Lehrlauf: Warum Lücken im Lebenslauf gar nicht so schlimm sind

Geschrieben von am 31/10/2012 in Neon mit 3 Kommentare

Sobald man ein paar Monate nichts zu tun hat, befällt einen das schlechte Gewissen. Dabei ist eine Gammelzeit sehr wichtig.

Meine erste Gammelphase kam noch vor dem Studium. Ich hatte die Möglichkeit gehabt, meinen Zivildienst sofort nach der Schule anzutreten und mir den gesamten Urlaub für dessen Ende aufzusparen. Dann hätte ich ein Jahr nach dem Abi gleich das Studium beginnen können. Ich trödelte jedoch herum, nahm mir meinen Urlaub, wann mir danach war – und sah mich so am Ende des Zivildienstes mit einer Wartezeit von sieben Monaten konfrontiert, bevor das nächste Wintersemester starten würde. Ich verbrachte diese Zeit mit Nachtschichten im Krankenhaus (wo ich so viel las wie vorher und nachher nie in meinem Leben) und mit einer Rundreise durch die USA (wo ich das gesparte Geld raushaute und so viel über schrottreife Gebrauchtwagen lernte wie vorher und nachher nie in meinem Leben).

Im Nachhinein erzählt sich das gut und lässig. Aber damals quälte mich sieben Monate lang das schlechte Gewissen – und die nackte Angst, mein Leben zu vertrödeln. Denn gerade unserer Generation wird in Deutschland permanent eingeredet, sie sei zu alt, bevor sie überhaupt den Arbeitsmarkt erreiche. Ein Grund: Immer mehr junge Deutsche machen Abitur und nehmen dann ein Studium auf. Die Studienanfängerquote ist in den letzten fünfzig Jahren von etwa neun Prozent auf über vierzig Prozent angestiegen. Folglich sind die durchschnittlichen Ausbildungszeiten länger geworden – und die Wirtschaft fordert: Unbedingt zackiger studieren, weniger trödeln, hopphopp zu Potte kommen! Die Globalisierung, schaut euch doch all die jungen und bienenfleißigen Chinesen an! Brasilien, Indien, die kleinen Tigerstaaten! Da wird nicht lang mit Hauptfächern gehadert und in sich hinein gehorcht – da werden Abschlüsse in Rekordzeit absolviert!

Die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre ist ebenso eine Folge dieser Denkweise wie die Bachelor-Studiengänge an den Universitäten. Spätestens mit Mitte zwanzig sollte man offenbar in seinem Beruf angekommen sein. Wenn sich Monate des Leerlaufs zwischen zwei Stationen partout nicht vermeiden lassen, so der einhellige Ratschlag, sind diese sinnvoll zu nutzen: Fortbildung, Sprachkurse, Praktika. Denn Lücken im Lebenslauf seien für Personalchefs noch schlimmer als Facebookfotos, auf denen man besoffen mit dem Kopf auf der Klobrille eingeschlafen ist. Heute sage ich: Bullshit.

Damals aber plagte ich mich damit ab, diese großartige Zeit vor dem Studium in meinem Lebenslauf als etwas zu kaschieren, von dem ich dachte, dass es in Bewerbungen besser ankäme: Aus dem Krankenhaushilfsjob wurde ein »Praktikum im sozialen und gesundheitlichen Bereich« und aus der Spritztour über den Highway Number One ein »Sprachaufenthalt «. Ich bin mir nicht sicher, ob es dieses Wort streng genommen überhaupt gibt. Sicher bin ich, dass Personalchefs diesen Unsinn schon viel zu oft gehört haben, um auf ihn hereinzufallen. Ein anderer Trick, um die geächteten Gammelmonate im Lebenslauf zu verstecken: Man verschiebt das Enddatum der Tätigkeit, die vor ihnen liegt, nach hinten. Was spätestens bei einem Blick auf die Zeugnisse ebenso auffliegt wie das allzu großzügige Datieren ausschließlich mit Jahreszahlen: »1998 Abitur, 1999 Zivildienst, 2000 Studium«. Auch hier würde ich mich als Personalchef eher darüber ärgern, dass man mich für dumm verkaufen will, als über verfaulenzte Monate zwischen den einzelnen Blöcken.Wer also mit dem Gedanken spielt, seine verfaulenzte Zeit am Strand von Biarritz als »Sprach- und Forschungsreise« hochzujazzen, sollte an die Peinlichkeit eines Guttenberg denken: Der machte allem Anschein nach aus zwei Studentenpraktika »berufliche Stationen in Frankfurt und New York« und behauptete, den Börsengang eines Unternehmens begleitet zu haben – obwohl er zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal achtzehn Jahre alt war.

