Shops made in Endsee

Geschrieben von am 08/07/2019 in brand eins mit 0 Kommentare

Im mittelfränkischen Niemandsland sitzt die BK Group, der europäische Marktführer für Ladenbau. Der Hidden Champion zeigt: Weltläufigkeit ist keine Frage des Standorts.

Manche Firmenchefs weisen Besucher ihrer Büros – mal mehr, mal weniger dezent – auf teure Kunstwerke hin, die sich dort befinden. Andere hängen sich Auszeichnungen oder Trophäen an die Wand. Gerold Wolfarth zeigt erst mal seine Laufschuhe. „Damit drehe ich in der Mittagspause gern eine Runde durch die Wälder hier ringsum“, sagt der Gründer der BK Group. Firmenslogan: Beyond the Edge. Dann drückt Wolfarth auf eine bestimmte Stelle an etwas, das man für einen glatten weißen Aktenschrank halten könnte – und eine Art Geheimtür schwingt auf. Dahinter befindet sich ein komplettes Badezimmer mit Dusche. „So eine Joggingtour draußen in der Natur gibt mir neue Energie für den restlichen Tag“, sagt Wolfarth.

Mit platzsparenden Lösungen und raffinierten Ein- und Umbauarbeiten kennt sich der 48-Jährige aus: Seine BK Group mit Sitz in Endsee, 15 Autominuten nordöstlich von Rothenburg ob der Tauber, ist Europas Marktführer für Ladenbau und -konzeption. Ob Sportgeschäfte von Asics, Adidas oder Decathlon, Juwelierfilialen von Christ oder Swarovski sowie Boutiquen von Giorgio Armani, Tommy Hilfiger oder Benetton: Wolfarth und die Mitarbeiter der BK Group planen und führen den Neu-, Aus- oder Umbau von rund 200 Ladengeschäften pro Jahr durch und kümmern sich um die Instandhaltung von weiteren 5000. Kaum eine Fußgängerzone oder ein Einkaufszentrum, in dem die BK Group in den vergangenen 19 Jahren noch keinen Ladentresen auf-, Regale um- oder Schaufenster eingebaut hat.

Beim Rundgang durch die insgesamt vier Gebäude erzählt Wolfarth, was er hier für seine rund 90 Mitarbeiter alles tut. Denn Angestellte zu finden ist nicht leicht hier auf dem Land, wenn einer der größten Standortvorteile der nahe gelegene Autobahnanschluss ist. Zweieinhalb Stunden dauert es nach München, knapp zwei nach Frankfurt am Main. Und so legt sich Wolfarth ins Zeug. Jede Woche frisches Bio-Obst und -Gemüse aus der Region mag in einem urbanen Start-up Standard sein, bei einem bayerischen Mittelständler nicht unbedingt.

Die Mitarbeiter können je nach Vorliebe einen festen Büroplatz wählen oder sich jeden Tag woanders hinsetzen; wer möchte, kann auch einen Teil seiner Arbeit von zu Hause aus erledigen. Vor der firmeneigenen Cafeteria befindet sich ein beschaulicher Campusbereich mit einem Teich, Bänken und einer großen Feuerstelle mit Steinkreis. Da viele Mitarbeiter mit dem Fahrrad kommen oder wie ihr Chef in der Mittagspause eine Laufrunde durch die umliegenden Wiesen und Wälder drehen, gibt es auch für sie Duschen, Umkleiden und Schränke.

Doch warum sitzt eine Firma, die dafür verantwortlich ist, wie Pariser Designermode oder urbane Sportswear in Berlin-Mitte inszeniert wird, überhaupt hier, im mittelfränkischen Niemandsland? Ganz einfach: Wolfarth ist hier aufgewachsen, mittlere Reife, Lehre zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, Baustoffabteilung. Mit 21 wird er Abteilungsleiter, fünf Jahre später Geschäftsstellenleiter einer Handwerkervereinigung. Als die Citibank jemanden für die deutschlandweite Wartung ihrer Niederlassungen sucht, macht er sich im Dezember 1999 vom heimischen Arbeitszimmer aus selbstständig. „Die suchten damals jemanden für die Instandhaltung ihrer Filialen“, erinnert er sich. „Hier die Klimaanlage reparieren, dort einen Stromausfall beseitigen oder auch mal eine Taube befreien, die hinter die Deckenverkleidung geflogen ist.“

Eine Papierschlange voller Aufträge

Drei bis vier Aufträge pro Tag seien ihm in Aussicht gestellt worden, die er durch die Beauftragung von Handwerkern vor Ort bundesweit erledigen sollte. Doch als er am ersten Vertragstag – am Montag, den 3. Januar 2000 – die Bürotür aufmacht, denkt er zuerst, sein Faxgerät sei kaputt: Ein endloses Band von Thermofaxpapier schlängelt sich auf dem Boden. Hat der gefürchtete Millennium-Fehler, an den er nie geglaubt hat, doch zugeschlagen und die IT durcheinandergebracht? Doch als Wolfarth die Papierschlange aufhebt, erkennt er: alles Aufträge. „Und es hatte nur aufgehört, weil das Papier alle war. Kaum hatte ich eine neue Rolle eingelegt, kam gleich noch mal so viel heraus.“

Wolfarth baut sich so schnell wie möglich ein solides Handwerkernetz in ganz Deutschland auf: „Ganz banal über die Gelben Seiten und nach einer Weile durch Empfehlungen.“ Ein guter Elektriker kennt immer auch einen zuverlässigen Heizungsbauer und umgekehrt, so seine Erfahrung. Und als wenig später das Unternehmen TUI anfragt, ob Wolfarth es schafft, die Reisebüros der Kette übers Wochenende zu renovieren, ohne dass die Öffnungszeiten betroffen wären, fühlt er sich gewappnet und übernimmt zum ersten Mal die komplette Bauleitung. „Am Montagmorgen musste alles fertig sein – und wir haben es jedes Mal geschafft.“

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Foto:
Neil Tailor / Unsplash

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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