent noch deutlich höher.“ Auch in Mexiko haben mehrere Untersuchungen nachgewiesen, dass der Konsum von zuckerhaltigen Getränken infolge einer 2014 eingeführten Steuer um bis zu 12 Prozent sank. Gezuckerte Getränke waren durchschnittlich um etwa 10 Prozent teurer geworden – von den Einnahmen finanzierte die Regierung Wasserspender in Schulen.

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Foto: Mae Mu / Unsplash

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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