Onlinekompetenz: Nicht nur die Alten müssen das Internet besser verstehen lernen

Geschrieben von am 09/12/2010 in Neon mit 0 Kommentare

Von wegen »Digital Natives«: Die ONLINEKOMPETENZ der meisten von uns ist auf dem Stand von 1999. Wie kann das sein?

Neulich, hihi, hat mein Vater neulich doch angerufen und gesagt, er hätte das Internet gelöscht!« – »Hammer! Und meine Mutter sagt immer noch >Diskette< und >aufspielen< – die haben echt keinen Plan, aber irgendwie niedlich.« Jeder kennt solche belustigten Gespräche über Eltern oder gar Großeltern, die sich zwar im Internet bewegen, dabei aber eben so linkisch und unbeholfen sind, dass wir uns gönnerhaft über sie amüsieren können. Dass die Hälfte dieser Geschichten ausgedacht oder weitergetratscht sind, stört uns dabei ebenso wenig wie die Tatsache, dass es um unsere eigenen Internetkenntnisse nicht so viel besser bestellt ist.

Denn mal ehrlich: Weil es vor zehn Jahren funktioniert hat, »Landkarte Toskana« in eine Suchmaschine einzugeben, machen wir es heute eben immer noch so. Auch wenn es inzwischen mit Google Maps und Google Earth tausendmal praktischere und präzisere Werkzeuge dafür gibt. Wir neigen zur Bequemlichkeit und glauben felsenfest, das Internet kapiert zu haben. Wobei »das Internet« vor allem in unserem Mailaccount, Wetteronline, YouTube und Facebook besteht. Im Gegensatz zu uns hat sich das Netz beständig weiterentwickelt und ist tendenziell komplizierter geworden. Wer`s nicht glaubt, möge bitte versuchen, die Privatsphäreeinstellungen bei Facebook kurz und einfach zusammenzufassen.

Auch eine Studie der Northwestern University in Chicago hat bestätigt, dass selbst die »Digital Natives«, die jungen digitalen Ureinwohner also, die in der Onlinewelt groß geworden sind, längst nicht so webgewitzt sind wie angenommen. So waren sich zum Beispiel fast alle Teilnehmer der Studie sicher, dass die ersten Suchergebnisse von Google die relevantesten seien – ohne zu erkennen, dass es sich dabei um bezahlte Werbeeinblendungen handelte. Fast niemand machte sich die Mühe nachzusehen, wer hinter einer bestimmten Website steckte, von der er Informationen übernahm.

Websites mit der Endung .org wurden als glaub würdiger und seriöser eingeschätzt als .com-Websites. Dabei können beide Domains problemlos von derselben russischen Phishingbande angemietet werden. Ein anderes Beispiel: Noch immer gehen Millionen von Internetnutzern mit dem veralteten Internet Explorer 6.0 online – dem laut ein helliger Expertenmeinung langsamsten, fehler anfälligsten und sicherheitslöchrigsten Browser, der den einzigen Vorteil hat, dass er schon installiert war, als wir unseren Computer kauften. Wir machen uns einerseits über die ehemalige Ministerin Zypries lustig, die fragt »Browser? Was war noch mal ein Browser?«, wissen aber selbst nicht so genau, wie und wo wir uns beispielsweise die Alternativen Firefox oder Safari herunterladen und mit Zusatzprogrammen (Add-ons) auf unsere Bedürfnisse abstimmen können. »Es geht doch auch so«, kann man natürlich entgegnen, »Hauptsache, es funktioniert am Ende.« Wenn man jedoch bedenkt, wie viel Zeit wir beruflich und privat inzwischen online verbringen, sollte uns daran gelegen sein, unseren Online-IQ zu verbessern. Wir nehmen ja auch nicht die umständliche Busverbindung mit zweimal Umsteigen zur Arbeit, wenn seit vergangenem Jahr eine brandneue Straßenbahn direkt verkehrt.

Maurice Shahd vom Branchenverband Bitkom sieht zum einen die Schulen und Kultusministerien gefordert: »Die Schulen müssen mehr Lust machen, sich mit dem Computer und dem Internet zu befassen. Es gibt immer noch kein Pflichtfach Informatik, dabei sind grundlegende PC-Kenntnisse inzwischen eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. « Doch auch für Erwachsene hat Maurice Shahd einen Rat: »Fragen Sie Ihren Arbeitgeber nicht nur nach einer Schulung für Excel oder Powerpoint, sondern auch nach einer Schulung für die verschiedenen Google-Anwendungen oder Social Media.« Am Ende liegt es an uns, ob wir das Internet mit all seinen Möglichkeiten erforschen und nutzen wollen oder ob wir uns mit der Oberfläche begnügen, an der wir seit dem Tag herum kratzen, an dem wir an der Uni unsere erste E-Mail-Adresse bekamen. »Wir nutzen nur zehn Prozent unseres geistigen Potenzials«, hat angeblich Albert Einstein gesagt. Und solange wir nur zehn Prozent unseres Onlinepotenzials benutzen, glauben wir das auch. Steht doch bei Google im Internet!

Erst wenn wir über die ersten Treffer hinwegsehen, wenn wir uns ein wenig hineingraben in die Ergebnisliste und nachschauen, von wem die Websites stammen, die dieses Zitat verbreiten, stellen wir fest:Weder stimmt der Satz, noch hat Einstein ihn gesagt. Egal, wie oft Scientology das Gegenteil behauptet.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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