Dr. Christoph Bieber: Mein Medien-Menü (Folge 3)

Geschrieben von am 27/02/2012 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der neuen Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü – diese Woche mit Dr. Christoph Bieber, Politikwissenschaftler, Blogger und Buchautor.

Zuerst vielleicht eine Vorbemerkung: Mein Leseverhalten hat sich im vergangenen Jahr einschneidend verändert – durch den Ruf auf die Welker-Stiftungsprofessur an die Universität Duisburg-Essen steht eine Menge Text auf der Leseliste, der „von Amts wegen“ gelesen und verarbeitet werden muss. Das sind einerseits die Basistexte für die Seminare und Vorlesungen, andererseits aber auch Hausarbeiten und Klausuren. Dadurch setzt der Semesteralltag einen deutlichen Rahmen, der die „freie Lektüre“ leider ein wenig einengt. Manchmal – aber nur manchmal – gelingt es auch, die ein oder andere Lehrveranstaltung mutwillig als Leseprogramm zu nutzen (im vergangenen Semester war es eine Veranstaltung zur Politikfinanzierung in den USA (occupy!), im kommenden hoffe ich auf das Seminar zu Ethik und Sport (Fußball! Olympia!). Trotzdem – ich komme längst nicht dazu, alles zu lesen (oder auch nur zu überfliegen), was mich interessiert. Und das gilt ganz besonders für Texte ohne Fußnoten.

Morgens liefert in der Regel das Smartphone die ersten Infos (nicht selten auf dem Rückweg vom Kindergarten): Twitter & Facebook sind schon ein guter Hinweis auf Dinge, die im Laufe des Tages noch relevant werden könnten. Auf dem Weg ins Büro folgt unterwegs noch ein kurzer Blick in die FAZ (noch im Print-Abo, demnächst vermutlich via Tablet), allerdings nur bei den eher seltenen Fahrten im ÖPNV. Im Auto läuft dann Radio, je nach Empfang und Programm Deutschlandfunk, WDR 2 oder WDR 5.

Die regionalen Tageszeitungen scheinen mir hier in Nordrhein-Westfalen wenig reizvoll – gelegentlich gleiche ich das mit Besuchen bei derwesten.de, aber auch bei ruhrbarone.de und dem wir-in-nrw-blog.de aus. Nicht ich persönlich, aber unser Haushalt ist Abonnent der amerikanischen Wired, bis vor kurzem gab´s dazu noch regelmäßig Monocle und Dwell. Ach ja, ein Magazin hätte ich beinahe vergessen: von Berufs wegen bin ich auch Abonnent von „Forschung & Lehre„, der „auflagenstärksten hochschul- und wissenschaftspolitische Zeitschrift Deutschlands“.

Beruflich relevant sind vor allem wissenschaftliche Fachzeitschriften, die mit einer manchmal befremdlichen Zeitverzögerung von mehreren Monaten erscheinen und wie eine Art Echo wirken. Trotzdem bleiben die Texte in PVS (Politische Vierteljahresschrift), ZParl (Zeitschrift für Parlamentsfragen) oder ZPol (Zeitschrift für Politikwissenschaft) sehr wichtig für mich. Durch die Ausrichtung der Stiftungsprofessur kommen wohl noch ein paar Zeitschriften aus dem Bereich Ethik hinzu, etwa „Erwägen Wissen Ethik“, „Ethik und Gesellschaft“ oder auch das „Journal of Mass Media Ethics“.

Auf Kurz- und Dienstreisen lese ich neben der Tageszeitung vor allem Haus-, Diplom-  oder Examensarbeiten, wissenschaftliche Aufsätze für die nächsten Seminare und/oder Vorträge. Auf Urlaubsreisen greife ich wenn´s geht zu Romanen (aktuell liegt „Imperium“ bereit), zuletzt mit einer Tendenz zur Biografie (Steve Jobs, Marshall McLuhan und „The Computer Boys Take Over“). An Weihnachten ist hier auch ein Kindle eingetroffen, das könnte perspektivisch einiges verändern – vermutlich führt es aber eher zu einer verstärkten Lektüre englischsprachiger Texte, die keine Bücher sind. Magazine oder „Kindle-Singles“ – also e-Books , die eher die Länge einer Kurzgeschichte oder eines Essays haben – sehen vielversprechend aus.

