„Durch das Internet habe ich einen kleinen Bruder bekommen“ – Thees Uhlmann jetzt ohne Tomte

Geschrieben von am 31/08/2011 in Süddeutsche mit 1 Kommentar

Thees Uhlmann ist die lauteste und vielleicht wichtigste Stimme des deutschen Indie­rock. Ein Interview über Pop und Provinz in Zeiten des Internets.

Die Nullerjahre sind mit dem Tod Osama Bin Ladens endgültig zu Ende gegangen. Weißt du noch, wo du warst, als sie am 11. September 2001 begannen?
Thees Uhlmann: Das weiß ich noch genau. Ich denke, das weiß jeder in unserem Alter. Ich war damals Webmaster bei dem Hamburger Plattenlabel L’age D’Or …

… der Heimat unter anderem von Tocotronic, für die du vorher als Roadie gearbeitet hast.
Genau. Das kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen, dass ich mich damals mit Homepages und so auskannte. Aber damals war das mein erster richtiger Job, und ich war tierisch stolz. Am 11. September kamen plötzlich die ersten Onlinemeldungen rein, und ich dachte erst noch, das sei nur so eine kleine Cessna und sicher ein Unfall. Den Rest des Tages bin ich dann zwischen Fernseher und Internet hin- und hergesprungen. Ich erinnere mich noch genau, dass in einem englischsprachigen Forum jemand schrieb: „I wouldn’t want to be in Afghanistan right now – that place will soon look like a fucking parking lot.“ Und so kam es dann ja auch.

Hat es dich persönlich mitgenommen? Oder hat es sich eher angefühlt wie ein Katastrophenfilm?
Es hat mich insofern mitgenommen, als dass Gail – eine Verwandte, von der auch der Tomte-Song Walter & Gail handelt – an dem Tag geschäftlich in Manhattan war. Die Telefonleitungen waren zusammengebrochen, und man konnte einfach niemanden dort erreichen. Erst über das französische Handy einer Kollegin konnte sie irgendwann durchgeben, dass sie noch am Leben war. Durch den Tag und was danach folgte, hat sich alles verändert.

 

Grob gesagt, war das aber auch die Zeit, als deine Band Tomte anfing, größeren Erfolg zu haben. Welche Erinnerungen hast du daran?
Das stimmt, damals war gerade unsere zweite Platte Eine sonnige Nacht erschienen, die Konzerte wurden voller – und ich bekam zum ersten Mal eine Ahnung davon, dass es richtig sein könnte, alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, von Musik zu leben. Ich wollte das so sehr – und der einzige Weg, das durchzuhalten, schien mir damals so eine gewisse Hemdsärmeligkeit zu sein. Mich hinzustellen und zu schreien: Ich bin Thees Uhlmann, ich bin Tomte, und ich bin so laut und mache das so vehement, dass man mir einfach zuhören muss.

Gleichzeitig ging damals die Musikindustrie den Bach runter – laut Menschen wie Dieter Gorny vor allem durch das böse Internet. Siehst du das auch so?
„Das Internet ist schuld“ ist meiner Meinung nach ein Satz ohne Sinn. Es ist einfach eine technische Veränderung, die man nicht umkehren kann. Ich weiß aber auch nicht, was die Musikindustrie hätte anders oder besser machen sollen, um zu verhindern, dass heute fast niemand mehr Musik kauft. Musik zu erwerben ist heutzutage ja ein moralischer Akt geworden.

Als Reaktion auf die Krise der Plattenfirmen hast du damals mit Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff von Kettcar euer eigenes Label Grand Hotel van Cleef (GHVC) gegründet. Auch aus Trotz?
Bestimmt auch ein wenig. Zuerst wollten wir das ja gar nicht – wir wären lieber zu einer etablierten Plattenfirma gegangen. Aber die haben alle gesagt: Was ihr da macht, will kein Mensch hören. Da haben wir uns gedacht: Das wollen wir doch erst mal sehen!

Die ersten Jahre waren sehr erfolgreich für GHVC – macht euch der Rückgang der Verkäufe inzwischen auch zu schaffen?
Klar, wir verkaufen auch immer weniger CDs – und leider gleichen das die bezahlten Downloads nicht annähernd aus. Aber wir haben das zum Glück rechtzeitig gemerkt und auch unsere eigene Booking-Agentur und einen eigenen Musikverlag gegründet. Das Geld kommt also nicht mehr ausschließlich aus Albumverkäufen. Natürlich ärgere ich mich manchmal, dass ich nicht vor 20 Jahren ein erfolgreicher Musiker und Labelbesitzer war – denn dann wäre ich Millionär geworden. Aber so kann ich auch noch davon leben. Zwar nicht glamourös, aber immerhin. Richtig schwierig ist es vor allem für die Bands, die jetzt erst anfangen.

