@Bürger: #Wählmich – Politiker im Internet

Geschrieben von am 07/11/2012 in Neon mit 1 Kommentar

Mit einiger Verspätung entdecken deutsche Politiker das Web 2.0 – dafür mit umso größerem Enthusiasmus. Doch nicht alle tun sich mit Twitter und Facebook leicht. Eine Typologie des virtuellen Volksvertreters.

Der Streber

»Märkte sind Gespräche«, hat der Streber im berühmten »Cluetrain Manifest« gelesen, jener Thesensammlung über das Verhältnis von Unternehmen und Kunden im Zeitalter des Internets. Seitdem bringt er den Satz regelmäßig an, um zu verdeutlichen, dass er »den Dialog sucht«, ihn auch findet und sich daher auf Augenhöhe mit den Bürgern wähnt. Seine Mitarbeiter bringt der Streber indes zur Verzweiflung. Denn die müssen ihren Chef immer wieder packen, wenn er droht, in den Berliner Verkehr zu laufen, den Kopf über das Smartphone gebeugt, den neuesten Tweet zum neuesten Rettungsschirm oder Iran-Embargo absetzend. Obendrein weiß der Streber, dass es nicht reicht, sich nur schnell und oft zu Wort zu melden. Durch Gespräche mit »Digital Natives« – »nicht nur die Wähler, sondern auch die Gestalter von morgen!« – hat der Streber alle Social- Media-Tugenden verinnerlicht: Es wird geretweetet und replied, was der Touchscreen hergibt – und manchmal setzt sich der Streber sogar ins Auto und fährt wie Sigmar Gabriel zu dem Bäcker, mit dem er gerade noch auf Facebook über den Niedergang des Handwerks diskutiert hat. Na gut, lässt sich fahren. Aber wer wird denn kleinlich sein? Parteikollegen und Konkurrenten beobachten das Engagement derweil mit Argwohn, die Medien spotten – ein wenig auch aus Angst, als Sprachrohr überflüssig zu werden. Vielleicht versteht aber auch nur keiner von ihnen all die @-Antworten und #-Hashtags.

Beispiele: Peter Altmeier, Sigmar Gabriel, Julia Klöckner, Kristina Schröder
Die typische Statusmeldung: »Habe mich über den tollen Dialog im (beliebiger Veranstaltungsort) gefreut. SO macht Netzwerken Spaß!«
Natürlicher Feind: der Verkünder

Der Verkünder

Im Gegensatz zum Streber hat der Verkünder seine digitalen Hausaufgaben nicht ganz so sorgfältig gemacht und hält die sozialen Netzwerke nur für eine weitere Möglichkeit, seine vorgefertigten Statements abzugeben und »Multiplikatoren zu erreichen«. So wie die PR-Abteilung eben bisher den Pressetext über den dreihundertsten Jugend-Ideenwettbewerb per Fax- und Mailverteiler in die Welt hinaussendet, wird sie jetzt eben auch per Twitter und Facebook verkündet. Die älteren Parteikollegen sind erleichtert, wenn sie wie Bärbel Höhn in Anne Wills Sendung auf die Frage nach ihrer Onlinekompetenz wahrheitsgemäß antworten können: »Bei uns wird auch getwittert!« Aber selbst jemandem auf Twitter zu folgen oder in Dialog mit Facebook- Nutzern zu treten, dafür hat der Verkünder keine Zeit. Denn eigentlich – so seine tiefste Überzeugung – sind im Internet sowieso nur ungewaschene Computerheinis und freiberufliche Kreative unterwegs, die besser mal was Anständiges gelernt hätten. Aber solche Ansichten äußert der Verkünder natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Auf wirkliches Interesse im Internet stoßen die vorgefertigten Verlautbarungen jedoch nicht – was die skeptische Haltung des Verkünders (»vollkommen überschätzt, dieses Webzweikommanull oder wie es heißt«) wiederum nur bestärkt.

