Der Chronist des Terrors

Geschrieben von am 27/12/2005 in jetzt.de, Süddeutsche mit 0 Kommentare

Der 26-jährige Evan Kohlmann kämpft im Internet gegen al-Qaida. Ein Gespräch über Propaganda und die entführte deutsche Archäologin

Er berät CIA und Pentagon, sagt in Gerichtsverfahren gegen Terroristen aus und hat ein Buch über das al-Qaida-Netzwerk veröffentlicht, das als Standardwerk gilt: Evan Kohlmann ist einer der führenden Anti-Terrorexperten der USA. Dabei ist er erst 26 Jahre alt.

Wir wollten mit dir eigentlich über deinen Job reden. Zuerst müssen wir aber nach der im Irak entführten Deutschen fragen: Was weißt du über die Kidnapper von Susanne Osthoff?
Bisher wissen wir leider nicht sehr viel über die Entführer. Aber sie scheinen keiner bekannten Gruppe anzugehören, sicher nicht der al-Qaida-Gruppe um Abu Musab Az-Sarqawi. Das ist insofern eine gute Nachricht, als dass Sarqawi als besonders grausam gilt. Er hat zum Beispiel den Amerikaner Nicholas Berg enthaupten lassen und ist nach Bin Laden der zweitwichtigste Mann bei al-Qaida.

Evan

Evan Kohlmann (linkes Foto) und Abu Musab al-Zarqawi

Bisher war Deutschland kein Ziel von Terroranschlägen und Entführungen. Wird sich das jetzt dauerhaft ändern?
Die deutsche Regierung hat klargemacht, dass sie kein Lösegeld bezahlen wird. Ob sie diese Aussage aufrechterhalten kann, hängt von dem öffentlichen Druck ab, den die Kidnapper aufbauen können. Da Deutschland kein Koalitionspartner der USA im Irak ist, glaube ich aber nicht, dass es häufiger zur Entführung von Deutschen kommen wird – auch wenn man es bei den Fanatikern um al-Sarqawi nicht ausschließen kann.

Warum diese Unterscheidung?
Man muss eine klare Linie ziehen zwischen irakischen Rebellen und al-Qaida-Terroristen, die sich im Irak aufhalten. Für die Rebellen ist Deutschland kein wichtiges Ziel, da Deutschland keine Truppen schickt. Al-Qaida unterscheiden da weniger, denen ist es egal, ob es sich um „ungläubige Kreuzritter“ aus Deutschland oder aus den USA handelt.

„Ich sagte nur: ,Das war Osama Bin Laden. Ich muss gehen‘.“

Es liegt an deinem Job, dass du dich in diesem Bereich so gut auskennst. Auf deiner Visitenkarte steht „International Terrorism Consultant“. Wie erklärst du diesen Beruf auf einer Party?
Ich bin nicht oft auf Partys – und wenn, rede ich selten über meinen Beruf. Er bedeutet, dass Leute zu mir kommen, wenn sie Informationen über Terroristen haben wollen. Ich sammle diese Informationen aus verschiedenen Quellen: Communiqués, Mails, Chat-Sitzungen – oder persönlichen Interviews.

Wie arbeitest du?
Ich habe ein kleines Büro in Manhattan, dessen genauer Standort leider geheim bleiben muss. Dort stehen sechs Computer, mit denen ich das Internet nach Spuren der Terroristen absuche. An den Wänden hängen Organisationsdiagramme und Fotos von al-Qaida-Terroristen. Die wenigen Leute, die bisher dort waren, haben relativ schnell Angst bekommen.

Wer bezahlt dich?
Ich bin unabhängig. Mit MSNBC habe ich einen Beratervertrag, ansonsten werde ich für einzelne Fälle bezahlt.

Du hast mit 16 angefangen, Islamwissenschaften zu studieren. Das war 1995 – woher kam damals dein Interesse?
Ich mag außergewöhnliche Dinge. Ich fand es lächerlich, dass wir so wenig über eine Religion wissen, der über eine Milliarde Menschen angehören. Der Islam ist ein schwarzes Loch für uns.

Wie hat sich dein Leben durch den 11. September geändert?
Bis dahin war das, was ich da machte, ein esoterisches Orchideenfach. Meine Eltern und meine Freunde sagten: Willst du nicht was Brauchbares lernen? Als ich am 11. September in einer Juravorlesung saß und von dem Angriff erfuhr, sagte ich zu meinem Nebenmann nur: „Das war Osama Bin Laden – ich muss gehen.“

Du wusstest gleich, wer dahinter steckt?
Ja – aber das wussten alle, die sich ernsthaft damit beschäftigt hatten. Ich habe die Briefings gesehen, die Präsident Bush zwei Wochen vor den Anschlägen über al-Qaida bekommen hatte. Ich hätte schon sechs Monate früher ein besseres Briefing schreiben können.

