Durch das schönste aller Leben… – Das Tomte-Album „Buchstaben über der Stadt“ Lied für Lied

Geschrieben von am 26/01/2006 in Intro mit 0 Kommentare

Tomte-Sänger Thees Uhlmann erklärt, was es mit den Texten seineneuen Albums auf sich hat.

Nach den zwei Indie-Erfolgen „Du Weißt, Was Ich Meine“ und „Eine Sonnige Nacht“ knackten Tomte 2003 mit „Hinter All Diesen Fenstern“ nicht nur die Charts, sondern lösten Tocotronic als die Band ab, deren Songtitel in deutschen Feuilletons für Überschriften entfremdet werden. Das neue Album „Buchstaben Über Der Stadt“ knüpft nahtlos an das letzte Werk an, toppt es in vielerlei Hinsicht sogar – und könnte sich als das wichtigste deutsche Album des Jahres 2006 erweisen. Grund genug, das Album Track für Track mit Sänger Thees Uhlmann durchzugehen, Textexegese zu betreiben und geiles Nerd-Wissen für den Tomte-Stammtisch zu sammeln.

Thees "Shuffle" Uhlmann dreht im ICE Hamburg-Berlin die neue "The National" so laut, dass Olli Koch fast "die Ohren wegfliegen". Oder so.

Thees "Shuffle" Uhlmann dreht im ICE Hamburg-Berlin die neue "The Natonal" so laut, dass Olli "Tetrapackwasser" Koch nicht weiß, ob er lachen oder taub werden soll.

1. Ich Sang Die Ganze Zeit Von Dir

„Durch die Straßen, durch die Gassen / Weht ein heißer Wind / Der nur sagt: / Bitte bleib am Leben.“

Diese Angst, einen geliebten Menschen an den Tod zu verlieren, die auch schon in der Zeile „Lass mich vor dir sterben“ vorkam, die ist in mir schon stark verankert. Ich weiß nicht, warum ich mir darüber solche Gedanken mache, aber ein Satz, der wahnsinnig oft von mir kommt, ist: „Versprich mir, dass du immer gut auf dich aufpasst.“ Es ist vielleicht eine Art Aberglaube, das so zu beschwören und sich und dem anderen klar zu machen: Ich möchte noch viel Zeit mit dir verbringen, mein Leben wäre schlechter, ärmer, beschissener, wenn es dich nicht mehr gäbe. Es ist natürlich auch ein Liebeslied. Ich weiß noch, das kam so aus mir rausgeflossen, und ich zögerte noch für einen Moment, ob das jetzt zu peinlich wäre. Aber dann habe ich beschlossen: Nö.
2. So Soll Es Sein

„So soll es sein / Und so war es erdacht.“

Das kann für vieles stehen: zum Beispiel für das Art-Brut-Konzert im Roten Salon. So soll es sein – genau so muss Musik sein. Du hast das Gefühl, du kannst die Gedanken von jedem einzelnen Menschen im Raum lesen. Solche perfekten Abende eben. Aber es steht auch für den Zustand der Band und des Labels. Ich bin einfach zutiefst stolz auf meine Band und bin zutiefst stolz auf Kettcar. Da ist kein doppelter Boden oder so etwas.

3. Was Den Himmel Erhellt

„Du sagtest, wir verlieren / Die stärksten und schönsten Söhne der Stadt.“

Das ist die Antwort auf Marcus Wiebuschs Text zu „48 Stunden“. Genauer gesagt: Ich wusste, dass der Satz auf dem nächsten Kettcar-Album vorkommen würde. Also habe ich ihn mal schön geklaut. Das ist einerseits so ein Battle zwischen Marcus und mir, andererseits ist mir total bewusst, dass ich ohne ihn hier nicht sitzen würde. Der Originaltext ist ungefähr doppelt so lang, und folgende Zeile ist leider rausgefallen: „Siehst du dahinten das Stadion / Sogar meine Mutter kennt dich schon.“ Fand ich eigentlich einen geilen Rhyme, war mir dann aber doch vielleicht eine Spur zu nah am Leben. Außerdem halb von Jay-Z geklaut – bei dem ist aber der Madison Square Garden gemeint und nicht das Millerntor.

4. New York

„In der Stadt mit Loch / Passierten wir das berühmteste Hotel der Welt / Ich sang dir ein Lied von ihm.“

Das Hotel ist das Chelsea Hotel, und „er“ ist Leonard Cohen. „Sincerely Thees Uhlmann“ ist auch ein Cohen-Zitat, das Lied „Famous Blue Raincoat“, dessen Strophe ich da vor dem Chelsea gesungen habe, weil ich romantisch sein wollte, endet mit der Zeile: „Sincerely L. Cohen“. Die Credits für die Zeile „Weißt du wie schön / Die Liebe negiert“ kann ich auch abgeben: an Die Sterne. Denn in deren Lied „Was Hat Dich Bloß So Ruiniert“ habe ich statt „Gott weiß wie privilegiert“ immer verstanden „Gott weiß, wie Liebe negiert“. Seitdem trage ich die Zeile mit mir herum.

