„Die Sexfragen sind unangenehm, weil man ja praktisch nach der eigenen Zeugung fragt.“ – Interview mit dem Elternbefrager Marc Fischer

Geschrieben von am 04/03/2011 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Marc Fischer, Journalist und Romanautor („Eine Art Idol“, „Jäger“), hat für sein Buch „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“ (Eichborn Verlag) genau das gesammelt: Dutzende von Fragen. Mehr nicht. Trotzdem schafft er es, damit eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte seiner Eltern, der Möglichkeiten, der Geheimnisse. Ein Gespräch über die Sprachlosigkeit in Familien, über dicke Bücher und warum es immer peinlich ist, mit Eltern über Sex zu reden.

Herr Fischer, in Ihrem Buch „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“ stehen wirklich nur Fragen. Auf jeder Seite eine. Wollte schon mal jemand sein Geld zurück?

Das noch nicht, aber ich habe schon ein paar erstaunte Gesichter gesehen: „Wie – nur FRAGEN? … Aha, soso.“ Die meisten Leute sind ja eher Antworten gewöhnt. Ich hatte aber einfach genug von den typischen „allgemeingültigen“ Antwortbüchern. Was wissen die schon? Das schöne an Antworten ist doch, dass sie meist eher individuell sind.

Wie kam es zu der Idee?

Mein Vater und ich waren vor ein paar Jahren spazieren, am Strand, es war sehr windig. Wir redeten über Träume – erfüllte, aber auch nichterfüllte. Auf einmal war mir klar: Außer den offensichtlichen gemeinsamen biografischen Daten weiß ich eigentlich kaum was von ihm. So kam’s zu dem Gedanken: Kinder kennen ihre Eltern nicht.

Warum wird in Familien zwar viel gequatscht und geplaudert – aber nur selten wirklich miteinander kommuniziert?

Um das Verhältnis nicht durch zuviel Information zu gefährden, glaube ich. Eltern und Kinder, das ist wie ein Vertrag über das ewige Zuhause, mit ganz klarer Rollenverteilung: Die Eltern sind Ursprung, die Kinder Eisprung. Die Familie muss gewahrt werden wie eine Festung, die es zu verteidigen gilt. Dabei entstehen viele Leerstellen. Manchmal habe ich das Gefühl, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern besteht vor allem in sprachlichen Auslassungen: Lass uns bloß nicht über Sex, Fehler, Ängste reden, damit das Haus stehenbleibt.

Die vielgelobten Romane „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ von Jonathan Franzen handeln beide vorwiegend von dieser familiären Sprachlosigkeit. Haben Sie beim Sammeln Ihrer Fragen manchmal an ihn und seine Figuren gedacht?

Manchmal schon. Aber ich muss zugeben, ich bin eigentlich kein großer Fan von typischen Familienromanen – so dick, so viele Personen. Die les ich dann, wenn ich in Rente bin, denk ich mir immer. Jonathan Franzen aber ist toll, weil er die verschiedenen psychologischen Prozesse, die zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ablaufen, so exakt beschreibt. Er weiß, dass wir von den Eltern kommen und alles, was wir später sind oder werden, mit ihnen zu tun hat.

Wie ging das Fragensammeln generell vonstatten?

Ich habe über Jahre hinweg immer wieder Fragen gesammelt, sie wurden immer mehr und immer exakter. Schließlich war’s ein Buch.

Welche der Fragen haben Sie Ihren Eltern tatsächlich schon einmal gestellt?

Etwa ein Drittel: die über Früher und die Hippies und die RAF und die Jobs und die Zigaretten und den lieben Gott und die Hölle und die anderen Lebenslieben. Interessanter Stoff!

Welche Antworten haben Sie dabei am meisten überrascht?

Viele, aber ich darf sie nicht verraten. Na gut, eine geht: Auf die Frage, seit wann sie nicht mehr bete, antwortete meine Mutter, obwohl nicht in der Kirche und wirklich sehr weltlich, sie tue das seit vierzig Jahren jede Nacht. Damit unserer Familie am nächsten Tag nichts Schlimmes passiert. Es ist ein Ritual. Das wusste ich zum Beispiel nicht. Mein Vater auch nicht.

Wie haben die beiden überhaupt auf das Buch reagiert?

Erst freudig („Ein neues Buch von dir!“), dann verwirrt („So viele seltsame Fragen, Marc!“), dann interessiert („Die hier lässt mich nicht los …“), dann arbeitsam („Lass uns reden, Sohn!“)

Gab es eine Lieblingsfrage – oder eine, die sie empört hat?

Die Sexfragen, immer wieder die Sexfragen!

Braucht man solche Tabus zwischen Eltern und Kindern nicht auch? Zum Beispiel dass man nicht über Sex redet – oder sich als Kind die Ohren zuhält, wenn die Eltern es nach dem zweiten Piccolo doch tun? Oder ist das schlimm und verkrampft?