Jetzt bist du nicht sehr bescheiden . . .
Nicht, weil ich so klug bin – sondern weil die Berater des Präsidenten alles immer weiter verdummen. Unsere größte Schwäche war, dass wir uns nur auf unsere Geheimdienste gestützt und nie versucht haben, al-Qaida von innen heraus zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass man einen Feind nur besiegen kann, wenn man ihn und seine Motive besser kennt als er selbst.

Hast du deshalb auch mit 16 Jahren angefangen, arabisch zu lernen?
Ich kann es nicht fließend. Aber wenn ich eine Rede von al-Sarqawi höre, verstehe ich, was er sagt. Wenn ich etwas genauer brauche, gebe ich es an Übersetzer weiter, mit denen ich zusammenarbeite.

Globalterror

Screenshot von Evan Kohlmans Webpage

Du hast auch einige Terroristen persönlich interviewt. Wie war das möglich?
Es ist nicht schwierig, diese Leute zu erreichen – ihre Handynummern und Mailadressen stehen im Internet. Sie rekrutieren schließlich ihre Leute online. Ich habe gesagt, dass ich den Islam studiere – was ja nicht einmal gelogen ist. Dann bin ich nach London gereist und habe dort Gespräche mit Leuten wie Abu Hamza al-Masri geführt, einem radikalen Moslem, der inzwischen inhaftiert ist.

Wie waren die Gespräche?
Das waren sehr entspannte Unterhaltungen. Wir hatten ja absurderweise viel gemeinsam: Ich kannte viele ihrer Leute, auch die unbekannten. „Woher weißt du soviel über den?“ fragte mich al-Masri oft mit einem anerkennenden Lächeln.

Hattest du keine Angst?
Ich hänge an meinem Leben und bin auch kein Geheimagent oder sowas. Aber jeder ernsthafte Forscher muss sich einmal mit diesen Leuten von Angesicht zu Angesicht unterhalten haben, um zu wissen, mit wem er es zu tun hat. Außerdem denke ich, dass wir ihnen nicht zeigen dürfen, dass wir Angst haben.

Du klingst so, als sei es normal, sich mit Terroristen zum Kaffee zu treffen.
Das ist mein Leben, meine Leidenschaft. Andere verfolgen täglich, was ihr Fußballverein macht – ich beschäftigte mich mit Terroristen. Manche kenne ich besser als meine eigene Familie.

Bist du nicht wütend auf diese Leute?
Natürlich macht es mich wütend, wenn Menschen ohne Grund töten. Aber ich habe gelernt, meine Gefühle für mich zu behalten. Ich bin Wissenschaftler, und es nützt meiner Arbeit nicht, wenn ich emotional werde.

Auch nicht, wenn du ansehen musst, wie Menschen der Kopf abgeschnitten wird?
Wenn ich mir ein Enthauptungsvideo mehrmals ansehe, um seine Echtheit zu prüfen, muss ich meine Gefühle beiseite räumen. Natürlich erschüttert es mich, was ich da sehe – aber dann weiß ich wenigstens, dass meine Arbeit wichtig ist.

Siehst du dich selbst als potenzielles Ziel für Terroristen?
Nein, ich bin ja kein Terroristenjäger, ich sammle Informationen. Vor einiger Zeit hat ein Internet-User namens terrorist007, der al-Sarqawi nahe steht, ein Video in Umlauf gebracht, wie ich mit anderen Terrorexperten zusammenstehe und diskutiere. In dem Video konnte man seinen Mauszeiger sehen – und terrorist007 fuchtelte damit dauernd an meinem Hals herum.

So, als wollte er dich köpfen?
Ja, sozusagen. Das war kein sehr angenehmes Gefühl, dieses Video zu sehen. Also habe ich ihm eine Mail geschrieben und gefragt, ob er irgendein Problem hätte, denn dann könnten wir ja drüber reden. Er antwortete sehr freundlich: „Lieber Evan, ich gebe keine Interviews, aber wenn du Fragen hast, wende dich an unser Forum.“ Mir wird generell nicht feindselig entgegengetreten.