Ich schummelte und trickste vor allem, weil ich fürchtete, der wahre Grund für meine Trödelei könnte ans Licht kommen. Und der wahre Grund war, dass ich damals nicht die geringste Ahnung hatte, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Was ich »werden wollte«, wie man so leichthin sagt. Heute weiß ich, diese Ratlosigkeit und diese Zweifel sind ganz normal – und jeder Personalchef, der sie einem pauschal als Fehler ankreidet, ist selbst im falschen Job gelandet. Der verstorbene Apple- Chef Steve Jobs ist ein Beispiel dafür, dass diese Ratlosigkeit nicht auf die Begabung oder den späteren Erfolg schließen lässt. Jobs brach sein Physikstudium nach nur einem Semester ab, hing aber weiter am Campus des Reed College herum, sammelte Pfandflaschen und besuchte statt der Pflichtkurse die Vorlesungen, die ihn wirklich interessierten. Er reiste nach Indien, nahm LSD und machte diverse andere Dinge, die sich für ein anständiges Lebenslaufleben nicht gehören. Es hat seiner Karriere, in der er mindestens drei Wirtschaftszweige revolutioniert hat, nicht merklich geschadet. Jobs selbst sah seine Gammelphase rückblickend als sehr gewinnbringend an: »Wenn ich damals nicht in diesem Kalligrafiekurs gesessen hätte, hätte der Mac später nicht verschiedene Schriftarten gehabt – und vermutlich auch kein anderer Computer«, sagte er später vor einem Stanford- Abschlussjahrgang in seiner wohl berühmtesten Rede.

Ein anderes Beispiel, warum man sich für Gammelmonate – ja vielleicht sogar Gammeljahre – wirklich nicht zu schämen braucht, ist Andreas Altmann. Der Bestsellerautor von »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« fing erst mit dem Schreiben an, als er 38 war. »Davor habe ich versucht, Jura und Psychologie zu studieren, es aber talentlos abgebrochen. Dann habe ich als Kellner, Gärtner, Taxifahrer, Nachtwächter, Fließbandarbeiter, Dressman und Straßenarbeiter gejobbt«, sagt er am Telefon von seiner Pariser Wohnung aus. »Die Idee, dass Schreiben mein Beruf sein könnte, kam mir die ersten 35 Jahre meines Lebens gar nicht in den Sinn. Aber ich musste auf Biegen und Brechen etwas finden, das mir guttut, das mich heilt, das meinen Sehnsüchten, meinem Narzissmus entspricht. Ich suchte und fand so viele Jahre nichts.« Erst nach einem Aufenthalt in einem japanischen Zen-Kloster kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, mit dem Schreiben sein Geld verdienen zu können. Weitere drei Jahre zögerte er, dann schickte er seine erste Reportage an ein renommiertes Magazin, das sie sofort druckte.

