Patricia Cammarata: Mein Medien-Menü (Folge 61)

Geschrieben von am 07/10/2013 in Was ich lese mit 1 Kommentar

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü –diese Woche mit Patricia Cammarata, IT-Projektleiterin und Bloggerin aus Berlin.

dasnuf

Wie informierst du dich morgens als erstes?

Augen auf, Griff nach rechts zum Handy und dann die Twitter-App öffnen. Dort lese ich zuerst die Statusupdates in der Liste meiner Lieblingstwitterer, die ich liebevoll „Filter“ genannt habe. Wenn ich die durchgelesen habe, widme ich mich der restlichen Timeline. Danach erfolgt der Abgleich auf facebook. Da gut die Hälfte meiner facebbook-Freunde identisch mit denjenigen ist, denen ich auf Twitter folge, entdecke ich dabei selten was Neues. Deswegen kehre ich traditionell wieder zu Twitter zurück und klicke mich durch die interessant klingenden Links. Die ich nach einem kurzen Überfliegen danach bewerte, ob ich sie später in Pocket lese oder eher nicht.

Welche Zeitungen / Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Ich lese lediglich das Nido-Magazin regelmäßig. Ich habe alle möglichen Elternmagazine ausprobiert und bis auf das Nido-Magazin war alles unerträglich. Es gibt in der Nido einige Formate, die ich großartig finde. Das sind internetartige Kurzformate wie  „Dinge, die mein Kind kaputt gemacht hat“ aber auch ausführliche Auslandsreportagen und Beiträge, die mir wirklich tagelang hinterher hängen, weil sie so bewegend geschrieben sind. Es gibt dort herzerfrischende Interviews und ausführliche Artikel zu Themen, die es im Familienalltag definitiv gibt, über die andernorts aber lieber nicht geschrieben wird.

Nicht als Abo aber regelmäßig lese ich Das Magazin. Ich finde den Themenmix sowie die Tiefe der einzelnen Artikel dort besonders gelungen. Wenn ich Das Magazin in der Hand halte und durchblättere, lese ich mich schnell an einem Artikel fest und kaufe dann die ganze Ausgabe. Highlights sind natürlich auch die Artikel einzelner AutorInnen wie Else Buschheuer oder Stefan Schwarz.

Was liest du auf Reisen?

Auf Reisen lese ich Bücher. Tatsächlich nehme ich bis auf die Kamera keinen Technikschnickschnack mit, wenn wir Urlaub machen. Ich will einfach nicht am Strand liegen und immer denken „Oh! Der Sand! Das Meer uiuiuiui. Das könnte was kaputt machen! Die Diebe! Oh! Ich geh lieber nicht ins Wasser!“. Also nehme ich robuste, leicht zu ersetzende Bücher mit.

 


Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Keine. (Wahrscheinlich komme ich dafür in die Hölle der Intellektuellen; RTLII oder wie die heißt…). Es gibt für mein Empfinden einfach keinen Anbieter, bei dem nicht die Hälfte der Artikel grauenhaft langweilig, unvollständig oder schlecht recherchiert ist. Ich bevorzuge deswegen Newsaggregatoren wie z.B. Rivva.

Welche Blogs liest du?

Ich bin großer Blogfan. Mit Blogs ist es wie mit Apps. Man kann nie genug haben. Zum Glück gibt es RSS-Feeds. Nicht auzudenken, wenn man täglich alle Seiten abklappern müsste. Sehr gerne lese ich z.B. Antje Schrupp, Journelle, Fuckermothers, Jademond, Melancholie Modeste, Cloudette, Anders Anziehen, Dr. Mutti, Kaltmamsell und  KatjaBerlin. Ich könnte noch Hunderte aufzählen. Mir gefällt einfach die Varianz. Blogs sind eine Möglichkeit in Lebenssituationen oder Themen Einblick zu bekommen, die sonst völlig an einem vorbei gehen. Ich schätze aber auch die Interaktion und die (je nach Thema/Blog) aufrichtige Wärme und Solidarität, die man durch das Blogs lesen/schreiben/ kommentieren erfahren kann.

