Segler oder Selbstdarsteller? Die große Professorentypologie

Geschrieben von am 13/05/2008 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Jedes Semester treffen Studenten auf Dozenten, deren Namen sie zum ersten Mal hören. Wie der neue Prof tickt? Das ist im Grunde ganz simpel: Er lässt sich wahrscheinlich einem von sieben Typen zuordnen.

Der Gockel

Die Uni ist die Bühne, auf der ein Stück gegeben wird, in dem er stets den Hauptdarsteller spielt: tadelloser Anzug, randlose Brille, perfektes, glänzendes Haar. Seine Vorlesungen eröffnet er gern mit einem berühmten Zitat. Dabei wedelt er in großen Gesten mit seinen Armen. Und marschiert während eineinhalb Stunden rund fünf Kilometer hin und her durch den Hörsaal.

Exakte Wissenschaft? Methodik? Firlefanz! Was zählt ist, wie man sich verkauft. Er liebt es, First Class zu großen, internationalen Kongressen zu fliegen. Seine Entourage aus karrierefreudigen Doktoranden fährt derweil mit dem Zug hinterher. Dort feilt sie an seinen Vorträgen. Schließlich ist ihr Chef gütig, außer man stellt ihn durch mangelnde Perfektion bloß. Wenn sich ein Fehler auf seiner Powerpoint-Folie eingeschlichen hat, spannt sich seine Gesichtsmuskulatur zu einem gequälten Lächeln. Jetzt wissen die Untertanen: Die Rache wird fürchterlich und persönlich verletzend sein.

Das Wochenende verbringt der Gockel in seinem kleinen Landhaus. Dorthin lädt er Freunde aus der Wirtschaft ein, oder er schreibt einen „längst überfälligen“ Leserbrief an eine überregionale Zeitung. Erscheint dieser, am besten noch mit Foto, spendiert er eine Runde billigen Prosecco am Lehrstuhl. In das Klatschen seiner Doktoranden für so viel Edelmut ruft er hinein: „Vielen Dank. Der Applaus ist schließlich der Lohn des Künstlers!“

So gehst du mit ihm um: Setze deine WG-Kollegen kurz vor der Prüfung auf ihn an. Sie sollen ihn darauf ansprechen, ob er der Professor ist, den man aus der Zeitung kennt und von dem ihr Mitbewohner immer so schwärmt.

Die Karrieristin

Im Lebenslauf der Karrieristin ist die Hochschule nur eine Zwischenstation, ein Sprungbrett – auch wenn sie das natürlich vehement bestreitet. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, die „offene Kommunikationsatmosphäre“ und die „engagierten und wissbegierigen Studenten“ zu loben, wo auch immer sie ein Reportermikrofon sieht. Gleichzeitig lässt sie keine Gelegenheit aus, den „Elfenbeinturm Wissenschaft“ anzuprangern und mit Modernisierungsvorschlägen auf sich aufmerksam zu machen.

Diese hat sie zwar allesamt von dem US-College abgeschaut, an dem sie zwei Semester studiert hat, im verschlafenen Deutschland kommt sie damit dennoch als wagemutige Reformerin in die Presse. Dass die Karrieristin in ihren Seminaren ständig prominente Gastredner „aus der Praxis“ begrüßt, festigt nicht nur ihren Ruf als Macherin – sondern vor allem ihre eigenen Verbindungen zu Wirtschaft und Politik.

Und so ist es kein Wunder, dass das Dozenten-Wunderkind eines Tages genauso schnell wieder verschwindet, wie es gekommen ist: Jetzt sitzt sie auf einem gutbezahlten Vorstandsposten.

So gehst du mit ihr um: Biete ihr an, statt deiner Abschlussarbeit die Erstellung einer Homepage für den Alumni-Verein zu übernehmen, den sie gerade gegründet hat. Das bringt dir ihre ewige Dankbarkeit und kostet dich etwa ein Zwanzigstel der Zeit.

Der Kumpel

„Nicht altern wollend, distanzgemindert, aufdringlich“ – so beschreiben ihn seine Studenten. „Locker und jung geblieben – und das mit fast 50 Jahren“, so sieht er sich hingegen selbst. „Das Blockseminar können wir gern bei mir zu Hause veranstalten, ich koch dann etwas Eurasisches für uns“, ist eine seiner Ankündigungen, vor der jeder Kurs zittert.