Was würdest du jemandem raten, der jetzt an demselben Punkt ist wie du vor zehn Jahren?
Im Grunde muss ich denen jetzt dieselben Ratschläge geben, über die ich mich früher so aufgeregt habe: Lern erst mal was Vernünftiges! Mach erst deine Uni zu Ende! Es ist zum Kotzen, aber es wird einfach immer schwieriger – denn es wird zwar immer noch Geld fürs Musikhören ausgegeben, aber eben in Form von Internet-Flatrates.

Gleichzeitig ist es aber für Musiker durch das Internet auch einfach geworden, auf sich aufmerksam zu machen.
Das stimmt. Da kann ein Typ aus Norddeutschland, der auf Plattdeutsch rappt, morgen von der ganzen Welt gehört werden – ohne dass er dafür bei einer Plattenfirma vorsprechen muss. Auch das Aufnehmen ist einfacher und billiger geworden. Du kannst heute mit einem Aldi-Rechner Songs aufnehmen, die tausendmal besser klingen als vor zehn Jahren Eine sonnige Nacht von Tomte, als wir in einem professionellen, richtig teuren Studio waren. Außerdem finde ich es großartig, wenn Künstler wie Kanye West das Internet als Erweiterung ihres künstlerischen Seins begreifen.

Wie hat das Internet für dich den Kontakt und den Austausch mit den Fans verändert?
Ich finde es super, dass die Kommunikation so direkt und unkompliziert geworden ist! Ich war nie Freund davon, als Künstler ein Mysterium um mich herum zu schaffen, so eine Unerreichbarkeit. Klar, kann man machen, aber das gefällt mir nicht. Mir hat es gefallen, dass damals auf meiner Lieblingsplatte der Punkband Boxhamsters hinten die Postadresse des Sängers Martin Coburger draufstand und ich dem mein Demo schicken konnte. Und dass der sich gemeldet hat, obwohl unser Demo totaler Schrott war.

Schreibst du allen Leuten zurück, die sich bei dir melden?
Es ist vor allem eine Zeit- und Energiefrage, wenn ich es nicht schaffe, jede Mail und jede Facebooknachricht und jede Frage nach einer Textzeile zu beantworten. Aber ich habe durch diese Kommunikation auch schon echte neue Freundschaften geschlossen – ich habe zum Beispiel einen neuen 21-jährigen Bruder bekommen.

Wie kam das?
Er ist Tomte-Fan und kommt aus Sachsen. Seine Freundin hatte mit ihm Schluss gemacht, und er war aufgewühlt, und wir haben hin- und hergemailt. Irgendwann habe ich ihm meine Handynummer gegeben, und dann hat er angerufen und so geschluchzt und gesächselt, dass ich ihn kaum verstanden habe. Da habe ich gesagt: „Du setzt dich jetzt mal in den Zug, kommst nach Berlin und pennst auf meiner Couch.“ Und jetzt ist er so was wie mein kleiner Bruder.

Auf deinem Soloalbum gibt es ein Lied, das vom Aufwachsen auf dem Dorf handelt. Wie hat das Internet das Aufwachsen in der Provinz verändert?
Total. Wir hatten damals ja nix! Heute kannst du in Hemmoor aufwachsen und trotzdem in Sachen Drone Metal perfekt auf dem Laufenden sein. Ob das besser oder schlechter ist? Keine Ahnung. Aber wenn ich zurückschaue, würde ich dem 16-jährigen Thees Uhlmann aus Hemmoor einerseits sehr wünschen, dass es damals schon das Internet gegeben hätte mit Onlineforen, in denen man sich mit Leuten austauschen kann, die so sind wie man selber. Aber es war natürlich auch spannend damals, sich dieses Umfeld und das Verstandenwerden alles mühsam selber zusammenzubasteln.

Woraus hast du es dir zusammengebastelt?
Zum Beispiel aus Fanzines. Kleine, selbst kopierte Magazine, die ich bei anderen Provinzhoschis bestellt habe und die mir geholfen haben, mit dieser ganzen Teenagerangst und der Entfremdung, die ich damals spürte, besser klarzukommen. Wenn der Postbote so ein Heft in den Briefkasten meiner Eltern gestopft hat – das waren Momente des reinsten Glücks. Oder eben die damals so raren Konzertbesuche, für die man eine halbe Weltreise unternehmen musste. Alles extrem mühsam – aber genau dadurch bin ich eben auch der geworden, der ich bin.

