Wie wird man eigentlich … Barbesitzer, Herr Schumann?

Geschrieben von am 06/01/2005 in FAZ mit 0 Kommentare

Charles Schumann, 62, führt in München seit über zwanzig Jahren die bekannteste Bar Deutschlands – das nach ihm benannte „Schumann’s“. In seiner knappen Freizeit ist er als Model für Hugo Boss tätig, seine Bücher über Cocktails sind weltweite Bestseller – der Regisseur des Hollywood-Films „L.A. Confidential“ hat Charles Schumann seinen Tribut gezollt, indem er im Film Holzkisten mit dem berühmten Schumann’s-Logo durchs Bild tragen ließ.

Charles Schumann beim Kaffeetrinken

„Ich habe mein Leben lang nie etwas richtig langfristig geplant“: Charles Schumann beim Kaffeetrinken

Meine Kindheit verbrachte ich auf dem Land, auf einem Bauernhof in der Pfalz. Wenn mir meine Eltern eine Sache mitgegeben haben, dann Bescheidenheit. Wir waren eine große Familie, und es war immer selbstverständlich, daß es nicht nach außen getragen wird, wenn man wirklich mal ein bißchen Erfolg hat.

Botschafter wäre schon ein Posten gewesen, der mich gereizt hätte.

Als Erstgeborener hätte ich eigentlich den Hof übernehmen müssen, aber es war immer klar, daß das mein Bruder macht. Ich hatte kein Interesse am Bauernhof, ich wollte immer weg, war auch in der Schule besser als er. Mit neuneinhalb Jahren zog ich dann viel zu früh von zu Hause aus und ging nach Regensburg in ein Priesterseminar, das den Jesuiten angeschlossen war. Priester zu werden, war für mich aber nie das Ziel, das war allenfalls der Wunsch meiner Eltern. Auf der väterlichen Seite meiner Familie hatte es über Generationen hinweg immer einen Priester gegeben. Für mich wäre das Priesterdasein aber nichts gewesen, deshalb ging ich nach der Mittleren Reife von der Schule ab und verpflichtete mich beim Bundesgrenzschutz. Das war keine richtige Entscheidung für irgend etwas – ich wollte einfach Geld verdienen und hatte im Grunde keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Beim Bundesgrenzschutz blieb ich dann beinahe sechs Jahre, und viele Möglichkeiten hat man danach eigentlich nicht. Eine Option war, in den Auswärtigen Dienst zu gehen, und nachdem ich immer noch diesen Drang verspürte wegzugehen und die Welt zu sehen, kam mir das ganz gelegen. Also machte ich zwei Jahre lang eine Ausbildung beim Auswärtigen Amt, die mich unter anderem für neun Monate nach Stockholm führte.

Das Problem beim Auswärtigen Amt war, daß es dort ohne Abitur für mich so gut wie keine Aufstiegschancen gab. Das war sehr schade, denn Botschafter wäre schon ein Posten gewesen, der mich gereizt hätte. Mein erster Kontakt zur Gastronomie ergab sich wenig später, als ich das Auswärtige Amt verließ und für eine Münchner Familie in der Nähe von Ferrara in Italien zwei Sommer lang einen Biergarten mit Hühnerbraterei führte. Das war ein Saisongeschäft, im Grunde eine Art Ferienjob, aber es gefiel mir, und ich merkte, daß mir die Gastronomie Spaß macht. Danach ging ich dann etwa drei Jahre lang nach Frankreich, genauer gesagt nach Montpellier und Perpignon. Auch da arbeitete ich in der Gastronomie, ich war eine Art Geschäftsführer für ein Schweizer Unternehmen und führte verschiedene „Tiffany“-Clubs, so eine Mischung aus Restaurant, Disco und Nachtclub. Da die Arbeit vorwiegend nachts stattfand, studierte ich nebenher als Gasthörer – das geht in Frankreich deutlich einfacher als hierzulande. Mein Französisch verbesserte sich in der Zeit ganz entscheidend – mittlerweile glaube ich, ich spreche Französisch fast besser als Deutsch. Nach drei Jahren Frankreich kam ich nach München, holte hier mit 31 Jahren das Abitur nach und bewarb mich damit noch mal beim Auswärtigen Amt – aber die sagten, ich sei inzwischen zu alt. Also studierte ich Politische Wissenschaften und Zeitungswissenschaften, nebenbei stand ich als Barmixer in der „Harry’s New York Bar“ hinter dem Tresen. Ich mußte mir ja überlegen, wie ich das Studium finanziere, und da war damals genau wie heute in der Gastronomie am einfachsten etwas zu finden.