Was ist wichtige berufliche Lektüre für dich?

Google. Und seit neustem YouTube. Durch unser ältestes Kind habe ich nämlich gelernt, dass man tatsächlich auch auf YouTube suchen kann und dort Tutorials aller Art findet. Zu wirklich jedem Thema.

Welche Art von Büchern liest du am liebsten (Sachbücher, Fiction, Biografien)?

Ich lese tatsächlich gerne Sachbücher und „Erziehungsratgeber“ so wie die Bücher von Herbert Renz-Polster („Kinder verstehen“ oder „Menschenkinder“) und Jesper Juul („Dein kompetentes Kind“ oder „Aus Stiefeltern werden Bonus-Eltern“).

Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Suna“ von Pia Ziefle. Mein Familienalltag lässt mir wirklich wenig Zeit Romane zu lesen und in diese fremden Welten abzutauchen. Die Methode mich nach 21 Uhr mit einem Buch zurückzuziehen, scheitert leider meistens daran, dass ich nach fünf Seiten einschlafe. Mit Suna ging mir das nicht so. Ich habe es in zwei Nächsten durchgelesen. Die Charaktere sind so plastisch und die Geschichte hat mich so wunderbar an die Hand genommen und durch das Buch geführt, dass ich einfach nicht aufhören konnte zu lesen.

Welche Apps/Tools/Programme helfen dir, informiert zu bleiben?

Echophon für Twitter und Pocket, um meine Links zu sammeln und die dann auch offline lesen zu können. Da ich viel U-Bahn fahre und dort nie Empfang habe, ist das sehr wichtig für mich. Schick finde ich, dass man Pocket auf allen Endgeräten benutzen kann und von dort aus an einen festen Ort speichert. Außerdem kann man die gemerkten Artikel verschlagworten, was die Auffindbarkeit enorm erhöht.

Seit Google den Reader abgestellt hat, schlage ich mich übellaunig mit Feedly rum und nehme mir immer mal wieder vor auf Fever zu wechseln. Fever hat einen eigenen Aggregator und zeigt aus den abonnierten Feeds diejenigen an, die am meisten kommentiert und empfohlen wurden. Ähnlich Rivva (s.o.). Aber man kommt ja zu nichts.

Wie viel liest du auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

Wenn es nicht gedruckt ist und ich arbeitsbedingt nicht gerade vor einem Rechner sitze, lese ich nur am Telefon.

Welche Rolle spielen Leseempfehlungen/Links durch Soziale Netzwerke?

Leseempfehlungen und Twitter-Hashtags sind neben dem, was über meinen RSS-Reader bei mir ankommt, mein Hauptzugang zu Informationen. Ich steuere nie Spiegel-Online oder Zeit Online an, um zu schauen, was gerade an aktuellen Themen gibt. Bestenfalls suche ich auf Google-News nach einem bestimmten Stichwort, überfliege die Schlagzeilen und klicke dann erst auf einen Artikel.

Eine Empfehlung zu einem Thema von jemanden zu bekommen, die oder der mir schon vorher als klug oder interessant ins Auge gefallen ist, löst bei mir einen hundert Mal höheren Klickimpuls aus als alles andere.

Von wem oder was fühlst du dich dort besonders gut informiert?

Ich fühle mich von den Linklisten, die einzelne BloggerInnen zusammenstellen sehr gut informiert. Vor allem weil die mich gelegentlich aus meiner Filterbubble in ganz neue Sphären des Internets bringen. Dazu gehört Journelles „Monatsabrechnung“, Ninias „Bitte klicken Sie auch hier“, die Nido „Links der Woche“, Maximilian Buddenbohms Woanders-Teil und eigentlich ist der Twitter-Account von Hakan Tanriverdi auch so eine Art Linkliste. Das genügt mir um durch die Woche zu kommen.

Wer sind deine Lieblingsautorinnen (Buch, Zeitung, Magazin)?