In den neuesten Turnschuhmodellen steht er dann mit seinem japanischen Fischmesser vor seinem freistehenden Herdblock. Gegen den Lärm der Dunstabzugshaube brüllt er an: „Ich bin jetzt auch bei StudiVZ.“

Dass er seine Studenten in peinliche Situationen bringt, wenn er sie in seinen Social Networks als Kontakte einlädt und dass niemand die Fotos sehen will, auf denen er zum „Clubclosing“ auf Ibiza „raved“, kann er nicht nachvollziehen. Stattdessen schlägt er vor, bei der nächsten Fachbereichsparty „auch mal ein Stündchen aufzulegen“. Zur Vorlesung kommt er mit dem Tretroller. Und unterbricht dort gern einmal seinen Vortrag über Medientheorie, um Studenten zu fragen, woher genau sie eigentlich ihre Jeans beziehen.

So gehst du mit ihm um: Gratuliere ihm jährlich immer wieder zum 37. Geburtstag. Dass du ihn nicht als Kontakt bei StudiVZ angenommen hast, wird er augenblicklich verzeihen.

Der schamlos Faule

„Veranstaltungsbeginn: Dritte Vorlesungswoche“ – am notorisch verspäteten Seminareinstieg kann man den schamlos Faulen ebensogut erkennen wie an seiner durchgängigen Bräune, die er sich auf seinem Segelboot erwirbt. Auf die verwunderte Frage, wie es denn möglich sei, dass sein Wohnort rund 800 Kilometer von der Uni-Stadt entfernt liegt, in der er doziert, antwortet der schamlos Faule lächelnd, Astronauten würden schließlich auch nicht auf dem Mond leben, obwohl sie dort arbeiten.

Im Sommersemester legt er sein komplettes Seminarangebot auf den Donnerstag – im Wissen, dass auf diesen Tag die meisten Feiertage fallen. Ansonsten reißt er die Kursangebote, zu denen ihn sein Beamtenstatus verpflichtet, bevorzugt als Wochenendseminare ab. „Familiäre Verpflichtungen“ zwingen ihn dabei zwar meist zu einer verspäteten An- und verfrühten Abreise, aber Fragen nach seiner Anwesenheit bleiben erfolglos: „Stechuhrmentalität“, schimpft der schamlos Faule dann nur – und „Wenn Sie wüssten, wie viel ich pro Woche arbeite!“ Gut für ihn, dass die Studenten sich weniger für seine Arbeitszeit interessieren als für ihre eigene – und deshalb selbst so viele Donnerstagskurse belegen wie möglich.

So gehst du mit ihm um: Finde heraus, auf welchem Golfplatz er die Tage verbringt, an denen seine Seminare „aufgrund von Krankheit“ ausfallen. Dort zwinkerst du ihm an der Bar des Clubhauses verschwörerisch zu: „Sport und frische Luft sind manchmal die beste Medizin.“

Der Privatdozent

Er hatte die besten Noten im Diplom. Er schrieb die aufwendigste Doktorarbeit. Für seine methodisch perfekte Habilitationsschrift ließ er sich Jahre Zeit. Alles umsonst! Vergebens! Denn während er sich der reinen Wissenschaft widmete, fuhren seine Kollegen zu internationalen Kongressen. Dort feierten sie und knüpften engmaschige Netzwerke – zusammengehalten durch kleine giftige Indiskretionen. Und dann wurden diese Konkurrenten auf die Lehrstühle befördert, auf die der Privatdozent immer spekulierte.

In einem alten Sakko sitzt er nun, mittlerweile jenseits der 40, nahezu unkündbar, aber ohne Aussicht auf eine Karriere als Professor, in seinem engen Büro. Meist murmelt er von Mobbing und Verschwörung und nimmt seine selbstgewählte Aufseherfunktion wahr: der Stachel im Fleisch der „verlogenen Professorenschaft“ zu sein und zu verhindern, dass jemand die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren sind, vergisst. Missmutig und staubtrocken hält er daher seine Vorlesungen – in der Hoffnung, dass endlich einmal ein Student fragt, warum es ihm eigentlich so schlechtgeht.

