Die Kofferhoffer – Urlaub mit fremden Sachen aus ersteigertem Gepäck

Geschrieben von am 20/09/2009 in Neon mit 0 Kommentare

Drei NEON-Autoren ersteigerten VERLORENGEGANGENES GEPÄCK und machten mit dem unbekannten Inhalt Urlaub auf Mallorca. Dabei sind sie fast verrückt geworden.

Koffer 1: Das Schweinsteiger-Syndrom

Ich bin Linksträger. Bisher war das durchaus eine Sache, die ich für mich behalten habe – aber das ist nun vorbei. Die rote Batiksamthose, in der ich im Sand von El Arenal sitze, liegt mehr als nur eng an und überlässt wenig der Fantasie. Die Sonne brennt. Die Hose juckt. Meinen Durst und mein Schamgefühl lösche ich zu gleichen Teilen mit kaltem Glühwein, den sie hier in Plastikeimern ausschenken und Sangria nennen.

Ich trage Klamotten, die nicht meine sind, die ich hässlich finde und die mir nicht einmal richtig passen. Man könnte auch sagen: Ich fühle mich wie ein grauenhafter Idiot. Trotzdem tun alle um mich herum so, als wäre alles völlig normal. Als hätten sie selbst kurz drüber nachgedacht, heute in roter Batiksamthose aus dem Haus zu gehen. Wie bescheuert muss man sich eigentlich anziehen, frage ich mich mit glühenden Wangen, bis mal jemand auf den Gedanken kommt zu fragen, ob man eine Wette verloren hat? Oder ausgeraubt wurde und sich in einem Müllcontainer einkleiden musste? Merkt denn niemand, dass ich normalerweise jemand bin, der für seinen souveränen Stil und seinen Modegeschmack geschätzt wird? Scheinbar nicht. Die Menschen, die mich sehen, denken offensichtlich: Der gehört so.

Dabei begann alles ganz harmlos in einem Berliner Einkaufszentrum: Zwischen Rolltreppe und McDonald`s wurden dort einige Wochen zuvor rund 500 liegen gebliebene Koffer der Lufthansa versteigert. Ein schwitzender Mann mit Hammer schnaufte »Sechzigeuro … fünfundsechzig … siebzigdahintensiebzigeuro … siebzigeuroniemandmehr? « in ein Mikro, und Familienväter mit Woolworth- und Eistüten in den Händen ersteigerten (»Ach komm, Rita … Ist doch witzig!«) mal einen schwarzen Rollkoffer, mal eine türkise Reisetasche von Esprit. Doch es gab nicht nur herrenloses Gepäck: Ein Reifrock und eine riesige mexikanische Gitarre fanden ebenso Abnehmer wie ein Rollstuhl (wie auch immer man den vergessen kann) oder eine Kindermatratze. Sogar zwei undefinierbare große graue Plastikteile gingen weg: »Wir wissen nicht genau, was es ist«, gab der Auktionator zu. »Irgendjemand ein Euro?« Für meine beiden Kollegen und mich ersteigere ich drei Gepäckstücke.

Einen massiven Hartschalenkoffer für Patrick, einen kleinen schwarzen Schlabberkoffer für Vera. Ich entscheide mich für eine Tasche, bei der die Fälscher eines Edellogos wohl schon zu betrunken waren, um sich noch richtig Mühe zu geben. Ich weiß auch nicht mehr, was ich mir genau erhoffte – denn Bargeld, Drogen und Waffen werden schon bei der ersten Kontrolle, drei Tage, nachdem der Koffer herrenlos gemeldet wird, entfernt (nasse Badehosen übrigens zum Glück auch). Vielleicht ließ ich mich auch nur von der Dame drei Reihen vor mir mitreißen, die wie verrückt auf diese Tasche bot – und auf mich den Eindruck machte, als hätte sie Erfahrung mit solchen Auktionen. Die Blicke, die sie mir zuwarf, als meine Bieterkarte immer wieder nach oben schnellte, waren ein visuelles Todesurteil.

Im Hotelzimmer auf Mallorca dann zerquetschte Moskitos an der Decke und der Moment der Wahrheit: drei Paar Sportschuhe, sieben Paar Hosen – aber nur eine einzige Unterhose. »Going commando« nennen sie es in den USA, wenn jemand ohne Unterwäsche loszieht.

Ich nenne es eklig. Doch je speckiger man selbst durch die vorherrschende Hitzewelle wird, durch Schweiß und Sand und Sonnencreme, desto egaler werden einem solche Luxusfragen wie Hygiene oder Tragekomfort. Ein paar Spritzer aus dem ebenfalls mitgelieferten Flacon »Puma Jamaica Man« großflächig verteilt – und nicht weiter nachdenken.

Weder über die Frage, welche Körperflüssigkeiten schon in diesem Stoff versickert sind, noch darüber, ob Stefan Raab und Thomas Gottschalk wirklich als Modevorbilder taugen, wie es mein Kofferbesitzer offenbar geglaubt hat. Augen zu und durch.

Und siehe da: So wie Entführungsopfer irgendwann Zuneigung für Ihre Täter entwickeln, freunde ich mich im Lauf der Tage mit dem unbekannten Kofferbesitzer an. Als hätte ich ein textiles Stockholm-Syndrom, fühle ich mich ihm mit jedem breitbeinigen Schritt über die Insel verbundener. Stelle zufrieden fest, dass ein hochgeklappter Polokragen Sonnenbrand im Nacken verhindert. Denke, dass so ein Schweinsteiger-Iro doch eigentlich eine ganz lässige Frisur ist. Merke, dass mehrere aufgesetzte Jeanstaschen an den Oberschenkeln durchaus praktisch sein können. Sehne mich nach noch mehr Sangria, Mickie Krause und seinen unbekleideteten Haarkünstlerinnen und danach, endlich zu erfahren, wie »die Borussia« gespielt hat.

Als der Charterflug uns wieder zurück nach Deutschland bringt, trage ich das, was ich vorher als Proletenoutfit gegeißelt hätte, längst freiwillig und mit gewissem Stolz. Und selbstverständlich applaudiere ich nach der Landung dem Piloten. Na wat denn? Hat doch `nen astreinen Job gemacht, der Mann!

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

Die Texte der beiden Mitreisenden sind in NEON 09/09 zu lesen.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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