Ideen-Wettbewerbe: Geld macht erfinderisch

Geschrieben von am 09/10/2017 in brand eins mit 0 Kommentare

Wo bin ich?

Das britische Parlament lobte 1714 ein Preisgeld für denjenigen aus, der den Längengrad einer Schiffsposition genau bestimmen konnte. Im Gegensatz zum durch den Sonnenstand einfach zu ermittelnden Breitengrad war das zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich. Spanien hatte bereits im 16. Jahrhundert zu einem Wettbewerb zur Lösung des Problems aufgerufen – ohne Erfolg. Das Preisgeld war mit 10 000 Pfund (heute ungefähr zwei Millionen Pfund) bei einer Abweichung von einem Grad sehr hoch. Für eine noch geringere Abweichung wurde sogar das Doppelte versprochen. Trotzdem dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis eine Lösung gefunden war: Der Handwerker John Harrison entwickelte – gegen den Widerstand unter anderem von Isaac Newton – eine Uhr, die auch an Bord eines Schiffes genau genug lief, um damit die Position relativ zum Heimatort zu bestimmen. Harrisons größte Konkurrenten waren Astronomen, die den Längengrad unter anderem durch Mondbeobachtung ermitteln wollten und die Ausschreibung zuungunsten Harrisons änderten. Dieser musste lange um das ihm zustehende Preisgeld kämpfen und erhielt die letzte Zahlung erst im Alter von 80 Jahren.

Film ab!

Als Netflix noch kein Streaming-Dienst war, sondern DVDs per Post verlieh, versprach die Firma demjenigen eine Million Dollar, der den Cinematch genannten Empfehlungsalgorithmus um mindestens zehn Prozent verbessern könnte. Solange dieses Ziel nicht erreicht wurde, gab es von 2006 an jedes Jahr 50 000 Dollar für das bislang beste Resultat. Im September 2009 präsentierte das Team „BellKor’s Pragmatic Chaos“ einen Algorithmus, dessen Prognosen um 10,06 Prozent präziser waren als Netflix’ bisherige. Die Siegermannschaft war ein Zusammenschluss mehrerer Teams, die in den Vorjahren bereits sehr gut abgeschnitten hatten: zwei Österreicher, die als „Big Chaos“ angetreten waren, zwei AT&T-Forscher (alias Bellkor) sowie zwei Wissenschaftler, die unter dem Namen Pragmatic Theory getüftelt hatten. Ein Konkurrenzteam namens The Ensemble kam auf eine Verbesserung in exakt gleicher Höhe, hatte seinen Algorithmus aber 20 Minuten später eingereicht und landete deshalb nur auf dem zweiten Platz. Kurze Zeit später verklagten vier Kunden Netflix: Die Firma habe durch die Herausgabe der anonymisierten Bewertungsdaten ihre Privatsphäre verletzt. Nach einer außergerichtlichen Einigung verzichtete Netflix auf eine zuvor angekündigte Neuauflage des Wettbewerbs.

Geschäfte im Weltall

Mit dem Satz „Raumfahrt ist nicht immer glamourös“ kündigte der Nasa-Astronaut Rick Mastracchio Ende 2016 in einem Video die „Nasa Space Poop Challenge“ an. Denn: „Auch im Weltall müssen die Menschen aufs Klo.“ Normalerweise tragen Astronauten Windeln, wenn sie in Raumanzügen im All zu tun haben. Doch sollten sie in einem Notfall mehrere Tage in diesem Anzug bleiben müssen, kann dies zu Problemen führen. Deshalb schrieb die Nasa einen Wettbewerb aus, um Astronauten ihr Geschäft in der Schwerelosigkeit zu erleichtern. Rund 20 000 Teilnehmer aus 130 Ländern reichten insgesamt mehr als 5000 Vorschläge ein. Den ersten Preis – mit 15 000 Dollar dotiert – gewann am Ende Thatcher Cardon, Arzt bei der US-Luftwaffe. Er entwarf eine Mini-Luftschleuse, die sich im Schritt des Raumanzugs befindet. Durch diese können spezielle Windeln in den Raumanzug befördert, dort aufgeblasen und wieder herausgeholt werden. Es soll den Astronauten sogar möglich sein, ihre Unterwäsche durch die winzige Luke zu wechseln. Nun beginnt die Nasa, Prototypen des Siegerkonzeptes und der beiden anderen Preisträger zu entwickeln und diese im All zu testen.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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