Sind die schon reif?

Written by on 27/12/2019 in brand eins with 0 Comments

Früher waren Produkte fertig, wenn man sie kaufte. Heute läuft fast nichts mehr ohne Updates und ständig neue Versionen. Das ist lästig – aber sinnvoll.

Wenn von der Zukunft die Rede ist, wenn sie in Science-Fiction-Filmen oder Firmenpräsentationen gezeigt wird, geht es um fliegende Autos, um intelligente Systeme, um Techniken, die das Leben erleichtern. Was nie vorkommt, sind sich öffnende Bildschirmfenster, die fragen „Wollen Sie das Update 53.27 installieren?“ oder fordern „Aktualisieren Sie die Anwendung zuerst, bevor Sie fortfahren können“.

In der digitalen Welt scheint ohne ständige Updates und Aktualisierungen nichts mehr zu funktionieren. Wer viele Anwendungen auf dem Laptop oder Smartphone hat, verbringt mitunter Stunden mit Warten, bis sämtliche Adobe-, Microsoft- oder „sicherheitskritischen System-Updates“ durchgeführt wurden. Und sehnt sich beim Beobachten des kriechenden Fortschrittsbalkens in die Zeit zurück, in der Produkte irgendwann fertig waren – und dann einfach so blieben.

Längst sind es nicht mehr nur Computerprogramme, die von diesem Phänomen betroffen sind: In immer mehr Produkten steckt Software – und diese verlangt nach Updates. Egal ob es sich um Autos, Türklingeln, Blutdruckmessgeräte oder Kaffeemaschinen handelt. Welche Funktionen diese Geräte haben, hängt davon ab, welche Software installiert ist, ein Update kann selbst alten Geräten neue Flügel verleihen. Ein vor Jahren gekaufter Echo-Lautsprecher von Amazon profitiert noch heute von Verbesserungen in Alexas Spracherkennung. Und als sich im August der Hurrikan Dorian der Küste Floridas näherte, hob Tesla-Chef Elon Musk wie schon während einer ähnlichen Katastrophe eine Softwaresperre auf, die in billigeren Automodellen die Reichweite und Schnelladefunktion einschränkte.

Diese Flexibilität der Software kann also sogar Leben retten. Aber führt die Möglichkeit, sie ständig zu verändern, auch zu einer besseren Qualität? Oder nur zu permanent halb fertigen Programmen, die gern spöttisch als „Bananenprodukt – reift beim Kunden“ bezeichnet werden?

„Die Idee von Software ist, dass alles sich verflüssigt. Dass es kein starres Anfangs- und Enddatum mehr gibt, keinen unabänderlichen Zustand“, sagt Dirk von Gehlen, Buchautor und bei der »Süddeutschen Zeitung« verantwortlich für digitale Innovation. „Aber für mich ist diese Verflüssigung eher Qualitätsausweis als Qualitätsniedergang.“

Schließlich sei jede neue Version ein Fortschritt gegenüber der vorherigen, mal mehr, mal weniger groß. „Auch die Veröffentlichung von sogenannten Betaversionen sorgt für eine Qualitätssicherung, die anders nicht in dem Umfang und dem Tempo möglich wäre“, so von Gehlen, der sich in seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ mit diesem Thema beschäftigt. Der Kritik, diese Fassungen seien nur dazu da, Kunden zu unbezahlten Testern zu machen, schließt er sich nicht an: „Ich finde die Idee von Betaphasen sehr interessant. Sie besagt ja oft, dass jemand eine Idee hat und nicht genau weiß, ob sie funktioniert. Aber statt auf langwierige Marktforschung oder das Bauchgefühl des Chefs zu setzen, wird diese Idee einfach im Licht der Öffentlichkeit getestet. Durch diese Transparenz kann auch großes Vertrauen entstehen.“

Von der Diskette zum Download

Um zu verstehen, wie sehr das Internet die Software-Entwicklung verändert hat, sollte man sich daran erinnern, dass die ersten Versionen von Betriebssystemen wie MS-DOS oder Programmen wie Word noch als Disketten in Pappschachteln verpackt, auf Paletten gestapelt, in Lkws geladen und in Geschäfte in aller Welt transportiert wurden. Ein Programmierfehler ließ sich auf dem Rechner des Kunden kaum beseitigen.

Heute arbeitet jeder größere Softwarehersteller parallel an mehreren Versionen, die sich in unterschiedlichen Reifezuständen befinden und verschiedenen Kundengruppen zugänglich gemacht werden. Mozilla beispielsweise, der Hersteller des populären Firefox-Browsers, veröffentlicht diesen regelmäßig in vier verschiedenen Zuständen: Neben der regulären Version, die stabil läuft und für die meisten Benutzer geeignet ist, gibt es die Betaversion, die noch nicht komplett ausgereift ist. Dabei willigen die Benutzer ein, Absturzberichte und anderes Feedback an Mozilla zu senden, um beim Finden und Beseitigen von Programmierfehlern zu helfen. Noch unausgereifter sind die Developer Edition und die allabendlich erstellte Nightly-Version, die vor allem für Software-Entwickler gedacht ist. Diese erhalten damit vorab einen Einblick in Funktionen, die der Rest der Welt erst ein paar Wochen oder Monate später sieht. Für manchen könne es ein Rätsel sein, sagt von Gehlen, warum sich ein Nutzer freiwillig einer unfertigen und womöglich fehlerhaften Version aussetzt. „Manche tun es, um dem Projekt zu helfen, für andere gehört es zum eigenen Geschäft, so früh wie möglich über Software-Neuerungen im Bilde zu sein.“

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Foto: Szabo Viktor / Unsplash

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About the Author

About the Author: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Digitale Balance" & "Was, wäre wenn ...?") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs, bei Mastodon @christophkoch@masto.ai .

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