Grüner wird’s nicht – die Biosaftpioniere von Voelkel

Geschrieben von am 18/11/2015 in Süddeutsche mit 2 Kommentare

Der gekachelte Boden ist so zerfressen, als würden hier die gefährlichsten Chemikalien verarbeitet. Doch es ist nur die Fruchtsäure, die ihm so zusetzt. „Alle paar Jahre müssen wir hier den Boden erneuern“, sagt Boris Voelkel bei einer Führung durch die Produktionsanlagen. Dicke Rohre winden sich silbern zwischen massiven Pressen und Zentrifugen. Gerade wird eine sogenannte Schnecke zum Auspressen einer Lieferung Blaubeeren vorbereitet, die draußen vom Lkw abgeladen werden. „Die kommen aus den Karpaten“, sagt Boris Voelkel. „Das sind mit Abstand die Besten.“ Der junge Mann ist groß und kräftig, trägt Vollbart und ist einer der vier Söhne des Firmenchefs Stefan Voelkel und für den Einkauf zuständig. Auch wenn es sich mittlerweile um einen Großbetrieb handelt, erinnern die handwerkliche Sorgfalt und der behutsame Umgang mit Ware und Umwelt an eine kleine Manufaktur.

Vor fast 100 Jahren zogen Boris’ Urgroßeltern – Margret und Karl Voelkel – hierher ins abgelegene Wendland und begannen mit der Saftherstellung. Zuerst mit einer mobilen Saftpresse, die „Most-Maxe“ genannt wurde. „Es war eine Zeit der Not“, sagt Boris Voelkel, der die Geschichte seiner Urgroßeltern und der Wandervogelbewegung, der sie angehörten, recherchiert und in einem Buch aufbereitet hat. „Die Menschen hatten entweder gar nichts oder – unmittelbar nach der Apfelernte zum Beispiel – zu viel. Und die Früchte verdarben schneller, als sie diese verarbeiten konnten.“

Dagegen half zuerst der Most-Maxe. Später übernahmen die Voelkels eine stillgelegte Molkerei an genau der Stelle in Pevestorf, an der sich auch heute noch das Firmengelände befindet. Inzwischen ist die Firma Voelkel Marktführer im Bereich Biosäfte. 45 Millionen Euro Umsatz im Jahr. 300 Hersteller aus aller Welt liefern jährlich 8000 Tonnen Gemüse, 3000 Tonnen Beeren und allein 8000 Tonnen Äpfel an den Familienbetrieb. Der war als Pionier in einer Nische gestartet, die nun zunehmend in Bewegung gerät: Jeder Discounter bietet inzwischen Biosäfte an, in jedem Kiosk bekommt man kleine Smoothie-Fläschchen, auf deren Etiketten stolz aufgezählt wird, wie viele Bananen, Mangos und Äpfel in ihnen stecken. Hinzu kommt: Die gesamte Branche der Biolebensmittel befindet sich im Wandel. Aus Idealisten-Betrieben wurden Konzerne. Aus Ein-Mann-Bio-Läden Einzelhandelsketten. Harte Zeiten für die Saftpioniere aus dem Wendland, die ihren Prinzipien treu bleiben wollen – und unabhängig.

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Das Familienunternehmen: Firmenchef Stefan Voelkel und seinen Söhnen Jacob, Jurek, David und Boris (v. li.) und die Großtante Linde Kahl.

Dass das nicht immer einfach ist, haben verschiedene Beispiele gezeigt: Vielerorts haben die Idealisten den Kaufleuten Platz gemacht. Der niedersächsische Biopionier Allos wurde an den niederländischen Lebensmittelkonzern Royal Wessanen verkauft. Die Biomolkerei Söbekke und ein großer Teil der Biomolkerei Andechser gehören inzwischen zum französischen Milch- und Käsespezialisten Bongrain, der mit Marken wie Géramont, Fol Epi, oder Le Tartare bekannt wurde. Bongrain wiederum gehört zur französischen Savencia Fromage & Dairy, die an der Pariser Börse notiert ist und im vergangenen Jahr einen Umsatz von etwa 4,6 Milliarden Euro erzielte.