Im Netz lese ich vor allem die üblichen Verdächtigen: Spiegel Online, Zeit Online und sueddeutsche.de. Allerdings merke ich, dass ich diese Seiten immer weniger aktiv nutze, die meisten „breaking news“ begegnen mir zuerst bei Twitter oder Facebook. Gelegentlich lasse ich dann eine Hashtag-Suche in einem Browser-Tab laufen, bei #wulff konnte man so problemlos die relevanten Artikel und Kommentare aufsammeln. Außerdem lese ich natürlich auch die Online-Publikationen für die ich selbst – mehr oder weniger regelmäßig – schreibe. Das sind vor allem politik-digital.de, carta.info, berlinergazette.de, theeuropean.de und telepolis.de. Sicherlich gibt es hier einen thematischen Zusammenhang zu meiner Arbeit – spannender sind aber vielleicht formale Ähnlichkeiten. Aus meiner Perspektive versuchen alle diese Angebote, eine publizistische Nische nicht nur zu besetzen, sondern sie auszubauen und kreativ zu entwickeln. Solche Experimente (neuere Erscheinungsformen sind beispielsweise vocer.org oder „Diskurs @ Deutschlandradio„) halte ich für notwendig, damit es bei den bevorstehenden Umbrüchen der digitalen Öffentlichkeit einige zusätzliche Entwicklungspfade und -reserven gibt. Die Impulse, die aus den „etablierten Medien“ kommen, reichen vermutlich nicht aus.

Blogs lese ich eher spärlich oder vielmehr unregelmäßig. Gelegentlich schaue ich bei den Einträgen in meiner Blogroll vorbei (so war das doch eigentlich gedacht, oder?). Das sind dann Autor/innen aus dem Bereich Politik, Medien, Netz etc. Die Intensität wandelt sich je nach Aktivität und Nachrichtenlage: Rund um die Publikation von „Lob der Kopie“ war ich häufiger bei der Dirk von Gehlen und seinen „Digitalen Notizen“ zu Gast, rund um die London Riots bei Mercedes Bunz, später in diesem Jahr werden ganz sicher TechPresident (Micah Sifry u.a.), PressThink (Jay Rosen) und Lawrence Lessig relevant. Interessant ist, dass die Tendenz (in den USA) in Richtung Tumblr geht, also kurze, prägnante, nicht immer textlastige Postings dominieren. Ein immer lesenswertes Gegenangebot ist die unglaubliche digitale Bleiwüste von Henry Jenkins´ „Confessions of an Aca/Fan“ – dessen Blog ist zu einer Art „Single-Person-Academic-Journal“ mutiert.

Für die Auswahl und Installation von Lese-Apps auf dem Smartphone oder Tablet habe ich mir bisher noch nicht die Zeit genommen. Beruflich arbeiten wir allerdings gerade an der Einrichtung einer Team-Software zur Literaturverwaltung. Hier hat sich in der letzten Zeit einiges getan, um die Literaturrecherche und -verwaltung zu optimieren. Ich kann noch nicht genau sagen, wo das hinführt, aber es scheint in Richtung „verteiltes Lesen“ zu gehen: Nicht jeder liest alles, Notizen, Exzerpte und Kommentare werden gesammelt. Benutzt wird es dann bei Bedarf – also für einen Vortrag, die Vorlesung oder das Seminar.

Insgesamt lese ich natürlich immer mehr an Bildschirmen, in unterschiedlichen Größen. Dabei hat mich das iPad noch nicht wirklich überzeugt, der Kindle scheint die bessere „Lesemaschine“ zu sein. Allerdings macht es auch großen Spaß, ein „echtes“ Buch in die Hand zu nehmen – die Stapel auf meinem Schreibtisch gefallen mir schon gut, auch wenn ich für die meisten Bücher viel zu wenig Zeit gefunden habe. Auch gehe ich immer noch gerne  in so genannte „Buchläden“ und stöbere darin herum. Gerade in den USA gibt es noch überraschend viele gut sortierte Exemplare – der „MIT Press Bookstore“ in Cambridge/MA ist mein Favorit, in New York ist der St. Marks Bookshop einen Besuch wert und in San Francisco der Booksmith. In Deutschland kann ich Walther König in Köln empfehlen, „pro qm“ in Berlin oder die Liebeskind Verlagsbuchhandlung in München.

Christoph Bieber ist seit Mai 2011 Inhaber der Welker-Stiftungsprofessur für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen. Er arbeitet zu den Themen Ethik und Verantwortung in der Politik, Transparenz und öffentliche Kommunikation, Demokratie und Neue Medien. Im Mai 2012 erscheint der Band „Unter Piraten. Erkundungen in einer neuen politischen Arena„, den er gemeinsam mit Claus Leggewie herausgibt. Bieber ist zudem Vorsitzender von „pol-di.net.e.V.“, dem Trägerverein der Online-Plattform „politik-digital.de“, betreibt das Blog „Internet und Politik“ und ist bei Twitter als @drbieber aktiv.

Text: Christoph Bieber
Foto: Universität Duisburg-Essen

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Disclosure: Mit vielen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen (werden), bin ich befreundet oder zumindest leidlich bekannt.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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