Die App-Lage: Digitalisierung im Gesundheitssektor

Geschrieben von am 08/02/2017 in brand eins mit 0 Kommentare

Pokémon Go ist in erster Linie ein Spiel und seine gesundheitlichen Auswirkungen allenfalls ein Nebeneffekt – anders als viele andere Apps, die in erster Linie auf die Förderung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens abzielen. Der Markt ist nahezu unüberschaubar: Hunderttausende Gesundheits-Apps gibt es in den Stores von Apple und Google. Zum Beispiel solche, die tatsächlich die Heilung eines Leidens versprechen wie Tinnitracks (siehe Seite 139). Außerdem Programme, die allein der Messung und dem Erfassen von Daten dienen – seien es, wie bei Runtastic, gejoggte Kilometer oder, wie bei MyFitnessPal oder LifeSum, eingenommene Mahlzeiten zur Gewichtskontrolle. Und schließlich gibt es Apps, die ausschließlich informieren, darunter Apothekenfinder, zahlreiche Angebote der Krankenkassen oder auch die App „Gesundheit, Männer!“ des Bayerischen Gesundheitsministeriums.

Jene Gesundheits-Apps, die über eine reine Info- oder Messfunktion hinausgehen, haben es bislang sehr schwer auf dem Markt. Während eine Branche nach der anderen, von den Taxifahrern bis zum Matratzenkauf, durch die Digitalisierung aufgemischt wird, erweist sich die Gesundheitsbranche als weitgehend resistent. Zumindest in Deutschland. Das liegt zum einen daran, dass der Markt für Medizin-Apps stärker reguliert ist als der für andere Produkte und Services. Zum anderen wird ein Großteil der Gesundheitsausgaben über die Krankenkassen abgerechnet. Diese bestimmen also, wie und womit geheilt wird. Dazu kommen Ärztekammern, Klinikverbände und Apotheker. Es ist ein von gegenseitigen Blockaden geprägter Apparat, der sich mit Innovationen schwertut, weshalb es beispielsweise seit rund zehn Jahren keine Fortschritte bei der digitalen Patientenakte in Form der elektronischen Gesundheitskarte (EGK) gibt.

Zwei Welten

Urs-Vito Albrecht ist Stellvertretender Institutsleiter am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover und kennt die Probleme der Anbieter. „Damit Sie über eine Krankenkasse abrechnen können, müssen Sie über kurz oder lang nachweisen, dass Ihr Produkt einen Nutzen bringt“, sagt er. „Das ist durchaus sinnvoll und für ein Medikament gegen Schnupfen zwar aufwendig, aber machbar: Wird der Schnupfen besser oder nicht?“ Für eine App hingegen, die vielen Menschen über einen längeren Zeitraum hilft, ein kleines bisschen gesünder zu leben, sei so ein Nachweis erheblich schwieriger zu führen. „So einen Nutzen klinisch nachzuweisen dauert eher mehrere Jahre. Gleichzeitig bewegen sich die Release-Zyklen für Apps mittlerweile eher im Bereich von Tagen oder wenigen Wochen. Dann kommt eine neue Version.“ Welten, die nicht zusammenpassen. Oft werde gefordert, so Albrecht, dass eine zentrale Stelle wie das Gesundheitsministerium alle Apps testen und Siegel für die guten vergeben solle. Vollkommen unrealistisch. „Es gibt mehr als 100 000 Apps – eine solche Stelle bräuchte Jahre, um die alle vernünftig zu prüfen, und dann würde das Siegel für eine längst veraltete Version gelten.“

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Text: Christoph Koch
Erschienen in: brand eins

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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