Christoph Niemann: Mein Medien-Menü (Folge 30)

Geschrieben von am 12/11/2012 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche der Grafiker und Illustrator Christoph Niemann.

Wie informieren Sie sich morgens als erstes?

Je nachdem wo es gerade auf der Welt brennt: spiegel.de oder nytimes.com, wenn ich Zeit habe schaue ich mir neuste Folge der Daily Show an.

Welche Zeitungen / Magazine haben Sie im Abo oder lesen Sie regelmäßig?

FAS, The New Yorker. Meine Frau ist in der Kunstwelt unterwegs, deshalb wimmelt es bei uns vor Kunstpublikationen, die ich sehr gerne lese: The Art Newspaper, Monopol, Weltkunst.

Was lesen Sie auf Reisen?

Immer wenn ich es am Kiosk finde: Harpers Magazine (das ohne “Bazar”), sonst gerne auch mal The Economist. Im Hotel (vor allem in kleineren Städten) lese ich morgens im Frühstückssaal gerne den Lokalteil der jeweiligen Regionalzeitung.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Ihnen wichtig?

New York Times, Slate, Gawker, Economist, Guardian, Spiegel (obwohl letzter journalistisch im Gegensatz zur gedruckten Ausgabe bisweilen sehr eigenwillige journalistische Standards hat, über die ich mich gerne aufrege. Allerdings sind sie unglaublich schnell und ausführlich).

Welche Blogs lesen Sie?

Ich habe mittlerweile keine Blogs mehr zu denen ich direkt gehe (RSS habe ich zu meiner Schande trotz mehrerer Anläufe nie richtig kapiert). Mittlerweile finde ich meinen Lesestoff, der über die üblichen Seiten hinausgeht, fast immer über Twitter. Ich habe dann immer Phasen in denen ich ein Blog über Wochen oder Monate sehr intensiv lese (wie z.b. Nate Silvers exzellentes 538-Blog zur US Wahl). Zu jeder WM/EM lese ich religiös das 11-Freunde-Blog, inklusive den Live-Kommentaren, am liebsten am Tag nach dem Spiel). Oft finde ich ein Blog aufgrund eines aktuellen Artikels, und bohre mich dann ein paar Stunden ins Archiv. Hin und wieder gehe ich zu Carta und zu McSweeney’s.

Was ist wichtige berufliche Lektüre für Sie?

Die ist fast deckungsgleich mit den oben genannten Publikationen/Seiten, da ich mich hauptsächlich mit den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur auseinandersetze. Auch hier finde ich das meiste über Twitter. Manchmal gehe ich gerne auf drawger.com. Hier stellen Top Illustratoren neue Projekte vor.

Welche Art von Büchern lesen Sie am liebsten?

Quer Beet. Leider muss ich aber zugeben, dass ich fast nur zeitgenössische Fiktion lese. Ich glaube es ist eine Weile her, dass ich ein Buch gelesen habe, dass vor mehr als 20 Jahren geschrieben wurde.

Welches Buch hat Sie in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Ich lese gerade Florian Illies’ “1913” mit sehr weit offen stehendem Mund.

Welche Apps/Tools/Programme helfen Ihnen, informiert zu bleiben?

Ich bin der sehr klassische Webseiten-Typ. Ich verstehe, warum Verlage den Leser in das umzäunte Gärtchen einer App locken wollen, aber ich hab’s halt lieber mit meinen Bookmarks und meinem Googlefenster in Reichweite.

Wie viel lesen Sie auf dem Smartphone oder Tablet?

Das iPad ist schon sehr angenehm, aber es hat sich in meiner täglichen Routine noch nicht durchgesetzt. Daheim und bei der Arbeit sitze ich meistens an einem richtigen Rechner, aber unterwegs lese ich sehr, sehr viel auf dem iPhone.

Welche Rolle spielen Leseempfehlungen/Links durch Soziale Netzwerke?

Mittlerweile ist das fast meine ausschliessliche Informationsquelle für Artikel. Vor allem im letzten Jahr ist Twitter immer wichtiger geworden. Ich meine, hier schneller an die für mich relevanten Themen zu kommen, ohne dabei auch abseits der Autobahn etwas Überraschendes zu finden. Während des Hurricanes in den USA in der letzen Woche bin ich schon gar nicht mehr auf die Hauptseiten der Zeitungen gegangen. Facebook finde ich diesbezüglich eher uninteressant.

Von wem oder was fühlen Sie sich dort besonders gut informiert?

Ich finde das Netz grandios, und kann mir nicht mehr vorstellen meine Informationen nur aus einer Handvoll Redaktionszimmer zu bekommen. Ich stelle aber fest, dass aus dem Rauschen der tausend mäandernden Meinungen schlussendlich die professionellen Journalisten und Autoren herausragen.

Gibt es tägliche oder wöchentliche Leserituale?

Morgens spiegel.denytimes.com und Daily Show. Während des Tages die ganzen email-Newsletter abbestellen, die ich garantiert nie abonniert habe, verdammt noch mal. Sonntags FAS beim Frühstück. Montag Nacht meiner Frau das neuste “Shouts and Murmours” aus dem New Yorker vorlesen.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren (Buch, Zeitung, Magazin)?

Bücher: Jonathan Franzen, Geoff Dyer, Tina Fey (die hat zwar meines Wissens nach nur ein Buch — aber das ist einmalig).

Magazine: Christopher Hitchens vermisse ich fürchterlich, aber es gibt ja zum Glück noch viele andere: George Packer, Mark Halperin, Amy Davidson, Ken Auletta, Silke Hohmann

Zeitung: Gail Collins, Michael Kimmelman, Nicholas Kulish, Andy Rosenthal, Niklas Maak, Peter Richter

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die Sie möglichst nie verpassen?

Radio und Fernsehen sind (bis auf das Sonntägliche Tatort-Ritual und Fussball WM/EM) fast komplett aus meinem Leben verschwunden. Auf Reisen liege ich gerne dröge in Hotelbetten und schaue mir den weltweiten Wetterbericht auf CNN an.

Wie haben sich Ihre Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Seit zwei Jahren haben wir wochentags keine Tageszeitung mehr. Da die Kinder (zum Glück!) mittlerweile nicht mehr um 5 aufwachen, ist dafür keine Zeit mehr.

Irgendetwas, das ich vergesse habe, Sie aber trotzdem gerne lesen?

Nicht sicher ob das als Lesen gilt: Kunstauktionskataloge. Von den perfekt inszenierten Sotheby’s/Christies-Wälzern bis zu schlecht gebundenen Heftchen von Provinzhäusern. Was Schöneres gibt es nicht.

Christoph Niemann (1970) ist Illustrator, Designer und Autor mehrerer Bücher für Kinder und Erwachsene. Seine Illustrationen erscheinen regelmässig in allen grossen Magazinen, darunter The New York Times, Time, Businessweek, das Zeit Magazin und Wired. Regelmässig erscheinen seine Zeichnungen auf dem Cover des New Yorker.
Seit 2008 schreibt und zeichnet er eine Kolumne für die New York Times. Eine Sammlung der visuellen Essays erschien 2012 unter dem Titel “Abstract City” beim Knesebeck Verlag. 2010 wurde er zum Mitglied der Hall Of Fame des Art Director’s Club New York ernannt.

Illustration: Christoph Niemann 

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Offenlegung: Mit einigen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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