Benedikt Köhler: Mein Medien-Menü (Folge 8)

Geschrieben von am 02/04/2012 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü – diese Woche mit Benedikt Köhler, Soziologe und Social-Media-Forscher. 

Der erste Leseblick des Tages gilt meistens dem Smartphone, das gleichzeitig als Wecker fungiert. Leider lässt sich das noch nicht automatisieren, so dass einem zum Beispiel die lustigsten, spannendsten oder am häufigsten weitergeleiteten Tweets automatisch vorgelesen werden können. Siri ist noch nicht so weit. Aber vielleicht lernt sie das bald. So wäre ich dann zum Aufstehen mit dem versorgt, was die Nachteulen und Westküstenamerikaner in meiner Timeline so geschrieben haben. Es gibt Leute da draußen, die ihren Tweets nach gar nicht schlafen, längst durch Roboter ersetzt wurden oder einen antipodischen Ghostwriter haben.

 

Ich finde, dass man die Twittertimeline nicht zu Unrecht „Stream“ getauft hat. Deshalb achte ich darauf, immer so viele Leute abonniert zu haben, dass die Timeline niemals leergelesen werden kann. Meinen Berechnungen nach reichen 3.000 bis 3.500 Follower, davon ca. 1/5 in der US-Westküste, um diesen informationellen Flow-Zustand herzustellen. Problematisch wird es nur, wenn man an der Westküste ist. Die 600 Follower reichen einfach nicht aus, um eine kontinuierliche Versorgung sicherzustellen.

Neben der allgemeinen Timeline für das Flow-Gefühl habe ich auch noch eine private Liste mit den für mich wichtigsten Personen. Darin sind die etwa 100 Twitterer, mit denen ich befreundet oder verwandt bin. Außerdem natürlich auch die Twitterer, die so großartige Dinge schreiben, so dass man keinen Tweet verpassen möchte.

 

Neben Twitter – hier verwende ich entweder das Webinterface, Tweetdeck, Echofon oder den Twitter-iPhone-Client – spielt Flipboard in meinem Mediennutzungsverhalten eine ganz große Rolle. Als wir damals das Slow-Media-Manifest geschrieben haben, war das fehlen einer digitalen Genusskultur eine der wichtigsten Motivationen. Wer digital sagt, meint meistens Geschwindigkeit und Effizienz, aber nicht Qualität und Genuss. Flipboard auf dem iPad ist für mich einer der ersten Ansätz einer digitalen Genusskultur. In der Hängematte liegend durch die Timeline von @umairh oder @brainpicker zu blättern ist einfach großartig.

 

Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Informationskultur schon längst eine memetische Wende erlebt hat. Die Bilder, mit denen wir uns jeden Tag umgeben, sind zu einem immer geringeren Teil klassische Nachrichtenbilder. Immer häufiger trifft man auf Inhalte, die nicht mehr von allen (vulgo: dem Nationalstaat) entschlüsselt werden können und dadurch eine „vorgestellte Gemeinschaft“ schaffen, sondern Bilder, die zersetzen, spalten oder abgrenzen. Ob es um die Nyan Cat geht, „Halt-Stop“-Schilder, Bierglas-vor-Himmel-Fotoserien oder Metterzeugnisse aller Art – jede Gemeinschaft hat ihre eigene visuelle Kultur, die als esoterisches Wissen gleichzeitig die Gemeinschaft integriert und von anderen Gemeinschaften abgrenzt. Kurz gesagt: Instagram halte ich für eine großartige Erfindung und ich liebe es, durch dieses memetische Universum zu browsen, um visuelle Stammesgesellschaften zu entdecken, die vor mir noch niemand leibhaftig zu Gesicht bekommen hat. Aus dem „Armchair-Anthropologist“ ist längst ein „Display-Anthropologist“ geworden.

 

Jetzt habe ich sehr viel über digitale Medien geschrieben. Wenn man nicht nach Bytes misst, sondern in Kilogramm oder laufenden Metern, bin ich ein zutiefst analoger Printmensch. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Postbote mir nicht ein ZVAB- oder Amazon-Päckchen vor die Tür legt. Außerdem habe ich auch mehrere Zeitschriften im Abo, darunter Wired, Monocle, Make, Kunstforum oder Texte zur Kunst. Aber auch dieses Leseverhalten hat sich durch die digitale Revolution verändert: Seit ich auf Twitter viel mehr Leute kenne bzw. nicht nur ab und zu mit ihnen telefoniere, die ganz ähnliche (Lese-)Interessen haben wie ich, flattern auf diesem Weg fast stündlich Leseempfehlungen in meine Timeline, bei denen der Enttäuschungsgrad erstaunlich gering ist. Man könnte den Einfluss meiner Twitter-Freunde durchaus auch in Regalmetern messen. So sieht nämlich Medienkonvergenz in Wirklichkeit aus.

 

Zusammenfassend besteht mein Medienmenü aus ca. 65% Online, 30% Büchern und 5% Zeitschriften (Musik von Spotify bis zur Schallplatte habe ich jetzt einfach einmal ausgeklammert, das hier soll schließlich kein Roman werden).

 

Benedikt Köhler ist Soziologe, Netzwerkforscher und Blogger. Nach Studium und Promotion in Soziologie forschte und lehrte er zu den Themen Netzwerkanalyse, Informationsvisualisierung und dem Social Web. Parallel entwickelte er das Analysetool brandtweet.com und beriet zahlreiche Unternehmen in ihrer Online-Strategie. Danach gründete er die Arbeitsgemeinschaft Social Media als ersten Social-Media-Branchenverband in Deutschland und wechselte zu dem Social-Media-Monitoringanbieter ethority als Forschungs- und Strategieleiter und anschließend COO. Gemeinsam mit Sabria David und Jörg Blumtritt hat er 2009 das Slow Media Manifest für nachhaltige(n) Medienkonsum und -produktion geschrieben. Er bloggt unter blog.metaroll.de sowie beautifuldata.com und twittert unter @furukama.

Text: Benedikt Köhler
Foto:

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Disclosure: Mit vielen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen (werden), bin ich befreundet oder zumindest leidlich bekannt.

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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