Es ist mir total unangenehm, darüber zu reden – aber das, was passiert, wenn man nach Sex fragt (Schweißausbrüche, Weggucken, Rumstammeln, Offensivoffenheit), ist extrem interessant. Die Eltern können sich das gern auch verbitten, aber ich finde, es sagt irre viel über eine Person aus, wie sie mit solchen Fragen umgeht. „Im Bett“ – das ist höchstwahrscheinlich die letzte echte Zuflucht des Privaten, so eine Art ultimatives Ich. Und an dieses „Ich“ sollen die Fragen sich eben annähern.

In Fragen wie „Was an mir ist Euch völlig fremd?“ oder „Wurde Euer Leben interessanter oder langweiliger nach meiner Geburt?“ geht es auch ein Stück weit um Sie selbst – was haben Sie durch das Buch über sich gelernt?

Ich bin Prägung von und Flucht vor meinen Eltern. Ich bin ihr Ja und Nein.

Was – unterm Strich – über Ihre Eltern?

Sie hatten ihre Gründe. Sie haben gut nachgedacht. Sie reden lieber, als ich dachte.

Haben Sie – abgesehen von Franzen – ein Lieblingsbuch, in dem es um das Thema Familie geht?

Ja, die eher kürzeren Familiengeschichten: „Hebt den Dachbalken höher, Zimmerleute“ von JD Salinger oder die Erzählungen von Tolstoi. Ach ja, und Thomas Bernhards „Auslöschung“. Das ist zwar etwas länger und sehr traurig, man liest es aber trotzdem an einem einzigen Tag durch, weil der Bernhardsche Sog ein Mahlstrom ist. Die „Buddenbrooks“ sind natürlich auch nicht ganz schlecht – obwohl wirklich sehr dick für meinen Geschmack.

Und ein filmisches Lieblings-Familiendrama?

Der fantastische Mr. Fox“, der Animationsfilm über eine Fuchsfamilie – und eigentlich auch alle anderen Filme von Regisseur Wes Anderson. Im Fernsehen gefiel mir die Mafiaserie „Sopranos“.

Haben Sie selbst eine Lieblingsfrage in dem Buch?

Das ändert sich täglich. Gestern war es „Ist der Sex zu retten, oder muss man sich belügen?“, heute diese hier: „Habt ihr eher zuviel oder zuwenig zusammen ferngesehen?“ Morgen wird es vielleicht „Warum hatten wir nie einen Hund?“ sein.

Und welche möchten Sie wiederum nie von Ihren eigenen Kindern gestellt bekommen?

Die Sexfragen, immer wieder die Sexfragen!

Zum Beispiel „Redet Ihr beim Sex“? oder „Sagt ihr ,ficken’ oder ,miteinander schlafen’ wenn Ihr miteinander ins Bett geht?“ …

Sie sind unangenehm wie ein Röntgenbild, weil die Kinder ja praktisch nach der eigenen Zeugung fragen. Trotzdem würde ich es wissen wollen. Entschuldigung.

Sie schreiben, Ihr Ziel sei eine „Biographie des Gefühls“ – was muss man sich darunter vorstellen?

Jenseits der biografischen Daten sollen die Fragen zum Innenleben der Eltern vorstoßen – wie geht es denen eigentlich, wenn sie mal nicht gerade unsere Eltern sind? Was denken die so den ganzen Tag? Was drücken die weg, wovon haben die sich verabschiedet? Was teilen die erstmal nicht, was tun die – für sich?

Haben Sie schon Rückmeldungen von Lesern bekommen, die aufgrund Ihres Buchs mit ihren eigenen Eltern gesprochen haben?

Ja. Einige sagen, sie hätten zum ersten Mal seit Jahren wieder mit ihren Eltern geredet. Einige sagen, sie hätten zum ersten Mal seit Jahren wieder mit ihren Eltern gestritten. Auch nicht schlecht.

Freuen Sie sich über solches Feedback? Oder ist es Ihnen eher peinlich?

Einzelheiten muss ich nicht unbedingt wissen. Es freut mich aber, dass geredet wird. Die Hölle ist ja das Wegsortieren der Eltern bis zum Tod, um dann am Ende am Grab zu stehen und zu denken: Vater, Mutter, ich hätte da noch drei bis vier Fragen. Aber ihr werdet sie mir jetzt nicht mehr beantworten und auf ewig bloß Bekannte bleiben.
Interview: Christoph Koch
Erschienen auf: meinpaket.de
Foto: Ottmar Jenner/Eichborn

(Disclosure: Ich habe schon mit Marc Fischer am selben Schreibtisch gearbeitet und am selben Tresen Bier getrunken. Dass sein Buch sehr gut und interessant ist, bleibt davon ja unberührt – ebenso die Tatsache, dass wir uns in diesem Interview konsequent siezen.)

 

PS: Nach seinem traurigen und viel zu frühen Tod erscheinen in diesen Tagen zwei Bücher, die die einzigartigen Reportagen und andere lesenswerte Texte von Marc Fischer versammeln: „Die Sache mit dem Ich“ und „Für immer sexy„.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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