Okay Google, was ist los?

Geschrieben von am 22/04/2020 in brand eins mit 0 Kommentare

Lange Zeit galt der Internetkonzern als traumhafter Arbeitgeber. Doch seit einiger Zeit mehrt sich die Kritik der Angestellten an ihrem Unternehmen. Woran liegt das?

In den Rankings der beliebtesten Arbeitgeber schien Google jahrelang ein Abo auf die vordersten Platzierungen zu haben. Ob die „100 Best Companies To Work For“ des »Fortune Magazine« oder die „Best Places to Work“ der Bewertungsplattform Glassdoor: In den Zehnerjahren stand Google – der als Suchmaschine gestartete Internetkonzern aus dem kalifornischen Mountain View – in derlei Ranglisten meist auf Platz 1. Rund zwei Millionen Bewerbungen gingen pro Jahr bei dem Unternehmen ein, so hieß es. Dort einen Job zu bekommen sei schwieriger, als einen Studienplatz in Harvard zu ergattern.

Doch seit einiger Zeit kriselt es zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Bei den Rankings musste Google die Krone des beliebtesten Arbeitgebers an Unternehmen wie die Hotelkette Hilton oder die Beratungsfirma Bain abgeben. Immer mehr Angestellte äußerten sich kritisch über den Kurs der Firma, zuerst intern, dann zunehmend öffentlich.
Zum großen Krach kam es schließlich im November 2018, als mehr als 20 000 der etwa 100.000 Mitarbeiter der Google-Mutter Alphabet bei „Walkouts“ in Mountain View und vor Büros des Unternehmens in aller Welt demonstrierten. Auslöser für die Proteste waren unter anderem die millionenschweren Abfindungen gewesen, die Google-Manager laut Berichten der »New York Times« erhalten hatten, obwohl sie die Firma wegen sexueller Belästigung hatten verlassen müssen. Auch bei ethischen Fragen zu künstlicher Intelligenz, Aufträgen für das US-Verteidigungs- oder Heimatschutzministerium oder Googles Engagement in China scheinen Unternehmensführung und Mitarbeiter immer häufiger auf unterschiedlichen Seiten zu stehen.

Kampf um die Besten

Dabei galt Google lange Zeit als der ideale Platz für Freigeister und besonders anspruchsvolle Menschen. Neben der meist überdurchschnittlichen Bezahlung lag das zum einen an den „Perks“, den Zusatzangeboten, die anfangs zum Beispiel von Deutschland aus mit großen Augen bestaunt wurden: kostenlose Mahlzeiten im „Googleplex“, Wäscheservice und Fitnessstudios, WLAN in den Shuttlebussen, die die Angestellten von ihrem Wohnort ins Büro brachten, knallbunte Fahrräder, die jedem auf dem Firmencampus zur Verfügung standen, und vieles mehr, was vor zehn oder zwanzig Jahren für traditionelle Firmen unvorstellbar war – und inzwischen zum Standardprogramm vieler Unternehmen geworden ist.

Google hatte früh verstanden, dass gerade im Silicon Valley ein Kampf um die besten Software-Entwickler entbrannt und beinahe kein Preis zu hoch war, um die Besten der Besten an sich zu binden (siehe auch „Die Zukunft gehört den Geeks“, brand eins 06/2015). Neben Nettigkeiten wie Freibier oder Häppchen zum wöchentlichen „All-Hands“-Firmenmeeting gab es deshalb auch Handfestes wie für US-Verhältnisse großzügige 18 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub. Oder die Regelung, dass die Familie eines Google-Mitarbeiters in dessen Todesfall zehn Jahre lang die Hälfte des Gehalts erhält und Google die Ausbildung der Kinder finanziell unterstützt. Legendär war – zumindest in den früheren Google-Zeiten – auch die sogenannte 20-Prozent-Politik des Konzerns: Ein Fünftel ihrer Arbeitszeit, so wurde berichtet, konnten Mitarbeiter eigenen Projekten widmen. Vorhaben, aus denen in manchen Fällen erfolgreiche Produkte wie Gmail oder Google News wurden.

Wie lange diese Regelung galt und ob wirklich alle Angestellten davon Gebrauch machen durften, ist umstritten. „Ich muss euch ein kleines schmutziges Geheimnis über Googles 20-Prozent-Regelung verraten“, sagte Marissa Mayer, nachdem sie von Google zu Yahoo gewechselt war. „Es ist in Wirklichkeit eine 120-Prozent-Regelung.“ Selbst wenn: Google zeigte in seiner Frühphase alles in allem eindrucksvoll, was eine Firma für ihre Mitarbeiter tun kann, wenn sie sich Gedanken und Mühe macht.

Woran also entzündet sich die Kritik aus den eigenen Reihen, mit denen sich Google in den vergangenen ein bis zwei Jahren immer häufiger konfrontiert sieht? Ein Streitthema sind Rüstungsaufträge: Google finanziert sich immer noch hauptsächlich aus Werbeeinahmen. Das lukrative Cloud-Computing ist ein naheliegendes Geschäft, in dem allerdings Amazon und Microsoft bereits stark sind. Große Aufträge vergeben das Pentagon, die CIA und andere US-Behörden wie das Heimatschutzministerium. Doch das Militär ist auch an heikleren Leistungen interessiert. Als herauskam, dass Google im Rahmen des „Maven“-Projektes Bilderkennungssoftware für Militärdrohnen geliefert hatte, protestierten Mitarbeiter vehement. Mit Erfolg: Google zog sich aus dem Projekt zurück und trat gar nicht erst bei der Vergabe des Jedi-Projektes an, bei dem die digitale Infrastruktur des US-Verteidigungsministeriums modernisiert werden sollte. Der Zehn-Milliarden-Dollar-Deal ging im Oktober 2019 an Microsoft – und wurde im Februar nach einer Klage von Amazon vorläufig gestoppt.

Einen ähnlichen Aufschrei gab es, als bekannt wurde, dass …

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Foto: Mark Boss / Unsplash

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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