Eine Zeitung hat dich nach dem sehr jungen TV-Serienarzt den „Doogie Howser des Terrorismus“ genannt. Ärgert dich das?
Ich wusste, dass ich diesen Spitznamen akzeptieren oder jahrelang vergeblich dagegen ankämpfen kann. Viele Leute sind skeptisch, wenn sie sehen, dass ich erst 26 bin. Ich sage immer das gleiche: Beurteilen Sie meine Arbeit. Viele Experten und Beststellerautoren wissen nichts. Aber sie sind im Fernsehen, weil sie ihre Meinung sagen. Meinungen interessieren mich nicht, mich interessieren Fakten – und daran herrscht derzeit ein Mangel. Nicht an Phrasen wie „War On Terror“.

Der Kampf gegen den Terror ist auch ein wichtiges politisches Thema geworden. Wo stehst du politisch?
Das Thema ist durch politische Machtkämpfe verschmutzt. Ich hasse Parteipolitik. Ich kann mir den Luxus leisten, ohne Rücksicht zu sagen, was ich denke. Die meisten Politiker wissen zu wenig und das wenige, was sie wissen, verschwindet zwischen ihren Vorurteilen.

Das sind ziemlich harte Vorwürfe . . .
Ich mache mir in solchen Debatten auch keine Freunde. Zu Beginn des Irak-Kriegs habe ich ganz klar gesagt, dass die Invasion ein Fehler ist: Ich wusste, dass es keine Verbindung zwischen al-Qaida und Saddam Hussein gab. Das habe ich gesagt und es mir dadurch mit den Republikanern verscherzt. Nun sind mir die Demokraten böse, weil ich sage, dass es Schwachsinn ist, jetzt die Truppen aus dem Irak abzuziehen

„Fast jeder Attentäter wird von einem Kameramann begleitet.“

Warum ist das Internet für al-Qaida wichtiger als für andere Terrorgruppen?
Das Geniale am Vorgehen von al-Qaida ist, dass sie nicht eine zentrale Website haben, sondern unglaublich viele kleine, die die gleichen Informationen streuen. Die ganze Organisation – im Internet und in der realen Welt – funktioniert so, wie amerikanische Militärs damals das Internet ersonnen haben: ein vernetztes System, in dem jeder einzelne Punkt entbehrlich ist, weil sofort alle anderen seine Arbeit übernehmen können.

Was genau macht al-Qaida im Internet?
Als die Leute früher von Cyberterrorismus geredet haben, dachten sie an gehackte Bank-Computer. Dabei ist Propaganda die wichtigste Funktion des Internet. Das liegt daran, dass Terroristen Aufmerksamkeit durch spektakuläre Aktionen brauchen. Internetangriffe sind nicht sensationell genug.

Wie funktioniert Internetpropaganda?
Zu einem Großteil über Filme. Fast jeder Attentäter im Irak wird inzwischen von einem Kamermann begleitet, der danach die Aufnahmen ins Netz stellt, die zeigen, wie sich ein Selbstmordattentäter in die Luft jagt, wie mit Raketen auf Lastzüge geschossen wird oder US-Soldaten von einem Scharfschützen erschossen werden. Wir haben Beweise, dass solche Filme helfen, neue Attentäter zu rekrutieren. Die Filme zeigen wie einfach es ist.

Was kann man dagegen tun?
Meiner Meinung nach ist es am sinnvollsten, die Leute so lange im Internet zu beobachten, bis man weiß, wo sie tatsächlich sitzen. Dann muss man zuschlagen und sie verhaften. In der Schweiz konnte ich neulich helfen, zwei Männer festzunehmen, die von Unirechnern aus Propagandavideos ins Netz gestellt haben.

Wie viele solche Filme werden wöchentlich veröffentlicht?
Wöchentlich? Es kommen inzwischen täglich 50 Filme, etwa fünf davon zeigen größere Anschläge im Irak. Seit alSarqawi auf der Bildfläche erschienen ist, steigt die Anzahl der Veröffentlichungen exponential an. Er bietet die Videos in verschiedenen Formaten an – sogar im Miniformat für den Handybildschirm.

Warum ist al-Sarqawi so gut darin, das Internet zu nutzen?
Er repräsentiert die dritte Generation der Terroristen: junge Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Das sind Leute, die wissen, wie man eine Website aufbaut oder Dateien hochlädt. Das sind ja nicht Leute, die im Irak in der Wüste sitzen, die waren teilweise in Harvard.

Du hast das Buch „Al-Qaidas Jihad in Europa“ geschrieben. Welcher Bedrohung sieht sich Europa gegenüber?
Ich will niemandem Angst machen, aber Europa ist die Frontlinie, denn dort treffen die beiden Zivilisationen aufeinander. Madrid und London haben gezeigt, dass die Terroristen sich die Verbündeten der USA vorknöpfen, wenn sie dort nicht zuschlagen können.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in : Süddeutsche Zeitung
Fotos: Evan Kohlmann / globalterroralert.com

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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