Anpassung an die Wirklichkeit: Daimler-Vorstand Wilfried Porth über Flüchtlinge

Geschrieben von am 29/04/2016 in brand eins mit 0 Kommentare

Deutschland braucht Arbeitskräfte. Deshalb sind Flüchtlinge gut für das Land.Und Deutschland braucht mehr Flexibilität. Das verlangen die nächste Generation und die Märkte. Ein Gespräch mit Wilfried Porth, Personalvorstand der Daimler AG.

brand eins: Herr Porth, Ihr Chef, der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche, hat als einer der ersten deutschen Topmanager gesagt, dass die Flüchtlinge eine Chance für Deutschland seien. Er bezeichnete sie als „hoch motiviert“, wer an die Zukunft denke, „wird sie nicht abweisen“. Macht Daimler jetzt auch Politik?

Wilfried Porth: Wir verfolgen nicht nur den Automobilsektor, sondern auch die weltweite gesellschaftliche Entwicklung. Wir glauben, dass unsere Gesellschaft die Flüchtlinge nicht vorwiegend als Problem sehen darf. Sondern sie muss sich vor allem fragen, wie diese Menschen dabei helfen können, dem demografischen Wandel, dem Mangel an Fachkräften und all dem, was damit zusammenhängt, zu begegnen.

Gehen Ihnen denn tatsächlich die Arbeitskräfte aus?

Als großes Unternehmen haben wir es sicher einfacher als viele kleinere und mittlere Betriebe. Deren Bewerbersituation ist anders, und sie spüren den demografischen Wandel deutlich früher und stärker. Da viele dieser Firmen aber unsere Lieferanten sind, hängen wir ein Stück weit von ihnen ab. Insofern betrifft uns das durchaus auch.

daimler porth

Können Flüchtlinge wirklich das nächste Wirtschaftswunder einleiten, wie Zetsche das formuliert hat?

Wir befinden uns in sehr schnelllebigen Zeiten. Jeder erwartet eine Lösung über Nacht, aber die kann es nicht geben. Wir reden von einer beruflichen und sozialen Integration. Beides muss sich über Jahre entwickeln, dafür müssen wir gemeinsam die Voraussetzungen schaffen. Natürlich kommen nicht ausschließlich Leute mit einer dualen Ausbildung, wie wir das hier in Deutschland kennen. Aber die Frage ist, ob Aus- und Weiterbildung diese Menschen in die Lage versetzen können, einen Beruf auszuüben. Wir sagen ganz klar: Das geht. Die allermeisten, die zu uns kommen, haben in ihrer Heimat Berufe ausgeübt oder sind zur Schule gegangen. Deshalb glauben wir, dass sie gute Voraussetzungen mitbringen, um unserer Gesellschaft zu nützen.

Seit Anfang November bietet Daimler 14-wöchige Brückenpraktika für Flüchtlinge an. Was passiert da konkret?

Wir haben in unserem Werk in Stuttgart-Untertürkheim mit 40 Flüchtlingen angefangen. Die Rückmeldungen sind absolut positiv: Alle sind hoch engagiert und jeden Tag erschienen. Der Tagesablauf teilt sich auf in eine Hälfte Sprachunterricht und eine Hälfte berufliches Lernen, was in unserem Fall die Arbeit in der Fertigung bedeutet. Das Ziel ist es, den Praktikanten zu vermitteln, wie eine Tätigkeit in der Industrie hier in Deutschland abläuft. In einer Welt, die zum Beispiel ganz anders automatisiert ist und die in einer anderen Geschwindigkeit und mit einer anderen Effizienz funktioniert, als sie es vielleicht von zu Hause kennen.

Weiterlesen auf brandeins.de …

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: brandeins 2/16

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

Abonnieren

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, lassen Sie sich über ähnliche informieren.

RSS-Feed abonnieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Top