Christian Jakubetz: Mein Medien-Menü (Folge 84)

Geschrieben von am 21/07/2014 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Diese Woche: Christian Jakubetz.

christian jakubetz

Man soll ja generell mit Metaphern eher sparsam sein – aber wenn sich eine Rubrik “Medienmenü” nennt, schreit das nicht geradezu nach einer?

Sie gestatten deshalb: Ich fange mit einer Metapher an. Mit einer, die sich logischerweise an das Thema “Menü” anlehnt. Weil es mit dem Essen und Kochen vermutlich ähnlich ist wie mit dem Medienkonsum. Der moderne und aufgeklärte Mensch von heute kocht selber und essen mag er nur die erlesenen Dinge dieser Welt. Oder haben Sie schon mal von jemandem gehört, der freiweg zugibt: Am liebsten hab´ ich ja Currywurst mit Pommes und lese die “Bild” dazu?

Haben Sie vermutlich nicht, weswegen Sie jetzt gleich eine Premiere erleben: Sie lesen gerade einen Text von jemanden, der ab und an Currywurst mit Pommes mag (nur mit der “Bild” habe ich es nicht so, sorry.) Das Geständnis muss an dieser Stelle sein, selbst wenn Sie mich jetzt tendenziell für grundstumpf halten. Oder für einen vollständigen Totalignoraten. Aber mir fehlt ein wenig die Bereitschaft, Ihnen jetzt das Bild eines Journalisten und Autors zu zeichen, der den ganzen Tag Dostojewski liest und abends ein wenig Arte schaut, bevor er dann im Bett auf dem iPad noch die aktuelle Ausgabe der “New York Times” durchblättert.

Wobei: kann passieren, das. Aber nur selten. Immer Currywurst ist ja langweilig. Immer das 5-Gänge-Edelmenü aber auch.

Deswegen ist das ein bisschen schwierig, diese Sache mit mir und meinem Medienmenü. Weil es diese eine Menü nicht gibt und weil ich ja schlecht schreiben kann, am liebsten hätte ich ein 5-Gänge-Menü, von dem ein Gang aus Pommes mit Currywurst besteht.

Obwohl: warum eigentlich nicht? Versuchen wir es also mal.

Der Beginn meines Tages ist an sich eine pervertrierte Geschmacklosigkeit. Weil ich nichts mehr liebe, als aufzuwachen, mir einen Kaffee zu machen, mit diesem Kaffee wieder zurück ins Bett zu gehen, mein iPad zu nehmen und dann ein bisschen zu lesen. Querbeet. Was in der Nacht los war. Was meine Freunde bei Facebook so treiben. Manchmal auch, wenn es mich ganz besonders fesselt, ein paar Seiten aus einem Buch. Manchmal sogar aus meinen eigenen Büchern, so eitel bin ich ja dann doch.

Was ich morgens gar nicht brauchen kann: Fernsehen. Radio vielleicht, da aber auch nur ein paar Nachrichten. Wenn ich bei so einer der üblichen Morningshows im Radio landen sollte, können Sie davon ausgehen, dass ich den Rest des Tages ungenießbar bin. Das ist nicht mal mehr Currywurst, das ist verschimmelter Eintopf.

Diese etwas wüste Mixtur, ich muss es leider zugeben, hät bei mir den ganzen Tag an. Meistens schleppe ich ein iPad, einen Kindle, irgendwas Gedrucktes und ein Buch mit mir rum. Und ich lese querbeet. Ich gehöre leider nicht zu diesen beneidenswerten Menschen, die sich immer auf ein Buch oder eine Zeitschrift konzentrieren können. Vermutlich hat man in meiner Kindheit vergessen, mir ein leicht hyperaktives Hirn zu diagnostizieren. Aber weil das jetzt eh schon zu spät und damit auch egal ist, mache ich halt so weiter: Buch, Zeitschrift, iPad.

Ich kann mich für alles begeistern, was ein wenig neben des Mainstreams schwimmt. Ich interessiere mich nicht für Wirtschaft, lese aber leidenschaftlich die “Brand eins” mit ihren endlos langen und meistens ziemlich großartigen Reportagen. Ich liebe Fußball, mag aber den “Kicker” nicht – dafür die “11Freunde”, gerade in Zeiten, wo die WM-Berichterstattung tendenziell ein eher ungenießbares Instantgericht aus der Tiefkühlabteilung des Supermarkts ist. Als tiefgekühltes Instantgericht ist nicht mal eine Currywurst genießbar.

Ich weiß, natürlich müsste hier stehen: Als Journalist stürze ich mich begeistert auf den Spiegel, den Focus, den Stern, die ganzen Pflichtmagazine also. Das war früher auch so. Inzwischen ist das meistens eine langweilige Pflichtaufgabe für mich. Den Focus mochte ich noch nie und lese ihn deshalb nur dann, wenn aus unerfindlichen Gründen eine Notstandslage eintritt. Ich allerdings strikt darauf, dass das ungefähr nie passiert. Man soll ja auch immer schon essen, bevor der ganz große Hunger kommt. Beim “Spiegel” weiß ich meistens vorher schon, was er schreibt, außerdem hatte er mir in den letzten Jahren definitiv zu viele Titelgeschichten über Rückenschmerzen und irgendwas mit Hitler. Und der Stern? Ach. Der Stern. Eine Wundertüte mit viel Brause drin. Ist manchmal ganz lustig, aber wirklich bleibenden Geschmack hinterlässt Brause ja eher selten.

Tageszeitungen? Nur eine. Die SZ. Und das schon immer. Ich gebe aber zu, dass das an meiner bayerischen Herkunft und der entsprechenden Sozialisation liegen mag. Aber ohne die SZ gibt es kein wirkliches Münchner Leben. Früher hätte die “Abendzeitung” noch unbedingt in diese Aufzählung gehört, aber die AZ ist ja inzwischen nicht mehr die AZ. Schade drum, die AZ war immer meine mediale Currywurst. Mit Pommes.

Fernsehen? Och nö. Eher sehr selten. Ich kann mir stundenlang gute Serien oder Filme anschauen. “Breaking Bad”, “Lost” oder “House of cards” haben mich gefesselt und nie wieder losgelassen. Meine TV-Currywurst heißt “Stromberg”. Aber dazu braucht man ja im digitalen Zeitalter weiß Gott keinen Fernseher mehr. Höchstens noch als Abspielgerät.

Aber wissen Sie, was die eigentlich schönsten und leider viel zu seltenen Momente sind? Die völlig ohne Medien, sondern mit jemand ganz anderem.

Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte.

Text: Christian Jakubetz
Foto: Heike Rost 

Christian Jakubetz ist freier Journalist und Buchautor. Als Journalist und Berater arbeitete er u.a. für das ZDF, N24 und die ProSiebenSat1-Gruppe.  Er ist zudem Herausgeber des Journalisten-Lehrbuchs “Universalcode” und der Autor des Fachbuchs Crossmedia“. Sein letztes Buch hat mit Medien allerdings nichts zu tun: “Der 40-Jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand” ist eine sanft-ironische Abhandlung der Lebensjahre zwischen 40 und 50.

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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