Beispiele: Philipp Rösler, Renate Künast
Die typische Statusmeldung: »Hier der Link zum Video der Pressekonferenz …«
Natürlicher Feind: der Gläserne

Der Aufgeregte

Egal, ob es um eine neue Umgehungsstraße im Sauerland oder um den Tod von Kim Jong Il geht – der Aufgeregte greift mit empörten Fingern in die Tasten und spielt auf der Klaviatur der Emotionen ein Fortissimo. Kein Tag vergeht, an dem er nicht mit digitaler Schnappatmung zu einem strittigen Thema Stellung bezieht, mahnt und warnt, predigt und aufrüttelt. Und dank Social Media sind inzwischen nicht mal mehr ein Mikrofon oder eine Fernsehkamera notwendig, um sich diesen Kindheitswunsch täglich aufs Neue zu erfüllen. So empörte sich Hans- Christian Ströbele über Hundetötungen in der Ukraine, während Erika Steinbach schön provokant darauf hinwies, dass die Nazis im Herzen Sozialisten gewesen seien. Mal ist eine Änderung von Punkt 92.1.4.53.6 der Nutzungsbedingungen von Google das Ende des Abendlandes, mal setzt eine Äußerung eines andalusischen Zoobesitzers über den Euro-Rettungsschirm die gesamte Weltwirtschaft endgültig aufs Spiel. Egal, was der Auslöser für die Wortmeldungen des Aufgeregten ist – aus Angst, im digitalen Grundrauschen unterzugehen, dreht er den Lautstärkeregler seiner Äußerungen grundsätzlich auf Anschlag. Was natürlich bedeutet, dass am Ende doch wieder alles gleich klingt.

Beispiele: Volker Beck, Claudia Roth, Erika Steinbach
Die typische Statusmeldung: »Unerträglich! (…) Wann folgt endlich #Parteiausschluss?!«
Natürlicher Feind: wer auch immer gerade gelegen kommt

Der Gläserne

Das Private ist politisch und das Politische privat, da ist der Gläserne sicher. Und so gibt es kaum etwas, was er für nicht twitter- oder facebookwürdig hält. Um Transparenz nicht nur bei bundespräsidialen Kreditgeschäften einzufordern, sondern auch vorzuleben, schreibt er fleißig über seinen Schnupfen, die Leidenschaft für seinen Fußballverein und Stress in der Beziehung – eine Standleitung vom Gehirn zur Smartphonetastatur. Dass man als Wähler manches von dem, was Politiker privat so treiben, gar nicht genau wissen will, es aber trotzdem erfährt, daran muss man sich im Zeitalter von »post privacy« eben gewöhnen. Folgerichtig rufen gepostete Fotos, die Jungpolitiker wie Simon Weiß von den Piraten beim angeblichen Kokainkonsum zeigen, allenfalls bei Boulevardzeitungen Empörung hervor. Weiß’ Parteikollegen echauffieren sich in der Zwischenzeit über spießig-traditionelle Dinge wie das Foto vom Swarovski-Verlobungsring der Piratin Julia Schramm. Doch natürlich muss sich der Rezipient auch beim Web-2.0-Engagement des Gläsernen klarmachen, dass dies kein direkter Einblick in sein Innenleben ist, sondern eine sorgsam kuratierte Auswahl. Es ist wie bei Ashton Kutcher, der seine Urlaubsfotos lieber selbst twittert, als Paparazzi damit reich werden zu lassen. Aber Ashton Kutcher ist eben auch Ashton Kutcher.

Beispiele: Christopher Lauer, Marina Weisband und andere Mitglieder der Piratenpartei
Die typische Statusmeldung: »Ich bin wach!«
Der natürliche Feind: der Verweigerer

Der Verweigerer

Wo andere Politiker zumindest offiziell auf den digitalen Diskurs hoffen, fürchtet er eine Verwässerung durch zu viel Mitsprache von jedermann und das Geplärr des Pöbels. Die »Netzgemeinde«, wie er sie leicht zoologisch nennt, ist für ihn ein Pool aus Halbkriminellen und Raubkopierern. Aber gewiss niemand, von dem man sich als Volksvertreter etwas erklären lassen sollte. Statt ständig Netzneutralität, Reformen des Urheberrechts und mehr Mitsprache zu fordern, sollten diese digitalen Freaks – da ist der Verweigerer sicher – lieber mal ein gutes Buch lesen, gerne was von Goethe und »ruhig auch mal mehr als 140 Zeichen«. Parteigenossen distanzieren sich nach vom Verweigerer – vor allem aus Angst um ihre eigene, langsam wachsende digitale Anhängerschar. Die digitale Intelligenzija wiederum, das konnte man im Fall des internetfeindlichen CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling beobachten, tut anscheinend alles, um dessen These vom »digitalen Totalitarismus « zu bestätigen – und heult bei jeder dieser ungelenken Wortmeldungen auf, als habe der Verweigerer gerade die Bombardierung eines Kinderkrankenhauses in Neu-Delhi gefordert.