5. Walter & Gail

„Walter gibt Gail einen Kuss.“

Walter und Gail sind entfernte Verwandte in den USA. In den 80ern, als der Dollar so niedrig war, war es unter Lehrern angesagt, sich am Grand Canyon die Klinke in die Hand zu geben. Das galt auch für die Uhlmanns. Ich hatte mit meiner Verwandtschaft ja immer Probleme, als ich so ein pubertierender Punkarsch war. Und als wir bei Walter und Gail waren, sagte zum ersten Mal jemand: „Cool, dass du Fanzines liest, Punk hörst und immer derbe schlecht drauf bist – wir haben The Clash gesehen, als sie damals hier in Detroit waren.“ Es gibt wohl keinen Tomte-Text, der so eins zu eins ist. Alles ist so passiert, als ich vor kurzem noch mal bei denen zu Besuch war. Die sind inzwischen 35 Jahre verheiratet und können trotzdem nicht aneinander vorbeigehen, ohne sich kurz zu berühren. Das mag kleinbürgerlich klingen: aber für mich ist das ein großartiger Lebensentwurf.

Achim 60 Bogdahn interviewt Thees Uhlmann am Morgen nach dem Auftritt der Band im Münchner Club 2, damals vor hundert Jahren.

Achim "Sechzig" Bogdahn interviewt Thees "Medienprofi" Uhlmann am Morgen nach dem Auftritt der Band im Münchner Club 2, damals vor hundert Jahren.

6. Warum Ich Hier Stehe

„Du flehst in Telefone / In einer Sprache, die niemand spricht.“

Ein Lied über die Phasen im Leben, in denen du von allen Seiten auf die Fresse bekommst. Ständig pleite, ständig Handy gesperrt – der Höhepunkt war, als die Polizei meine Tür aufgebrochen hat. Ich hatte meinen Briefkasten nicht mehr geleert, und mein Hausmeister, ein reizender Däne, hatte Angst, dass ich tot in meiner Wohnung liege. Und die Zeile „ein passionierter Mensch in einem mediokren Land“ empfinde ich wirklich so. Ich finde die Popkultur in Deutschland sehr mittelmäßig. Und wenn ich nach meiner Meinung zu Juli und Silbermond gefragt werde, denke ich mir jedes Mal, die sollen mich doch bitte fragen, warum ich Conor Oberst und John K. Samson so geil finde. Mit denen habe ich doch viel mehr gemeinsam, auch wenn sie einen anderen Pass haben.

7. Norden Der Welt

„Und könnten wir gehen vom Süden des Landes bis zum Norden der Welt, um zu sehen, was der Stand ist.“

Da kann ich von allen am wenigsten zu sagen. Ein Lied über das Unterwegs-Sein. Wenn einen Landschaft total anschockt.

8. Wir Fragten Deinen Dealer

„Wir fragten deinen Dealer, wie es dir geht / Und er sagte, dass er nicht weiß / Wie das Geld in seine Hände kommt.“

Ein Lied über die Sorge, die man manchmal für Freunde empfindet, die dieses Pingpong-Leben führen, das Drogen so mit sich bringen. Die ein Wochenende durchziehen, und dann kannst du sie erst mal bis Donnerstag nicht erreichen. Ich lebe nicht in einem Junkie-Umfeld, soll sich mal niemand sorgen, aber es sind eben Leute, die einem wichtig sind. Aber Achtung, das Lied ist auf dem endgültigen Album gar nicht mehr drauf. Stattdessen ist jetzt ein Akustiksong drauf – aber es ist auch gut, mit „Dealer“ eine richtig dicke B-Seite zu haben.

9. Sie Lachen Zu Recht Und Wir Lachen Auch

„Und wir gaukeln uns vor / Wir könnten den Grad unserer Zerstörung kontrollieren.“

Der Arbeitstitel war „Rauchen“. Weil ich manchmal spüre, dass die Zigarette bzw. die Zigarettenindustrie mich auslacht. Ich meine, warum rauche ich denn jetzt schon die fünfte Zigarette, obwohl ich weiß, dass ich heute Abend singen muss? Früher war meine These ja, dass viele Leute rauchen, damit sie wenigstens wissen, woran sie sterben.

10. Geigen Bei Wonderful World

„Du kannst Adam und Eva sagen / Ich werde aufpassen, so gut ich kann / Auf Kain und Abel auf all ihren Wegen / Wir besuchen euch dann und wann.“

Das ist im Grunde dieser Schutzengel-Gedanke – dass man glaubt, jemanden vor allem Schlimmen bewahren zu können. Und vielleicht klappt das ja auch. Adam und Eva, Kain und Abel stehen dabei für Leute, die mir sehr nahe sind – und der Rest des Liedes ist einfach Wertschätzung eines großartigen Menschen und Wertschätzung großartiger Musik. Das alte Paar habe ich wirklich gesehen, in Hamburg standen die vor der Mutter.

Protokoll & Fotos: Christoph Koch
Erschienen in: Intro

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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