„Darüber kann man schimpfen – oder man kann dafür sorgen, dass einem selbst so etwas nicht passiert“, sagt Boris’ Bruder Jurek Voelkel. „Unsere langjährigen Kunden wissen es zu schätzen, dass wir es unmöglich gemacht haben, dass die Firma Voelkel an einen multinationalen Konzern verkauft wird, dem es ausschließlich um Shareholder Value geht.“ Die Lösung, die einen solchen Verkauf unmöglich macht: Das Unternehmen ist in eine Stiftung eingebracht worden, in der biologisch-dynamische Grundsätze, ökologische Landwirtschaft und soziales sowie nachhaltiges Handeln vorgeschrieben werden. So will man mit Prinzipientreue und Transparenz auf dem harten Biomarkt bestehen.

„Die Gründung der Stiftung hat auch die quälende Frage nach der Nachfolge beendet – zum Beispiel danach, wer von uns vieren Chef wird. Jetzt sind wir alle gemeinsam an Bord“, sagt Boris Voelkel. Der 30-Jährige ist für den Einkauf, sein Bruder Jurek, 24, für den Vertrieb zuständig. Daneben gibt es noch Jacob , 29, der als Betriebsleiter für die technische Seite der Produktion verantwortlich ist, und David, 27, der als ausgebildeter Erzieher von den vieren bislang noch am wenigsten Drang verspürt, den urgroßelterlichen Betrieb in die Zukunft zu führen. Gemeinsam sitzen die Brüder im Kuratorium der Stiftung. Den Vorstand hat noch Vater Stefan, 57, inne. Er fasst den Ansatz der Stiftung wie folgt zusammen: „Wir arbeiten privatwirtschaftlich, aber nicht gewinnmaximiert.“

Die Smoothie-Konkurrenz schläft nicht

  Draußen, am Rande des Firmengeländes steht eine gigantische Mauer aus grünen Mehrweg-Kisten. Stündlich schieben sich Lkws an ihr vorbei, die schmale Landstraße entlang, um der abgelegenen Saftfirma Metallfässer voller Mangomus aus Indien, Grapefruits aus Israel oder Sanddorn aus Mecklenburg-Vorpommern zu liefern. Oder einige Paletten der insgesamt 20 Millionen Flaschen abzuholen, die Voelkel inzwischen jährlich herstellt. Und das in einem immer stärker umkämpften Markt.

Da sind zum einen die Saft- und Smoothie-Anbieter wie True Fruits, Innocent oder Evolution, die Obst in kleine Flaschen quetschen und ihre Kundschaft vom Starbuck’s-Tresen bis zum Tankstellenregal fröhlich duzend ankumpeln („Puste mit uns positive Gedanken in die Welt“, „Kein lästiges Obstschälen etc. – das erledigen wir für Dich“). Mit junger „To-Go“-Dynamik befreiten diese Start-ups in den vergangenen Jahren Bioobst und gesunde Ernährung von angestaubten Jesuslatschen-Assoziationen.

„Das ist eine große und immer wieder belebende Herausforderung für uns“, sagt Jurek Voelkel, der Vertriebssohn. „Wir müssen als Marktführer gegen junge, wilde Start-up-Macher antreten, die im Marketing oft deutlich besser sind als wir.“ So haben in einer Umfrage der Bioladen-Zeitschrift Schrot&Korn 90 Prozent der Befragten angegeben, den Voelkel-Produkten zu vertrauen, eine „gute Werbung“ haben der Firma jedoch nur 20 Prozent attestiert. „Das Problem mit den kleinen hippen Smoothie-Start-ups ist jedoch, dass die in der Regel ihre Säfte gar nicht selbst herstellen“, fährt Jurek Voelkel fort. „Die belasten sich nicht mit dem Aufwand einer eigenen Produktion, sondern lagern diese aus und kreieren den Mehrwert allein durch starkes Marketing. Unser Vorteil ist, dass wir das Produktions-Know-how besitzen. Mein Bruder Jacob weiß eben von Anfang bis Ende, wie man guten Möhrensaft macht – besser als jeder andere.“

Trotzdem muss Voelkel auf die verschiedenen flüssigen Trends reagieren, die Firma bringt jedes Jahr ungefähr 40 neue Produkte auf den Markt: Da wäre zum Beispiel die neue Reihe der „Fair to go“-Säfte in derzeit angesagten Geschmacksrichtungen wie Traube-Guave-Aloe-Vera. Aber auch einen Energydrink hat Voelkel im Programm – der allerdings statt mit dem üblichen Taurin mit Guarana wachhält. Für die vegane Minimahlzeit zwischendurch haben die Voelkels sich „Vegan to go“ ausgedacht, dessen Sorte „Kraftprotz“ mit Quinoa und Matcha gleich zwei Trendzutaten in einer handlichen Flasche zum Ausschlürfen vereint.