Inzwischen gilt Altmann als einer der besten Reiseautoren Deutschlands, hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und renommierte Preise gewonnen. »Frühbegabte sehen eben anders aus als ich«, sagt Altmann heute. »Aber rückblickend betrachtet, hat mir vieles, auch die Arbeit als Schauspieler am Residenztheater, für meinen jetzigen Beruf etwas beigebracht. Trotz aller Niederlagen.« Wichtig sei eben nicht, wie schnell und geradlinig man an sein Ziel gelange, sondern dass man da hinkommt, wo man hinwill: »Ich muss das, was ich tue, mögen«, sagt er. »Es muss mich begeistern, fordern, mein Leben antreiben. Ich will mich nicht für meinen Beruf genieren und nicht nuscheln müssen, wenn jemand danach fragt.« Wem das Schicksal ein paar Gammelmonate beschert – und das passiert selten genug -, der sollte sie genießen. Sollte sie exakt damit verbringen, worauf er Lust hat. Wenn es ein Sprachkurs in Madrid ist, gut. Wenn es nur der Echinger Baggersee und das Auswendiglernen sämtlicher »Sopranos«-Staffeln ist – genauso gut. Hauptsache, man stellt nicht Jahre später fest, dass man vor lauter Optimierung des Lebenslaufs ganz vergessen hat zu leben.

Vor ein paar Jahren schenkte mir das Schicksal noch mal ein paar Gammelmonate – doch um ein Haar wäre ich dumm genug gewesen, sie nicht anzunehmen. Aufgrund meiner Kündigungsfrist im alten Job hatte ich vor dem neuen fast drei Monate Zeit. Zuerst überlegte ich, ob ich Chinesisch lernen oder eine andere Zusatzqualifikation erwerben sollte. Ich erwog, einen Sommerkurs an einer amerikanischen Eliteuni zu besuchen, deren Name in jedem Lebenslauf gut aussieht. Angeberquatsch, den ich vor allem gemacht hätte, um andere zu beeindrucken. Dann entschloss ich mich, eine Vespa zu kaufen, die älter war als ich, und die drei Monate in der Stadt rumzuhängen, in der ich damals lebte. Ich schlief lange, lag am See, verfolgte jedes einzelne Spiel der Fußball-WM und holte tief entspannt abends meine Freundin von der Arbeit ab, um Freunde im Biergarten zu treffen. Kurz: Es war der perfekte Sommer. Einer, von dem die meisten Personalchefs nur träumen können.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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3 Leserkommentare

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  1. André sagt:

    Ein längst überfälliger Artikel, danke dafür!

    Aber ich find trotzdem, hier werden einige Dinge ganz schön vermischt. Man sollte nicht die Wirtschaft für ihre Forderungen an Absolventen anprangern und gleichzeitig Steve Jobs als Beispiel für Lücken im Lebenslauf nennen. Immerhin hat er mit 16 Apple gegründet und war mit 30 Millionär. Als er die Uni schmiss, war er 19. Wer bei uns die Uni schmeißt und ein wenig rumgammelt, ist meist Mitte 20.

    Abgesehen hat Steve Jobs in seiner Rede auch erwähnt, warum er die Uni wieder verlassen hat: Weil er keinen Sinn darin gesehen hat, das Geld seiner Eltern für ein Studium zu verprassen, das ihn nicht weiterbringt.

    Und genau hier hinkt der Vergleich: Auf der einen Seite ein System, das auf Studiengebühren setzt und wo man mit 24 einen Abschluss hat und auf der anderen Seite… Deutschland.

    • Hallo André,

      du hast Recht, das deutsche und das amerikanische Studiensystem sind in vielerlei Hinsicht schwer zu vergleichen. Aber mir ging es bei dem Jobs-Beispiel ja auch mehr darum, zu zeigen, dass Jobs, sich nicht um die vermeintlich so essentiellen Wünsche der Personalchefs gekümmert hat. Sonst hätte er ja in jungen Jahren (und da ahnte er ja noch nichts von den Millionen und Milliarden, die folgen würden) das Studium trotz Kosten irgendwie durchgezogen oder etwas anderes Lebenslauftaugliches zusammengeflunkert, statt in Kaligraphiekurse und nach Indien zu gehen. (Und zum Thema Alter: Bei uns wird ja rumgammeln auch mit 19, zum Beispiel zwischen Schule und Uni nicht gerne gesehen.)

      Aber es freut mich, wenn Dir der Artikel insgesamt gefallen hat.

  2. Christian | Mission Wohn(t)raum sagt:

    Schöner Artikel… ruft einem eine Sache in Erinnerung, die man viel zu schnell und immer wieder vergisst.

    Viele Grüße, Christian

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