Beispiele: Ansgar Heveling und andere Hinterbänkler – früher hätten sie mit Forderungen wie Mallorca als deutsches Bundesland um Aufmerksamkeit buhlen müssen
Die typische Statusmeldung: keine – der Verweigerer veröffentlicht stattdessen Gastkommentare in konservativen Zeitungen
Der natürliche Feind: der Gläserne

Der Stellvertreter

Der Stellvertreter äußert sich auf Twitter oder Facebook seriös und professionell im Auftrag eines Spitzenpolitikers, der für solchen Kram keine Zeit hat. Meistens handelt es sich um einen Regierungs- oder Ministeriumssprecher. Der Stellvertreter ist gewissermaßen ein Hybrid aus Verkünder und Streber: Er vermeldet zwar ausschließlich offizielle Nachrichten, ist aber im Dialog mit den regierten Massen meist gut geschult – ohne dabei die bratwurstpreisende Leutseligkeit des Strebers an den Tag zu legen, der stets glaubt, es menscheln lassen zu müssen. Beispiel Steffen Seibert: Auch als bekannt wurde, dass Angela Merkel ihn als ihren Regierungssprecher twittern lässt, und die Hauptstadtpresse empört fragte, ob sie nun nur noch durch 140-Zeichen-Tweets informiert werde, blieb Seibert ganz gelassen. Diese sachliche Haltung bringt dem Stellvertreter den Respekt vieler Netznutzer ein, die auf Dauergeduze und Politikerranschmeiße verstört reagieren. Andererseits sind viele von ihnen erleichtert, wenn sie merken, dass hinter dem Account des Stellvertreters kein Rechenzentrum steckt, sondern ein normaler Mensch – etwa wenn Seibert in einem Tweet Osama und Obama verwechselt.

Beispiele: Regierungssprecher Steffen Seibert sowie viele Politiker-Facebook-Seiten, die von Profiteams betreut werden
Die typische Statusmeldung: »Hier einige Bilder vom Ungarnbesuch der #Kanzlerin«
Der natürliche Feind: niemand – für Feindschaft ist der Stellvertreter zu seriös

Der Gefälschte

Vieles, was Politiker auf Twitter und Facebook zum Besten geben, ist leider zu lustig, um wahr zu sein: Da beide Plattformen nur halbherzig gegen Fakes vorgehen, gibt es zu nahezu jedem bekannteren Politiker mindestens eine gefälschte Profilseite. Da diese unterhaltsamer sind als die echten Staatsmänner, haben sie oft genauso viele Follower beziehungsweise Fans – was von manchem Ahnungslosen wiederum als Indiz für ihre Echtheit gesehen wird. Richtig verwirrend wird es dann allerdings, wenn echte Politiker auf Twitter (wie etwa Dorothee Bär und Julia Klöckner) ihre Hand für die Authentizität eines Fake-Accounts (in diesem Fall @ilseaigner) ins Feuer legen. Gute Nachahmungen schreiben nicht nur oft und regelmäßig Statusmitteilungen, sondern auch in einem Duktus, der stets haarscharf an der Grenze zwischen Unsinn und »könnte vielleicht doch echt sein« balanciert – zum Beispiel, indem sie auf Termine im Kalender des realen Politikers eingehen, wie eine falsche Angela Merkel, die twitterte: »Heute beim G- 20-Gipfel getreu dem Motto: Alles Cannes, nichts muss!« Die Mutter aller Social-Media- Fakes ist der fiktive SPD-Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid. Er wurde vermutlich von Abgeordneten selbst erfunden, soll seit 1979 in diversen Ausschüssen tätig sein und hat natürlich auch ein Twitterkonto.

Beispiele: @muentefering, @Angie_Merkel, @ Westerwave
Die typische Statusmeldung: »Woah! Jetzt erst mal einen Schnaps! #wahlergebnis«

Text: Rebecca Sandbichler & Christoph Koch
Erschienen in: NEON 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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