Nach dem Magister wollte ich eigentlich wieder aus München weggehen, aber Freunde überredeten mich, das „Schumann’s“ zu eröffnen. „Da verdienst jetzt erst mal schnell viel Geld“, hieß es. „Und dann kannst immer noch machen, was du magst.“ Aus den geplanten zwei bis drei Jahren sind dann 22 Jahre geworden. So ist es halt manchmal.

Was mir in der Bar mit am meisten Spaß macht, ist, in der Küche zu stehen. Leider komme ich inzwischen nicht mehr so oft dazu, ich passe aber immer noch auf, daß die Sachen vernünftig rausgehen. Ich habe nämlich eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie ich selbst gerne esse, und so etwas möchte ich auch meinen Gästen auf den Tisch stellen: etwas Vernünftiges, mit den wenigen guten Dingen zubereitet, die es noch gibt. Das muß gar nicht aufwendig sein, ruhig ganz einfach. Ein Schnitzel ist für mich einfach ein Schnitzel, eine Kartoffel ist eine Kartoffel – aber man kann sie halt gut und schlecht einkaufen und zubereiten.

Ich kenne niemanden in dem Beruf, der über einen längeren Zeitraum hinweg getrunken hat und trotzdem seinen Beruf ausüben konnte.

Die unangenehme Seite am Leben als Barbesitzer? Die vielen Stunden, die man mit dem Beruf verbringt. Nicht nur als Chef: Alle, die mit drinstecken, müssen viel zu lange arbeiten, um den Laden am Laufen zu halten. Damit man im Alter nicht vor die Hunde geht, muß man gut auf sich aufpassen. Für mich persönlich ist da Sport am wichtigsten. Wenn ich das eine Woche lang nicht mache, bin ich nicht mehr zu gebrauchen. Ich gehe mindestens dreimal die Woche laufen, am Wochenende spiele ich Fußball, manchmal boxe ich auch noch. In die Ferien fahre ich nicht oft. Vielleicht dreimal pro Jahr je eine Woche – aber dann bin ich auch nicht erreichbar, selbst wenn zu Hause die Hütte abbrennen sollte. Diese Pausen sind nötig: Dann fahre ich ans Meer, stelle mich auf das Surfbrett und habe den Streß innerhalb von einer Stunde völlig vergessen.

Und der Streß ist in den neuen Räumlichkeiten, die ja viel größer sind als das alte „Schumann’s“, nicht weniger geworden. Als wir letztes Jahr in der Maximilianstraße aufhören mußten, habe ich ja einmal mehr überlegt wegzugehen – habe es aber wieder nicht geschafft. Ich habe ja Mitarbeiter, die seit dem ersten Tag mit mir zusammenarbeiten. Zu denen will man nicht so leicht sagen: Jetzt ist es vorbei, sucht euch bitte was anderes.

Manchmal denke ich: Wenn ich das alles richtig überlegt und geahnt hätte, wie viel Streß so ein großer Betrieb bedeutet – ich hätte es nicht gemacht. Aber das ist typisch: Wenn ich mir jedoch etwas in den Kopf gesetzt habe, bin ich sehr zielstrebig und ziehe das dann so durch, daß ich manchmal vor mir selbst erschrecke. Was die Zukunft für mich bringt, kann ich deswegen auch nicht genau sagen. Aber ich könnte mir gut vorstellen, in ein paar Jahren wirklich nach Frankreich oder Spanien zu gehen, weil ich dort einfach am liebsten bin. Immer noch arbeiten, klar. Nur die Beine hochlegen, das kann ich einfach nicht.

Wie wird man also Barbesitzer? Ein Patentrezept gibt es da wie immer keines. Man muß neugierig sein, man muß unruhig sein, man darf nicht an die Rente denken. Um als Selbständiger Erfolg zu haben, sollte man ein paar Jahre in der Gastronomie gearbeitet haben. In der Küche, als Kellner, als Barmann, ruhig auch in einem ganz gewöhnlichen Lokal. Nur so bekommt man ein Gespür dafür, was funktioniert und was nicht. Ganz wichtig ist außerdem, mit dem Trinken aufzuhören. Rauchen geht zur Not noch, das habe ich bis vor vier Jahren auch noch gemacht. Aber ich kenne niemanden in dem Beruf, der über einen längeren Zeitraum hinweg getrunken hat und trotzdem seinen Beruf ausüben konnte.

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: FAZ Hochschulanzeiger
Foto: Schumann’s GmbH


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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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