Facebook: Wer hat Angst vorm blauen Daumen?

Geschrieben von am 04/07/2016 in brand eins mit 0 Kommentare

Die Gesellschaft zersplittert, Facebook wird immer größer. Aber hat das noch etwas mit Gemeinschaft zu tun?

Wer sich gerade frisch verliebt hat, weiß manchmal nicht, ob es etwas Ernstes ist. Und wer mitten in einer Trennung steckt, fühlt sich weder liiert noch als Single. Facebook bietet für diesen Fall in der Rubrik „Beziehungsstatus“ im eigenen Profil die Option: „Es ist kompliziert.“ Im Grunde beschreibt dieser Satz auch das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Facebook. Denn einerseits nutzen so viele Menschen wie nie zuvor das soziale Netzwerk: Mit fast 1,6 Milliarden Nutzern sind dort mehr Menschen registriert, als im bevölkerungsreichsten Land der Erde leben. Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit auf der Plattform – und trotzdem steigt das Unbehagen.

Damit sah sich auch der Gründer Mark Zuckerberg konfrontiert, als er sich im Februar in Berlin den Fragen der Öffentlichkeit stellte. „Die Arbeit, die wir bislang in Deutschland geleistet haben, war nicht gut genug. Wir müssen besser werden“, antwortete er auf den Vorwurf, Facebook gehe zu lax mit volksverhetzenden Beiträgen um. „Wir tragen eine große Verantwortung für unsere Gesellschaft. Hassreden haben keinen Platz auf Facebook“, fuhr Zuckerberg fort und versprach, dass 200 neue Mitarbeiter in Berlin das Netzwerk künftig besser auf diskriminierende Botschaften überprüfen werden. Dazu komme ein Programm namens „Initiative für Zivilcourage Online“, das statt Inhalte zu löschen auf aktive Gegenrede setze. Auch andere besorgte Fragen nach Privatsphäre, Datenschutz und Recht am eigenen Bild parierte der 31-Jährige gut gelaunt und dennoch ernsthaft.

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Einkaufszentrum Facebook

Alles gut also auf dem blauen Planeten? Nicht wenn man Sebastian Sevignani fragt. Der Soziologe der Universität Jena beschäftigt sich intensiv mit Social Media allgemein und Facebook im Besonderen. Er spricht von einer „Landnahme“ durch kommerzielle Interessen: „Es ist in etwa so, als ob wir in unserer Offlinewelt das Haus verließen und dort nicht etwa öffentliche Straßen und Plätze vorfänden, sondern permanent durch ein Einkaufszentrum laufen müssten.“ Neben Kommerzialisierung und mangelndem Datenschutz sei vor allem fehlende Transparenz ein Problem: „Teilweise werden Inhalte schlicht zensiert, die nicht den Geschäftsbedingungen von Facebook entsprechen. Über diese Geschäftsbedingungen gibt es fast keine Diskussion und keine Mitbestimmung“, sagt Sevignani.

Um im Bild zu bleiben: Der Betreiber eines Einkaufszentrums kann – um seinen Kunden das Verweilen so angenehm wie möglich zu machen und dadurch Geld zu verdienen – von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Musizieren oder Rollschuhfahren auf dem Gelände verbieten. Er entscheidet auch darüber, wer welche Ladenfläche mieten darf. Ebenso steht es auch Facebook frei, die Spielregeln festzulegen. Darüber kann man sich ärgern, keine Frage. Aber so wie es Menschen gibt, die die Nachteile eines Einkaufszentrums in Kauf nehmen, weil sie dessen Ordnung, Einheitlichkeit oder Sicherheit schätzen, gibt es auch mehr als anderthalb Milliarden Menschen, die Facebook intensiv nutzen. Im Jahr 2015 haben sie Zuckerberg einen Umsatz von fast 18 Milliarden Dollar beschert. 44 Prozent mehr als im Vorjahr.

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Text: Christoph Koch
Erschienen in: brand eins 5/2016

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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