Was wäre, wenn … der Heilpraktikerberuf abgeschafft würde?

Geschrieben von am 26/04/2021 in brand eins mit 0 Kommentare

Die einen bieten an, aus der Beobachtung der Iris des Patienten Rückschlüsse auf dessen Gesundheit zu ziehen. Andere offerieren Schröpfkuren, Chakren-Harmonisierung oder Bioresonanztherapie. Selten ist die Wirksamkeit der Heilpraktiker-Methoden wissenschaftlich belegt. Trotzdem fühlen sich viele Patienten bei ihnen gut aufgehoben. Manchmal kommt es jedoch zu unnötig schweren Krankheitsverläufen oder sogar Todesfällen, nachdem sich Menschen in die Obhut von Heilpraktikern begeben haben. Mehrfach wurde deshalb bereits gefordert, den Beruf abzuschaffen. Was wäre, wenn es in Deutschland keine Heilpraktiker mehr gäbe?


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Zu einer schnellen Schließung aller Praxen würde es wohl nicht kommen. Denn Abschaffung heißt fast immer Stopp der Ausbildung und der Zulassung neuer Heilpraktiker bei gleichzeitigem Bestandsschutz der bestehenden Praxen. Es handelt sich um eine blühende Branche: Allein in der Hochburg Bayern hat sich die Zahl der gemeldeten Heilpraktiker zwischen 2004 und 2018 auf mehr als 23000 verdoppelt. Drei Viertel davon sind Frauen. Bundesweit gehen Schätzungen der Branchenverbände von etwa 47000 Praxen mit rund 60000 Beschäftigten aus. Dem gegenüber stehen rund 55000 niedergelassene Hausärzte.

Würde eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs Tausende zusätzlicher Hausärzte erfordern? Nicht unbedingt, denn während die Heilpraktiker auf rund 47 Millionen Patientenkontakte pro Jahr kommen, sind es bei den rund 170.000 niedergelassenen Fach- und Hausärzten mit etwa einer Milliarde Patientenkontakten mehr als zwanzigmal so viel. „Es gibt auch viele Patienten, die sowohl den regulären Arzt als auch den Heilpraktiker aufsuchen“, sagt Jan-Ole Reichardt, Medizinethiker an der Universität Münster. „Entfiele der Heilpraktiker, benötigten wir für diese Gruppe keine zusätzlichen Ärzte. Wenn wir mehr Ärzte brauchen, dann eher wegen der generellen Unterversorgung, die wir jetzt schon haben.“

Reichardt war Teil einer Gruppe von Experten, die 2017 Reformen für den Heilpraktikerberuf vorschlugen. Dazu gehörte die Abschaffung, alternativ aber auch die Aufwertung zum Beispiel durch eine klarer geregelte Ausbildung. „Wo wir allerdings ohne Heilpraktiker sofort ein stärkeres Angebot brauchten, ist die psychotherapeutische Soforthilfe“, sagt er. „Viele Menschen gehen zu Heilpraktikern, weil sie das Bedürfnis haben, getröstet zu werden, unter stressbedingten Erkrankungen leiden oder einfach jemanden brauchen, der ihnen zuhört. Darin sind gewöhnliche Ärzte oft nicht besonders gut, und bei einem Psychotherapeuten müssen viele monatelang auf einen Platz warten.“

Hausärzte verwenden im Schnitt 7,6 Minuten pro Konsultation. An Heilpraktikern schätzen deren Patienten laut Umfrage, dass sie sich mehr Zeit nehmen. Sie seien empathischer und stärker an persönlichen Sorgen interessiert.

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Text: Christoph Koch
Foto: Christin Hume / Unsplash

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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