Wünscht ihm jemand einen schönen Tag, antwortet er „Schön wär’s“. Dass er mittlerweile als Freak gilt? Und dass sich seine Stimmung Jahr für Jahr verschlechtert? Gut so! Je größer sein Leid, umso deutlicher der Beweis für die Schwere der Tat der anderen!

So gehst du mit ihm um: Frage ihn vor der Prüfung, ob er als Vorbereitung auch seine Promotionsschrift aus dem Jahr 1988 empfiehlt – schließlich sei sie ja das „eigentliche Grundlagenwerk“.

Der Linke

Der Linke ist selbstverständlich vorwiegend in Fächern wie Soziologie und Politikwissenschaft zu finden und trägt jeden Tag ein Exemplar des schwarzen Anzugs, den er zehnmal im Schrank hängen hat – um sich nicht „dem Stahlbad der Mode- und Kulturindustrie“ ausliefern zu müssen. An der Tür seines Büros hängt ein großes Bild von Karl Marx, auf dem Studenten Nachrichten hinterlassen haben („Sie waren in Ihrer Sprechstunde nicht da – bitte rufen Sie mich dringend wegen meiner Hausarbeit an!“), die mitunter von 1996 datieren.

Anwesenheitslisten findet der Linke „faschistoid“, jeder, der an seinen Seminaren teilnimmt, bekommt grundsätzlich eine Zwei. „Dafür haben wir schließlich in den Sechzigern gekämpft“, sagt er mit verklärtem Blick, als ein paar übereifrige Studenten ihren Einserschnitt durch diese Praxis gefährdet sehen. Als dieselbe Gruppe ihr Referat mit einer Powerpoint-Präsentation untermalt, ist der Linke kurzzeitig versucht, ihnen für diese „von turbokapitalistischer Hochglanzoptik eingenordete Corporate Gehirnwäsche“ die erste Drei seiner Dozentenkarriere zu geben. Stattdessen beruhigt er sich, in dem er über sein aktuelles Forschungsthema spricht: „Auf den Untätigen stürzt das Weltall ein: Wie der Windows-Bildschirmschoner uns zu modernen Sklaven erzieht.“

So gehst du mit ihm um: Erkläre ihm, dass du die Seminararbeit deshalb nicht rechtzeitig fertigstellen konntest, weil du gegen den G-8-Gipfel demonstriert hast – oder aus anderen Gründen in „politischer U-Haft“ festhingst.

Die Engagierte

Du hast Schwierigkeiten, einen Erasmus-Platz in Barcelona zu ergattern? Kein Problem, die Engagierte mailt mal eben ihrer spanischen Kollegin und kümmert sich um die Formalitäten. Das wichtige Buch, auf das du die Ergebnisdiskussion deiner Diplomarbeit aufbauen wolltest, ist seit Wochen vergriffen? Macht nichts, auch vier Stunden vor Heiligabend kannst du es bei ihr zu Hause noch kurzfristig leihen.

„Wer nichts tut, tut nichts Gutes“, ist ihr Motto. Zur Uni kommt sie selbstredend mit dem Fahrrad. In ihren Seminaren erscheinen regelmäßig externe Experten. Sprechstunde ist immer, wenn Studenten etwas von ihr wollen. Und wenn die Diskussionen in der Vorlesung spannend sind, redet sie gern in der Mensa weiter.

Leidenschaft! Einsatz! Fordern, aber nicht überfordern, das sind ihre Leitsätze. Schade nur, dass die meisten ihrer Kollegen und etliche Studenten sich in ihrer Gegenwart stets oberflächlich und schlecht fühlen – schließlich lässt ihr Engagement kaum noch eine Ausrede für eigene Faulheit offen. Am meisten fürchten sie daher ihre Lieblingsfrage: „Sagen sie, kann ich Sie irgendwie unterstützen?“

So gehst du mit ihr um: Lade sie zur Prüfungsvorbereitung in deine WG ein. Beim Anblick der verwahrlosten Wohnung wird sie nicht nur Mitleid bei der Notenvergabe haben, sondern auch augenblicklich anfangen zu putzen.

Text: Mathias Irle & Christoph Koch
Erschienen in: UniSpiegel

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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