Nie mehr Fußabtreter: Warum Neinsagen im Job so wichtig ist

Geschrieben von am 01/02/2012 in Neon mit 0 Kommentare

Wer im Job auch mal Nein sagt, ist deshalb nicht gleich ein schlechter Kollege. Zu viele Jas können für die Karriere sogar schädlich sein.

In jeder Firma, in jedem Büro, in jeder Abteilung gibt es diese eine Person, die wie ein Magnet all die zusätzliche Arbeit anzieht, die sich in den Ecken versteckt, plötzlich vom Himmel fällt oder von den anderen schlichtweg übrig gelassen wird. Selbst neue Mitarbeiter, die noch nicht mal die Kaffeemaschine kapiert haben, wissen bereits, wer im Kollegenkreis die ideale – weil widerspruchsunfähige – Arbeitsabladedeponie ist. Sie durchschauen schnell, wer abends noch sitzt, wenn alle anderen schon längst ihre Computer heruntergefahren haben – und wem man die lästige Mail weiterleitet, die nur drei Zeilen lang ist, aber ebenso viele Stunden Arbeit verursacht.

Es ist schon schlimm genug, wenn man mit ansehen muss, wie einer nach dem anderen über die menschliche Fußmatte stampft. Noch schlimmer ist es, wenn man selbst diese Fußmatte ist. Berufsanfänger geraten schnell in diese Falle, wollen sie es doch gerne immer allen recht machen. Dem Chef – aber vielmehr noch den Kollegen. Denn die sind schließlich die, mit denen man die meiste Zeit verbringt und deren Wohlwollen einem wichtig ist.

Doch wer sich zu oft von anderen einspannen lässt und immer zu allem Ja sagt, erhält nicht nur immer weniger Dank, er gerät auch schnell an seine Grenzen und hat irgendwann keine Energie mehr, sich um die eigenen Belange zu kümmern: sei es eine wichtige Fortbildung, das eigentliche Herzensprojekt – oder schlicht auch mal Freizeit und Erholung. Aber egal, wie fest man sich vornimmt, heute mal nur eine halbe Überstunde zu machen anstatt wie sonst immer zwei: Wenn am Nachmittag der gestresste Kollege mit irrem Blick reinkommt und in einem Redeschwall, der keine Widerworte zu dulden scheint, einen Stapel Papiere auf dem eh schon überfüllten Schreibtisch platziert, sind häufig alle guten Vorsätze dahin. Alles, was bleibt, ist ein leises »Aber ich wollte heute eigentlich …«, während die Bürotür ins Schloss klickt.

Nicht immer allerdings sind die Klagen, man sei der Fußabtreter, den das ganze Büro schamlos ausnutzt, auch gerechtfertigt. »Gerade in attraktiven und spannenden Berufen, ganz egal, ob beim Fernsehen oder in der Spitzengastronomie, kann ich keinen pünktlichen Feierabend erwarten«, warnt die Berufsberaterin Uta Glaubitz. »Leute, die das tun, sollen bitte in der Stadtbücherei arbeiten.« Die Berlinerin, die häufig Mittdreißigern beim Finden des Idealberufs hilft, rät, bei zusätzlicher Arbeit stets zu hinterfragen, ob man selbst etwas davon hat. »Wenn ich am Wochenende eine Sonderschicht schiebe, kann ich Verantwortung übernehmen, die ich im Tagesgeschäft nicht bekomme«, sagt sie. »Wenn ich aber immer nur derjenige bin, der die Spülmaschine ausräumt und andere nervige Tätigkeiten macht, die sonst alle liegen lassen, bringt mir das natürlich gar nichts.« Den Schuh des »Kollegenschweins« müsse man sich trotzdem nicht anziehen, findet die Berufsberaterin: »Vor allem Frauen sind gut darin, sich im Hintergrund dafür aufzureiben, dass ,alles rund läuft‘. Dabei geht es im Job doch in erster Linie darum, etwas Sichtbares zu erreichen. Für die Firma, aber auch für sich selbst.« Aber was tun, wenn man wirklich nicht nur einfach viel zu tun hat, sondern darunter leidet, dass man systematisch ausgebeutet und von den Kollegen benachteiligt wird? Neinsagen kann man nicht nur lernen – man muss es sogar. Hier sind zehn Strategien und Tipps, wie es leichter gehen kann, das nächste Mal einem Kollegen abzusagen, der zu oft fragt »Kannst du nicht noch schnell?«