Der wachsende Masse an Biolimos – von Coca-Colas „ViO“ über „Lemonaid“ und „now“ bis zur Berliner Biedermeierbrause „Proviant“ – begegnete Voelkel mit der Limonadenserie „BioZisch“. Und dem Retrotrend der vergangenen Jahre, der mit gezeichneten Etiketten oder schnörkeliger Schreibschrift die gute alte Zeit beschwor, setzte Voelkel „Margret und Karl“ entgegen: nach den Urgroßeltern benannter Apfelsaft in der großen, Rhabarber- und Stachelbeerschorle in der kleinen Flasche.

Wo andere Firmen sich die Geschichte, die Tradition und die Authentizität, die damit verknüpft sind, in Werbetexten und auf Etiketten mühsam herbeidichten müssen, können die Voelkels einfach im Familienarchiv stöbern. Der baumfrische Apfelsaft unter dem Label „Margret und Karl“ war jedenfalls ein voller Erfolg: „Da konnten wir unser gesamtes Talent im handwerklichen Umgang mit wertvollen Direktsäften ausspielen – und obwohl er deutlich teurer war, als der normale Apfelsaft, haben ihn uns die Leute quasi aus den Händen gerissen“, sagt Jurek Voelkel. „Wertigkeit ist wieder gefragt und wir profitieren davon, dass der Gedanke ,vom Einfachen das Gute‘ momentan Konjunktur hat.“

Bei der zweiten Charge des Safts, der ohne Zwischenlagerung sozusagen direkt vom Baum in die Presse und von dort in die Flasche kommt, haben sich die Brüder dann ausnahmsweise mal richtig in die Haare bekommen: „Es ging darum, ob und warum die neue Abfüllung ein anderes Säurespiel hat als die erste“, sagt Jurek Voelkel. „Aber ich habe mich irgendwie auch darüber gefreut, dass wir uns über einzelne Geschmacksnoten unseres besten Apfelsafts streiten – anstatt über Spitzenauslastungen oder solche Dinge.“

Biosupermarkt statt Tante Emma

  Doch die kleinen Flüssig-Start-ups wie „Proviant“ oder „fritz“ sind nicht das einzige Problem: „Für uns ist es auch schwierig, wenn es plötzlich Biotraubensaft bei Aldi gibt, weil wir da preislich einfach nicht mithalten können“, sagt Jurek Voelkel. „Wir versuchen dann zum Beispiel mit heimischem Traubensaft dagegenzuhalten.“ Regional, von Hand geerntet, demeter-zertifiziert, Direktsaft und kein Konzentrat – statt sich auf den Preiskampf einzulassen, versucht Voelkel mit Qualität und Umweltbewusstsein zu punkten. Ganz verschließen kann sich die Firma der Preisthematik dennoch nicht: Während in der einen Abfüllanlage die eigenen Glasflaschen rattern, laufen in der Halle nebenan die Tetrapacks für Handelsmarken wie Alnatura vom Band, die Voelkel ebenfalls herstellt.

Denn nicht nur die Saftbranche, der ganze Biohandel befindet sich massiv im Umbruch: Wo früher inhabergeführte Lädchen aus dem Souterrain heraus ein kleines Sortiment an engagierte, ideologisch firme Ökos verkauften, wenden sich heute Ketten wie „Bio Company“, „denn’s“ oder eben Alnatura an den modernen, pragmatischen Großstädter. „Die Biobranche professionalisiert sich. Da finden inzwischen dieselben Mechanismen statt wie im normalen Lebensmittelhandel – wenn auch in abgeschwächter Form“, sagt Jurek Voelkel. „Das ist aber nicht nur negativ! Wir profitieren ja durchaus auch davon, dass Biosupermarktketten neue und größere Kundenkreise ansprechen. Aber wir müssen uns die Frage stellen, wie wir uns in diesem sich verändernden Markt bewegen wollen.“

Die Verhandlungsmacht verschiebe sich derzeit eindeutig in Richtung Handel: „Die zunehmende Konzentration macht es den Ketten einfacher, die Daumenschrauben anzulegen“, sagt Jurek Voelkel. Deren Einkäufer sagten dann, „mach mir diesen Preis, sonst kaufe ich im Ausland“.

