Ein Unternehmen macht Schule

Geschrieben von am 15/01/2018 in brand eins mit 0 Kommentare

In der Provinz ist es schwierig, Fachkräfte zu finden. Auf der Schwäbischen Alb hat die Firma Groz-Beckert deshalb eine eigene Grundschule gegründet.

Das Problem von Albstadt wird bereits deutlich, wenn man beschreiben will, wo der Ort liegt: zwischen Balingen und Sigmaringen – das ändert jedoch nichts an der Ratlosigkeit. 70 Kilometer südlich von Stuttgart stimmt zwar, ist aber trügerisch. Denn egal, ob mit dem Zug oder Auto: Anderthalb Stunden dauert es, bis man es von der Landeshauptstadt bis auf die Schwäbische Alb geschafft hat. Wenn es schlecht läuft, auch zwei. Und so schön die Streuobstwiesen und das Juragebirge sind, so idyllisch die Häuser mit den spitzen Giebeln und den frisch gewaschenen Autos davor: Leben wollen hier immer weniger Menschen. Seit den Siebzigerjahren sinkt die Einwohnerzahl. Das merkt auch ein mittelständischer Familienbetrieb wie die Groz-Beckert KG. 1852 begann die Firma, im Stadtteil Ebingen Nähnadeln herzustellen. Heute ist das Unternehmen mit einem Umsatz von 665 Millionen Euro Weltmarktführer für Industrienadeln zum Nähen, Stricken, Weben, Filzen, Wirken und Tuften.

„Wir sind hier infrastrukturell nicht bevorzugt“, umschreibt Thomas Lindner, Vorsitzender der Geschäftsführung und Nachfahre der Gründerfamilie Beckert, die Lage. Er muss dafür sorgen, dass von den im Zollernalbkreis vorhandenen Fachkräften möglichst viele für Groz-Beckert arbeiten wollen. Zusätzlich muss es ihm gelingen, gesuchte Spezialisten, wie beispielsweise Metallurgen, von außerhalb zu holen. Die klassischen Methoden – gute Bezahlung, Beteiligung am Gewinn – hat er alle längst angewendet. Schwieriger wird es beim viel beschworenen Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Flexible Arbeitszeitmodelle sind wichtig für Familien – aber für einen Produktionsbetrieb wie uns deutlich schwieriger umzusetzen als in reinen Büroberufen“, sagt Lindner.

Als sich eine vom Ausbildungsleiter Nicolai Wiedmann organisierte Betreuung in den Sommerferien als durchschlagender Erfolg erwies, kam Lindner eine Idee. Wiedmann hatte für das Vorhaben eine leer stehende Grundschule angemietet. Was, wenn Groz-Beckert die Kinderbetreuung nicht nur in den Ferien erleichtern könnte, sondern das ganze Jahr über? An Unternehmen angeschlossene Kitas gibt es einige. Manchmal sind die Firmen selbst Betreiber, häufiger kaufen sie sich in bestehende Einrichtungen ein und buchen eine bestimmte Anzahl von Plätzen für ihre Mitarbeiter. Groz-Beckert war das nicht genug: Das Unternehmen eröffnete im September 2013 nicht nur eine Kindertagesstätte, sondern auch die deutschlandweit erste private Grundschule eines Unternehmens.

Offen für alle

17,5 Millionen Euro hat das Unternehmen in das Gebäude investiert, das am Rande des Firmengeländes liegt. Anfangs kam noch ein jährlicher siebenstelliger Beitrag an Betriebskosten dazu. Drei Jahre nach der Eröffnung – und somit zum frühestmöglichen Zeitpunkt – erhielt die Grundschule dann ihre staatliche Anerkennung und bekommt deshalb seit 2016 eine Förderung von 3600 Euro pro Schüler und Jahr. Dadurch muss Groz-Beckert nur noch einen sechsstelligen Betrag zuschießen. Für die Eltern ist ein nach Einkommen gestaffeltes Schulgeld fällig.

Verglichen mit anderen Privatschulen ist dieses jedoch moderat: Bei einem Familienbruttoeinkommen von 30 000 Euro jährlich sind es beispielsweise 75 Euro, bei 100 000 Euro jährlich werden monatlich 266 Euro Schulgeld fällig. „Am Geld scheitert es normalerweise bei niemandem, sofern einem das Angebot zusagt“, sagt Nicolai Wiedmann, Projektleiter und Geschäftsführer der Groz-Beckert-Tochter Kita und Grundschule Malesfelsen GmbH.

Die Schule steht außerdem nicht nur Mitarbeitern von Groz-Beckert zur Verfügung: Alle Kinder der Gegend dürfen sie besuchen, das war eine der Bedingungen für die staatliche Förderung. Von den rund 70 Kindern in den vier Grundschulklassen sind lediglich 20 die Kinder von Mitarbeitern. In der Kita ist die Verteilung ähnlich.

In der Vorbereitungs- und Gründungsphase hat sich das Unternehmen mit dem nahe gelegenen Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung und dem privaten Dienstleister Klett Lernen und Bildung GmbH aus Stuttgart zusammengetan. Das daraus entstandene Angebot kann sich sehen lassen: Englisch wird, wie in den meisten Gegenden Baden-Württembergs üblich, ab der ersten Klasse gelehrt – und das ausschließlich von Muttersprachlern. Eventuell könnte demnächst noch Mandarin dazukommen, das ist bislang jedoch lediglich eine vage Idee, so Lindner: „Man kann nicht mit der Kür anfangen.“

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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