  1. Keine ausufernden und vor allem nicht mehrere unterschiedliche Begründungen liefern, warum man nicht aushelfen kann. Stattdessen kurz und prägnant bleiben, freundlich, aber bestimmt.
  2. Nicht vertrösten – wer statt »Nein« nur ein »Ich muss mal gucken« hinbekommt, hat die Aufgabe schon zur Hälfte an der Backe. Denn je länger man mit dem Nein wartet, desto schwieriger wird es, seine Hilfe zu verweigern. Wer sich allerdings regelmäßig überrumpeln lässt, kann sich mit einem »Ich schau mal kurz in meinen Kalender, dann sage ich dir gleich Bescheid« eine kurze Konzentrationspause sichern – und dann Nein sagen.
  3. Wer sich im Beruf unsicher fühlt, kann das Neinsagen auch an anderen Orten üben. Zum Beispiel im Hotel mal ein Zimmer ablehnen und nach einem anderen fragen – oder in einem überfüllten Café eine Stunde einen großen Tisch frei halten.
  4. Sich von dem Gedanken verabschieden, man müsste jede Minute des Tages ein Teamplayer sein – vor allem, wenn man länger als eine halbe Minute nachdenken muss, bis einem einfällt, wann einem die Kollegen zum letzten Mal Arbeit abgenommen haben.
  5. Nachdenken, woher der Wunsch rührt, es immer allen recht zu machen, und warum man allein aus Angst vor Konfrontation Dinge tut, die man nicht will.
  6. Sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen – wenn der Dauerfrager nicht locker lässt, offen ansprechen, dass man sich ausgenutzt fühlt.
  7. Niemand mag es, vor anderen brüskiert zu werden – deshalb diese Art Absage nicht in großer Runde, sondern besser unter vier Augen und vollkommen ruhig und sachlich vortragen.
  8. Sich daran erinnern, dass, wer niemals Nein sagt, auch niemals befördert wird – denn wer soll denn dann die ganze Arbeit der jetzigen Kollegen machen?
  9. Üben, üben, üben – das erste Nein ist immer das schwerste, aber mit der Zeit wird es einfacher. Und wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass man nicht mehr jeden Quatsch mit sich machen lässt, ist Neinsagen auch gar nicht mehr so oft nötig.
  10.  Auch zum Chef kann man Nein sagen: Wer regelmäßig mehr aufgehalst bekommt, als er bewältigen kann, sollte von seinem Vorgesetzten fordern, für jedes neue Projekt ein anderes aufschieben oder delegieren zu dürfen.

Wer über sich hinauswächst und all die zusätzlichen Arbeiten wegbolzt, die an ihn herangetragen werden – oder sogar in vorauseilendem Gehorsam freiwillig unliebsame Lasten schultert -, wird von seinen Kollegen wenigstens als gutmütiges Heinzelmännchen geschätzt? Das genaue Gegenteil ist der Fall. Wissenschaftler der Washington State University fanden heraus, dass diejenigen, die sich stärker als nötig für eine Gruppe einsetzen und mehr geben, als sie nehmen, dafür nicht gemocht, sondern gehasst werden. »Wir haben die Testpersonen in Gruppen zusammenarbeiten lassen und sowohl mit sehr egoistischen Leuten konfrontiert als auch mit Leuten, die sehr altruistisch waren, also mehr gegeben als genommen haben«, erklärt Studienleiter Professor Craig Parks. »Anschließend haben wir sie gefragt, mit wem aus der Gruppe sie weiterhin zusammenarbeiten wollen und mit wem eher nicht.« Dass die Egoisten eher schlecht abschnitten, überraschte den Sozialpsychologen nicht. »Was uns aber umgehauen hat, war die Tatsache, dass diejenigen, die überdurchschnittlich viel für die Gruppe geopfert hatten, nicht nur rausgewählt wurden, sondern auch als extrem unsympathisch bewertet wurden. Und das, obwohl sich die Personen gar nicht begegnet waren, weil die Interaktion ausschließlich per Computer erfolgte.« Seine Erklärung: Wer mehr arbeite, gebe den Kollegen einfach das Gefühl, im Vergleich schlechter auszusehen – »außerdem mag scheinbar niemand einen braven Streber, der alle Aufgaben sofort erledigt.«

Wer sich von den Kollegen also ständig mit Arbeit überhäufen lässt, arbeitet nicht nur mehr (und meist karrieretechnisch Unrelevantes) – er wird dafür auch von genau diesen Kollegen verachtet. Vielleicht ganz gut, das im Kopf zu behalten, wenn es das nächste Mal darum geht, wirklich Nein zu sagen.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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