Digital unterwegs: Reise ins Gewisse

Geschrieben von am 29/01/2018 in brand eins mit 0 Kommentare

Wer nicht will, muss auf Reisen nichts mehr dem Zufall überlassen.

Wie ich verreise:

Zuerst verbringe ich mehrere Stunden damit, die optimale Flugverbindung zum besten Preis zu recherchieren. Hilfreich ist dabei die Google-Flugsuche, die mir ungefragt anzeigt, dass ich Geld sparen kann, wenn ich einen Tag früher fliege oder zu einem benachbarten Flughafen. Um auch die Ausbeute an Flugmeilen zu optimieren, nutze ich die Website Wheretocredit.com, die mir genau zeigt, bei welcher Fluglinie ich am meisten herausschlagen kann.

Vor der endgültigen Buchung schaue ich auf Flightstats.com nach, wie pünktlich diese Verbindung statistisch gesehen ist. Wer will schon einen notorisch verspäteten Flug buchen? Welche Sitzplätze in der jeweiligen Maschine die besten sind, verrät mir die Website Seatguru.com. Sollte keiner meiner Wunschsitzplätze frei sein, stelle ich mir in der App TripIt einen Alarm ein, der mich benachrichtigt, falls sich das ändert.

Erzähle ich Mitreisenden von meiner Art der Reisevorbereitungen, sehen mich diese meist an, als sei ich verrückt. Bitte! Sollen sie doch direkt neben der Toilette oder auf einem Fensterplatz ohne Fenster sitzen.

Auch bei der Hotelbuchung überlasse ich nichts dem Zufall: Klar, selbst Anfänger vergleichen inzwischen Bewertungen auf Buchungsportalen von Booking.com bis Trivago. Angesichts von Schreckensmeldungen über gefälschte Online-Reviews ziehe ich auch die Seiten HotelGuru und TripExpert hinzu, die professionelle Bewertungen aus Reiseführern und Magazinen zusammenstellen. Die Websites TripAdvisor und Holidaycheck haben den Vorteil, dass sie Fotos zeigen, die andere Reisende gemacht haben. Diese sind schwieriger zu fälschen als Bewertungen und aufschlussreicher als die makellosen Aufnahmen der Selbstpräsentationen der Hotels.

Habe ich mich für ein Hotel entschieden, schaue ich mir mit Google Streetview das Gebäude und die Umgebung an – direkt neben der Autobahn oder der Kläranlage sollen andere, schlechter vorbereitete Reisende schlafen. Nicht ich. Gebucht wird am Ende auf der Website Room77. Die verrät ihren Kunden, welches Zimmer im betreffenden Hotel das beste und größte mit dem schönsten Ausblick ist.

Eine der unerfreulichsten Überraschungen: Das Gepäckband am Flughafen stoppt – und man ist der einzige Idiot, der noch davorsteht. Ich brauche also einen Bluetooth-Tracker, mit dem ich mein Gepäck jederzeit orten kann. Es gibt unzählige, und sie tragen unförmige Namen wie Trakdot oder LugLoc – doch welcher davon funktioniert auch wirklich? Selbstverständlich verlasse ich mich nicht allein auf die Amazon-Nutzerbewertungen. Ich bin schließlich kein Hinterwäldler, den man erst gestern ins Internet gelassen hat. Die Seiten Reviewmeta.com oder Fakespot.com analysieren stattdessen für mich, wie glaubwürdig die jeweiligen Reviews sind. Sie werten dazu die anderen Bewertungen der Nutzer aus – und warnen bei auffällig vielen Jubelarien, wenn jemand nur Produkte einer Firma bewertet, oder bei anderen Hinweisen auf bezahlte Schummeleien. Bei manchem angeblichen Fünf-Sterne-Koffertracker bleiben nach der Korrektur nur noch drei oder weniger Sterne übrig. Datengestütztes Misstrauen, komfortabel per Mausklick. Wie haben die Menschen früher nur ohne überlebt?

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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