Ich lese sehr gerne Beiträge von Else Buschheuer und Kathrin Passig, erschaudere zu Sibylle Berg (z.B. Fragen Sie Frau Sibylle) und erfreue mich an der Themenvielfalt von Astrid Herbold.

Was Bücher angeht, bin ich großer Fan von Julia Franck, Siri Hustvedt und Monika Maron.

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?

Sonntags seit neustem Sanft & Sorgfältig auf Radio Eins mit Olli Schulz und Jan Böhmermann, Radio Trackback mit Teresa Sickert am Samstag auf Radio Fritz und sehr viele Themensendungen auf DRadio Wissen im Ressort Kultur.

Fernsehen im Sinne von „ich schaue eine Sendung an, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgestrahlt wird“ spielt in meinem Leben keine Rolle.

Hast du einen Lieblings-Podcast?

Oh ja! Den SozioPod.

Ich habe bald alle Folgen gehört und verspüre schon leichte Panik wenn es dann nichts mehr zum Hören gibt. Mir wurden viele interessante Surrogat-Formate empfohlen und in einige habe ich auch schon reingehört – aber wenn mich das Thema nicht brennend interessiert, dann haut mich der Podcast auch nicht vom Hocker. Ein anderes Hindernis ist die Sprache. Ich höre Podcasts entweder beim Joggen oder beim Aufräumen. Bei beiden Aktivitäten kann ich nicht genug Energie aufbringen, um entspannt zuzuhören, wenn der Podcast auf Englisch ist.

Der SozioPod begeistert mich einfach so sehr, weil ich Psychologie und Philosophie studiert habe. Alle Themen fallen auf ein bereits bearbeitetes Feld und schaffen Verbindungen zwischen einzelnen Wissensinseln. Die Kombination der beiden Macher Nils Köbel und Patrick Breitenbach gefällt mir außerdem sehr gut. Der alles differenziert betrachtende und eher rational zurückhaltende Nils Köbel und dann Patrick Breitenbach, der ab und an so laut lacht, dass ich beim Joggen mitlachen muss, während Köbel versucht, das Thema wiederaufzugreifen. Ein echtes Highlight ist u.a. der SozioPod „Geschlecht und Macht – immer noch das alte Spiel?

Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Im Studium habe ich nur fachbezogen gelesen. Nach dem Studium (Generation Praktikum und Geisteswissenschaftlerin!) habe ich so viel gearbeitet, dass für das Lesen keine Zeit mehr übrig war. Danach kamen die Kinder und meine Lesegewohnheiten wurden vorerst Hörgewohnheiten. Erst seit zwei Jahren habe ich ein Smartphone und so ist auch das Lesen wieder in meinen Alltag ezurückgekehrt. Da aber schwerpunktmäßig das kurze Lesen. Artikel (auch online), die länger als drei Seiten sind, erschöpfen mich zu sehr. Sie müssen schon extrem gut geschrieben und informativ sein, damit ich sie fertig lese. (Das schaffen nur wenige, Kai Biermann auf ZEITONLINE ist eine solche Ausnahme)

Episches Lesen hat keinen Platz mehr in meinem Leben.

Irgendetwas, das ich vergesse habe, du aber trotzdem gerne liest / siehst / hörst?

Ja. Ich lese gerne Beiträge zu Hashtags wie #609060, #Aufschrei, #SchauHin aber auch zu irgendwelchen albernen und kurzlebigen Mems.

 

Patricia Cammarata lebt in Berlin, weil Berlin nach dem Internet der zweitschönste Ort der Welt ist. Als studierte Psychologin arbeitet sie folgerichtig als IT-Projektleiterin. Ihr Leben wurde unter dem Namen „The IT Crowd“ bereits verfilmt. Seit 8 Jahren bloggt sie unter dem Pseudonym dasnuf. Irgendwann ist sie zusätzlich twitter– und instagramsüchtig geworden. Aber innerhalb ihrer Filterbubble kümmert das niemanden.

 

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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