Warum gibt es noch Hunger?

Geschrieben von am 26/11/2018 in brand eins mit 0 Kommentare

In vielen Ländern werden tonnenweise Lebensmittel weggeworfen. Müsste das Essen dann nicht eigentlich für alle Menschen auf der Welt reichen?

„Und in Afrika hungern die Kinder!“ Kaum eine Kindheit der vergangenen Jahrzehnte blieb von diesem mahnenden Satz verschont, wenn der Teller einmal nicht leer gegessen war. Und sicherlich ist es sinnvoll, darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen anderswo weniger privilegiert sind. Aber wie der langsam eintrocknende Klacks Kartoffelbrei und die übrig gebliebenen Erbsen einem hungrigen Kind in der Sahelzone helfen sollen, leuchtet dem satten Kind hierzulande mit gutem Grund nicht so ganz ein.
Was aber ist mit den rund 60 Prozent der 18 Millionen Tonnen in Deutschland vernichteten Lebensmittel, die den Kunden gar nicht erst erreichen, weil der Großhandel, die Supermärkte oder die Gastronomie sie zuvor auf den Müll werfen? Auch hier wäre eine Umverteilung weniger sinnvoll, als es erscheinen mag. Zwar sind manche Lebensmittel auch noch lange nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum genießbar. Einen Transport würden viele jedoch nicht überstehen, oder sie wären zumindest nicht bedenkenlos verwendbar.

Lieferungen von frischen oder dauerhaft haltbaren Lebensmitteln in die sogenannten Entwicklungsländer würden den Markt für die dortigen Bauern zerstören. Und das wiederum würde verhindern, dass diese in bessere Technik, Methoden und Infrastruktur investieren können. Gerade Nahrung, die durch schlechte Lagerung verloren geht, ist ein massives Problem in armen Ländern. Ebenso die Verteilung vor Ort, weil es an Verkehrswegen und geschlossenen Kühlketten fehlt.

„Die Idee, überschüssige Nahrung aus Europa oder Nordamerika nach Asien oder Afrika zu schicken, ist überholt“, sagt Cindy Holleman von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen. „Eher ergibt es Sinn, Geld zu geben und davon Lebensmittel vor Ort zu kaufen.“ Denn das Problem ist in den meisten Fällen nicht, dass keine Lebensmittel vorhanden sind, sondern dass zu vielen Menschen der Zugang dazu fehlt. Vor allem wegen mangelnder Kaufkraft.
Deshalb geht auch die Hypothese nicht auf, dass die Dritte Welt allein von Sojabohnen und anderen Lebensmitteln ernährt werden könnte, die an die Tiere verfüttert werden, nach denen die Fleischesser der Ersten Welt auf ihren Tellern verlangen (siehe brand eins 12/2017: „Was wäre, wenn niemand mehr Fleisch äße“). Auch diese Sojabohnen müssten sich die potenziellen Käufer erst einmal leisten können. (Dass weniger Fläche für Futtermittel und Weideflächen aufgewendet werden müsste, wenn weniger Fleisch gegessen würde, ist hingegen richtig.)

Neben dem wirtschaftlichen gibt es zwei weitere Faktoren, die hauptverantwortlich dafür sind, dass selbst in Zeiten von immer widerstandsfähigerem und ertragreicherem Saatgut und von global zunehmendem Wohlstand immer noch Menschen hungern. Bewaffnete Konflikte sowie der Klimawandel sind laut einer aktuellen Studie der FAO der Grund dafür, dass 821 Millionen Menschen weltweit zu wenig zu essen haben. Es ist das dritte Jahr in Folge, dass diese Zahl wieder steigt. Zuvor war sie jahrelang gesunken oder stagnierte zumindest.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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