Die Voelkels selbst haben zwar dank der Stiftung die Nachfolgefrage für sich beantwortet – doch derselbe Generationenwechsel steht auch bei vielen der Bioläden an, die Voelkel-Produkte verkaufen. Und ebenso bei den Lieferanten, von denen die Voelkels ihre Rohware beziehen. Auch dort ist die Zeit vorbei, in der es nur eine Handvoll Kleinbauern gab, die biologischen Anbau betrieben. Auch dort gibt es inzwischen immer größere und immer professionellere Betriebe.

„Früher war Bio eine Nische. Da kannte jeder jeden. Das ist heute anders“, sagt Boris Voelkel, der Einkaufsbruder. „Aber die Beziehungen zu unseren Lieferanten von damals bestehen noch heute. Wir sind gemeinsam gewachsen.“ Die Lieferanten, das sind Apfelbauern aus dem Alten Land und ein italienischer Hof, dem bereits Boris Voelkels Großeltern Blutorangen abgekauft haben. Aber auch ein biologisch-dynamischer Betrieb aus der Türkei, der Granatäpfel anbaut und ein Mangoproduzent aus Indien, den die Voelkels dazu brachten, auf Demeter-Richtlinien umzustellen.

„Wir sind mit unseren Zulieferern befreundet“, beschreibt Boris Voelkel das Verhältnis. „Ich empfinde das wirklich so.“ So oft wie möglich versucht er die Lieferanten zu besuchen und den persönlichen Kontakt zu vertiefen. „Das bedeutet bei Demeterbauern auch, dass man gemeinsam Schafgarbenblüten pult und in eine Kuhblase stopft“, sagt Boris Voelkel in Anspielung auf die biologisch-dynamische Lehre von Rudolf Steiner, die das Vergraben solcher „Präparate“ für Demeterhöfe auch heute noch verbindlich vorschreibt. „Aber wenn ich dann mitten im derzeitigen Grünkohl-Boom anrufe, ob wir vielleicht noch fünf Tonnen Grünkohl haben können, dann kriegen wir die auch noch.“ Auch in einer sich professionalisierenden Biowelt können sich persönlicher Einsatz und der Glaube ans freundliche Miteinander also mitunter ganz pragmatisch auswirken.

Für den ein oder anderen Lieferanten mag Voelkel wiederum eine Inspiration sein, weil der Familienbetrieb beweist, dass man auch als idealistischer Pionier nicht nur überleben, sondern sogar zum Marktführer wachsen kann. Und dennoch keine Abkürzungen nehmen und nicht von seinen einstigen Prinzipien abrücken muss. Voelkel ist der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist, mit der Zeit zu gehen und sich trotzdem der Tradition der Ökobewegung verpflichtet zu fühlen und nach ihren Grundsätzen zu handeln. Klar, die Spielregeln ändern sich – doch bisher hat die Familie aus dem Wendland bewiesen, dass sie mit regelmäßigen Innovationen sowohl der frechen und agilen Start-up-Konkurrenz als auch der fortschreitenden Marktkonzentration trotzen kann.

Manchmal vielleicht auch gerade deshalb, weil sie manchen unschönen Trend nicht mitmacht. Zum Beispiel, die in der Gastronomieszene immer öfter üblichen Zahlungen, um in einer besonders angesagten Bar mit seinen Produkten präsent zu sein. Für die Voelkels undenkbar. „Wir haben manchmal das Glück, dass da dann jemand aus einer Waldorfschule sitzt“, sagt Jurek Voelkel und grinst. „Der sagt dann: ,Ich weiß, Ihr seid gut, auch wenn Eure Etiketten uncool sind‘ – und dann sind wir im Boot.“

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung
Foto: Voelkel

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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