Kannst du das genauer erklären?
Ich habe zum Beispiel angefangen, Musik zu machen, weil ich mich allein fühlte und mit meiner Position in der Welt nicht klarkam. Der Weg aus dieser Isolation war eben meine Akustikgitarre, auf der mir mein Pastor die ersten drei Akkorde gezeigt hat. Das hätte ich vielleicht nicht angenommen, wenn ich mich damals schon auf Facebook mit der ganzen Welt über Straight Edge und vegane Lebensführung hätte unterhalten können.

In einem großen Interview für die jetzt.de-Zeitungsseite in der SZ haben wir vor acht Jahren sehr ausführlich über deine Jugend und deine Eltern gesprochen. Wie geht es denen?
Ich bin inzwischen wieder so häufig in Hemmoor wie noch nie, seit ich von dort weggezogen bin. Mindestens eine Woche alle zwei Monate – auch wegen meiner eigenen Tochter Lisa. Wenn die im Bett ist, trinke ich mit meiner Mutter ein Flasche Weißwein, und wir unterhalten uns – oder gucken Tierdokus. Mein Vater ist immer noch schwer krank, die multiple Sklerose hat ihn niedergerungen. Aber meiner Mutter geht es gut. Ich kenne niemanden, der so oft mit seiner Mutter telefoniert wie ich. Das genieße ich sehr.

Macht sie sich immer noch Sorgen um dich?
Das hat sich zum Glück gelegt. Ich mache mir inzwischen vermutlich mehr Sorgen um sie als sie um mich. Damals hatte ich ja jahrelang keine Krankenversicherung, das hat sie schon beunruhigt. Inzwischen hat sie es sich zum Hobby gemacht, Zahnzusatzversicherungen und so was für mich abzuschließen. „Für nur zwei Euro im Monat“, wie sie mir dann freudig berichtet. Ich glaube, ich bin inzwischen der am besten versicherte Mensch in ganz Deutschland.

Zurück zur Musik: Warum nach fünf Alben mit Tomte jetzt ein Solo­album?
Weil ich nach zwölf Jahren Tomte einfach noch mal was machen wollte, das 100 Prozent nur ich selbst bin. Aber es muss ja niemand Angst haben: Wir haben uns nicht verkracht, die anderen in der Band haben auch alle ihre eigenen Dinge zu tun – und es kommt mir so vor, als wäre ich noch nie so gut mit den anderen befreundet gewesen wie jetzt.

Was war musikalisch der beste Tomte-Moment des letzten Jahrzehnts?
Ich bin sehr demütig dem gegenüber, was mir erlaubt wurde, mit meiner Musik zu erleben. Das ging von ganz klein bis sehr groß, Journalisten haben mich super gefunden, Journalisten haben mich scheiße gefunden, diese Band hat mich gedisst, jene Band hat mich gedisst – aber ich bin durch das alles durchgegangen. Einer der besten Momente war sicher, zum ersten Mal bei Rock am Ring aufzutreten – und zwar weil ich es selber organisiert hatte, ohne Hilfe von einer Plattenfirma oder irgendwem. Dabei habe ich mich innerlich so gefühlt, als wäre ich 20 Minuten vorher noch in Röhrenjeans und Kreator-Shirt auf dem Fahrrad mit Kassettenrekorder auf dem Gepäckträger betrunken über den Deich gefahren. Und plötzlich steht man da auf der großen Bühne. Oder das erste Mal Hurricane Festival: 40 000 Menschen schauen dir dabei zu, wie du das machst, was du dein ganzes Leben lang machen wolltest. Das ist schon der Hammer.

Kannst du einschätzen, wie du dich selber in den letzten zehn Jahren verändert hast?
Vor zehn Jahren war ich 27 und bin vermutlich auch einer Menge Leuten auf die Nerven gegangen. Ich hatte keine Berufsausbildung, hatte das Studium an die Wand gekachelt und wusste: Musikmachen ist meine einzige Chance, wenn ich nicht Erzieher werden will. Ich wollte so lange und so sehr Musiker sein, dass ich mich, als es dann geklappt hat, wahnsinnig laut drüber gefreut habe. Ich habe damals eben ohne Facebook auf mich aufmerksam gemacht.

Das erste Soloalbum von Thees Uhlmann (es heißt wie der Sänger) erscheint am 26. August 2011 bei Grand Hotel van Cleef.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: jetzt Magazin / Süddeutsche Zeitung 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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1 Leserkommentar

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  1. Wilsson sagt:

    Sympathischer Typ – Authentizität hat seinen Wert.
    Man fühlt sich sehr verbunden, wie er so erzählt.
    Seine Worte in seinen Liedtexten treffen den Nerv, der einen berührt. Bin auf das Solowerk gespannt.
    Mein Libelingslied von Tomte:
    „Ich sang die ganze Zeit von dir“
    Toll auch das Schlußwort:
    „Ich habe damals eben ohne Facebook auf mich aufmerksam gemacht.“ !!!

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