Die letzte Zeitung der Welt: „The Budget“ – die altmodisch-moderne Wochenzeitung der Amish

Geschrieben von am 01/07/2009 in Süddeutsche mit 3 Kommentare

„The Budget“ aus Ohio ist die Wochenzeitung der Amish People. Manches an ihr wirkt plötzlich sehr modern

Das Leben ist nicht gerade das schnellste in Jamesport, Missouri. Pferdekutschen, die bedächtig die Landstraße entlangklappern; ein gemütlicher Plausch von Nachbar zu Nachbar über den Gartenzaun; Küchen, in denen statt mit modernen Elektrogeräten noch mit der Hand gewaschen, geknetet und eingekocht wird. Neuigkeiten erreichen die rund 1500 Amish, die hier leben, nicht im 24-stündigen Eilmeldungsdauerfeuer via CNN oder das Internet. Nein, stattdessen liegt hier einmal pro Woche The Budget im Briefkasten: Die Wochenzeitung stellt seit 1890 die wichtigste Informationsquelle der Amish People dar, die sich den meisten technischen Neuerungen versagen – so auch dem Radio, dem Fernsehen und dem Internet.

Nachrichten aus der Gemeinde statt Mord und Totschlag: Bei "The Budget" schreiben die religiösen Leser selbst.

Nachrichten aus der Gemeinde statt Mord und Totschlag: Bei „The Budget“ schreiben die religiösen Leser selbst.

Um 1700 kamen die Amish aus Europa in die USA, ließen sich zuerst in Pennsylvania und Ohio nieder. Rund 227 000 Amish leben heute in den USA, Tendenz steigend. Die Gemeinde von Jamesport, Missouri ist eine der jüngeren: „Meine Familie kam mit einigen anderen 1953 hierher“, erzählt David Yoder, der örtliche Kutschenmacher. „Inzwischen leben hier etwa 1500 von uns.“ Den Kontakt zu den anderen Amish-Siedlungen halten sie vor allem über die Wochenzeitung. „Meine Frau könnte ohne The Budget nicht leben“, sagt Yoder und lacht in seinen langen grauen Bart. „Und wenn ich ehrlich bin: Ich auch nicht. Man erfährt, wie es den Verwandten in der Ferne geht und wie die Ernte in anderen Landstrichen ausgefallen ist.“ Telefone, mit denen man das vielleicht auch erfahren könnte, sind den Amish zwar erlaubt, jedoch eher zu beruflichen Zwecken als für weltliche Plaudereien. Deshalb sind sie auch in unbequemer Entfernung zum Wohnhaus in kleinen Bretterverschlägen draußen auf dem Feld untergebracht. „Man kann im Notfall den Tierarzt benachrichtigen oder einen Geschäftspartner zurückrufen“, erklärt Yoder. „Aber für ein Schwätzchen ist es ein wenig mühsam.“

Mittwoch, der Tag, an dem The Budget im Briefkasten liegt, ist für die Amish also der Tag, an dem sie hinausblicken über die Grenzen ihrer eigenen Gemeinde. 42 Dollar kostet ein Jahresabo, die Auflage beträgt 18 000 Stück, da die Amish jedoch in oft acht- bis zwölfköpfigen Familien leben, beträgt die Reichweite ein Vielfaches.

Kein einziges Foto gibt es auf den rund 50 Zeitungsseiten – von ein paar kleinen Anzeigen für Rasenmäher oder Pfannen abgesehen. Keine Infografiken, keine Farbe, nur Spalte um Spalte Text. Doch so altbacken The Budget auch aussieht – es könnte die Zeitung sein, die noch gedruckt werden wird, wenn alle anderen womöglich längst mit Digitaltechnik auf die Netzhaut der Leser projiziert oder direkt in unsere Gehirnströme eingespeist werden. Denn mit den Amish hat The Budget eine Leserschaft, die weder ins Internet abwandert noch sich in nennenswertem Maß für andere Zeitungen oder Magazine interessiert. „Zu viele schlechte Nachrichten“, wehrt David Yoder ab, wenn man ihn fragt, warum er keine gewöhnliche Zeitung abonniert. Erlaubt wäre es ihm nach den Kirchenregeln. „Die Medien berichten doch am liebsten über Mord und Totschlag – positive Dinge sind ihnen in der Regel keine Geschichte wer.“

Keine Fotos, kein Schnickschnack: Die Budget-Titelseite lässt die FAZ wirken wie ein Revolverblatt

Keine Fotos, kein Schnickschnack: Die Budget-Titelseite lässt die FAZ wirken wie ein Revolverblatt

Man findet tatsächlich keine Berichte über Schießereien, Flugzeugabstürze, Wahlbetrug oder andere Schlechtigkeiten der Welt auf den Budget-Seiten. Stattdessen: Berichte über das Wetter, die Ernte, den Gesundheitszustand des Dorfältesten.

The Budget, das von einem 16-köpfigen Team in Sugarcreek im Bundesstaat Ohio produziert wird, hat so gut wie keine Reporter oder Korrespondenten – und trotzdem Berichte aus der kleinsten Amish-Gemeinde im hintersten Winkel der USA. Wie das geht? Die Leser schreiben ihre Zeitung selbst voll. Jede Gemeinde hat einen Beauftragten, einen sogenannten „Scribe“, der über Todesfälle, Hochzeiten und ähnliche elementare Vorkommnisse berichtet. Aber auch scheinbar Triviales wie „Die Stoltzfus-Schwestern kamen ihre Tante Ida besuchen und bleiben bis Dienstag“ oder „Am Freitag letzter Woche konnten wir hier die ersten Blaumeisen in diesem Jahr beobachten“ findet seinen Platz.

Rund 750 Schreiber sind für The Budget tätig – als Bezahlung gibt es nur ein Gratis-Abo sowie frankierte Briefumschläge, in denen sie ihre Berichte einschicken können. Die meisten von ihnen senden ihre Depeschen nach wie vor handschriftlich: Computer sind verboten, Schreibmaschinen suspekt. „Wir bekommen etwa 450 Berichte pro Woche, da manche nur jede zweite Woche etwas schicken“, berichtet Fannie Erb-Miller, die 57-jährige Chefredakteurin von The Budget. „In einigen Gemeinden wird das Amt des Schreibers jährlich gewechselt, aber in den meisten machen es die Leute ein Leben lang und suchen sich, wenn sie alt werden, einen Nachfolger.“

Meist wohl eine Nachfolgerin. Denn auch wenn viele Berichte mit „Familie Schwartz“ oder „Die Eichers“ unterzeichnet werden, sind es doch zu 80 bis 90 Prozent Frauen, die aus dem Leben der Gemeinschaft berichten. „Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe“, sagt Erb-Miller, „und die Schreiber sind über ihre Heimatgemeinde hinaus bekannt.“ Für die Amish erfüllt ihre Zeitung nicht nur den Zweck einer Informationsquelle, sie fördert auch die Identität und verstärkt das Gemeinschaftsgefühl. Dazu gehört, dass die Leser als Einheit angesprochen werden: „Weiß irgendjemand in Budgetland, wo ich folgendes bekomme?“, fragt zum Beispiel eine Schreiberin. In diesen Momenten erinnert die vor beinahe 120 Jahren gegründete Zeitung plötzlich an ein sehr modernes Medium: das Internet. Dass die Leser aus ihrer passiven Rolle aussteigen und selbst zu Autoren werden, nennt man in Zeiten des Web 2.0 „user-generated content“, nutzergenerierter Inhalt. „Wir redigieren nur sehr wenig“, erklärt die Chefredakteurin. „Wir greifen zum Beispiel ein, wenn ein Schreiber grundsätzliche religiöse Streitfragen debattieren will. Das gehört nicht in unser Blatt – wir sind keine religiöse Zeitung, eher ein Rundbrief an eine sehr, sehr große Familie.“ Die einzige Konkurrenz erwuchs der Zeitung 1975 durch einen konservativeren Ableger Die Botschaft, der trotz des deutschen Titels auf Englisch erscheint.

Mit der Kutsche durch die Krise: Wie die Amish selbst, ist auch ihre Zeitung relativ resistent gegen den Abschwung.

Mit der Kutsche durch die Krise: Wie die Amish selbst, ist auch ihre Zeitung relativ resistent gegen den Abschwung.

Der Aufbau der Zeitung ist streng demokratisch: Nicht die vermeintlich wichtigsten Neuigkeiten stehen auf der Titelseite – stattdessen wird alphabetisch Bundesstaat nach Bundesstaat, Ortschaft nach Ortschaft behandelt. Wer jedoch glaubt, dass die Leser nur schnell zu der Seite blättern würden, auf der die Meldungen aus ihrer Gemeinde stehen, irrt sich: Die meisten lesen die Zeitung komplett von vorne bis hinten durch. Wie stark das Interesse und der Zusammenhalt innerhalb der Amish ist, wird an dem Ritual der „Showers“ deutlich: In einem speziellen Teil der Zeitung wird darum gebeten, Menschen, die in kleiner oder großer Not sind, mit Grußkarten oder Geldspenden zu helfen. „Lasst uns William Kempf (84) aufheitern“, lautet zum Beispiel eine Aufforderung. „Er ist aufgrund seines Schlaganfalls vor einigen Monaten bettlägrig. Seit er nicht mehr in seiner Werkstatt arbeiten kann, sind seine Tage sehr lang.“ In anderen Aufrufen wird zum Beispiel um Geldspenden für eine Witwe gebeten, die kein Einkommen mehr hat, oder für die Eltern eines kleinen Jungen, denen nach dessen Unfall die Krankenhauskosten über den Kopf wachsen. Die Resonanz ist erstaunlich: „Den Menschen quellen im wahrsten Sinne des Wortes die Briefkästen über, wenn über sie geschrieben wird“, weiß Erb-Miller. Alle fünf Jahre lädt sie alle aktiven Schreiber nach Sugarcreek ein, viele von ihnen halten auch untereinander Kontakt und besuchen sich regelmäßig.

Für Außenstehende wirkt die Hartnäckigkeit, mit der die Amish an ihren einfachen Traditionen festhalten und die meisten technischen Neuerungen meiden, oft kauzig und unverständlich. Aber es ist diese Bescheidenheit und die Skepsis gegenüber der modernen Konsumwelt gepaart mit starker Solidarität, die die Amish erstaunlich widerstandsfähig gegenüber der derzeitigen Wirtschaftsflaute gemacht hat. „Ich bekomme hier von der Krise nichts mit“, sagt David Yoder und fügt hinzu: „Wenn die Benzinpreise weiter so steigen, kaufen bald nicht nur die Amish meine Kutschen, sondern auch alle anderen.“

In Sugarcreek, Ohio, machen sich die Produzenten von The Budget aller wirtschaftlichen Hiobsbotschaften aus der Medienbranche zum Trotz ebenso wenig Sorgen. „Eine Zeitung für die Amish People zu machen ist natürlich eine relativ kleine Nische – aber eben auch eine sehr sichere. Ich gehe davon aus, dass es The Budget noch geben wird, wenn Zeitungen wie die New York Times vielleicht nur noch im Internet erscheinen“, sagt Fannie Erb-Miller zuversichtlich. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich hoffe nur, dass es dann auch noch Druckerpressen geben wird, damit wir sie weiterhin drucken können.“

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung
Fotos: Jessica Braun (2) / The Budget

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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3 Leserkommentare

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  1. 6 vor 9: @sachark, Hagemann, Manipulationen » medienlese.com | 02/07/2009
  1. […]“The Budget“ aus Ohio ist die Wochenzeitung der Amish in den USA und wird noch immer traditionell hergestellt.[…]

  2. Schöne Geschichte aus einer Welt, die man auf den Medienseiten nur selten findet. Habe ich gleich mal auf http://www.pressekonditionen.de verlinkt.

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