Die letzte Folge: Serien-Downloads im Internet und DVD-Boxen sind das neue Fernsehen

Geschrieben von am 09/06/2007 in taz mit 0 Kommentare

Fernsehen, wann man will und was man will: wie Internet und DVD-Boxen das Zuschauen verändern

sopranos

Malte war noch nie gut im Warten. Er wird deshalb am Montag früher aufstehen als sonst. Er wird seinen Computer anschalten, Kaffee aufsetzen und im Internet die letzte, die allerletzte Folge seiner Lieblingsserie „Die Sopranos“ herunterladen. In der Nacht zum Montag wird das lang erwartete „Season Finale“ in den USA ausgestrahlt, wenige Stunden später wird es als Videodatei im Netz stehen. Niemand weiß, wann und ob die Ausstrahlung in Deutschland erfolgen wird, aber das ist Malte auch egal. Er „saugt“ Videos aus dem Netz, vorwiegend komplette Staffeln von US-Serien: „Sopranos“, „24“, „Grey’s Anatomy“ oder den neuesten Quotenschlager „Heroes“.


Malte möchte seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, denn er weiß, dass er mit dem Runterladen gegen das Urheberrecht verstößt. Trotzdem gibt es immer mehr Menschen wie ihn, die sich, ausgestattet mit einer schnellen DSL-Leitung, ihr eigenes Fernsehprogramm zusammenstellen, unabhängig von deutschen Sendeterminen. „Ich schaue die Serien lieber in der Originalfassung an. Ohne Werbepausen und genau dann, wann ich will“, erklärt Malte seine Motivation. Und in der Tat: Seit über einem Jahrzehnt wird „Video-on-demand“ – also Fernsehen dann zu gucken, wann man Zeit und Lust hat – als Zukunftsvision beschworen. Zu einem Massenphänomen wird es erst jetzt, vor allem durch die Verbreitung der Filesharing-Software bitTorrent.

7.000.000 Boxen „Friends“

Eine weniger illegale und noch populärere Möglichkeit, die Abenteuer von Jack Bauer oder Tony Soprano nicht zu einem festgelegten Sendetermin zu sehen, sind DVD-Boxen. Sie kommen meist kurz nach der Ausstrahlung einer Serie im deutschen Fernsehen in den Handel, in der Originalversion meist schon vorher. 20 Prozent vom DVD-Markt machen die Fernsehserien inzwischen aus, im letzten Jahr ist der Markt erneut gewachsen: Inzwischen beträgt das Umsatzvolumen 261 Millionen Euro, das ergab eine Studie der Zeitschrift VideoMarkt vom März diesen Jahres. Weltweit sind die Zahlen noch beeindruckender: Allein die 90er-Kaffeehaus-Serie „Friends“ hatte bis Ende 2006 insgesamt über sieben Millionen Box-Sets der verschiedenen Staffeln verkauft, „Sex In The City“ und die „Simpsons“ folgten mit jeweils über vier Millionen verkauften Boxen. Stattliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass eine Staffel meist zwischen 30 und 50 Euro kostet. Neben der zeitlichen Flexibilität gibt es auch andere Gründe, die Serienfans dazu bewegen, so viel Geld für etwas auszugeben, das sie im Fernsehen auch umsonst sehen könnten. Der Wunsch, die liebsten Serienmomente zu besitzen und sie wie ein Buch oder eine CD ins Regal stellen zu können, spielt dabei sicher ebenso eine Rolle wie die schlechten Angewohnheiten vieler deutscher TV-Sender: Sie strahlen die Serien manchmal in falscher Reihenfolge aus, unterbrechen an falschen Stellen mit Werbung oder schieben sie so lange im Programm hin und her, bis selbst hartgesottene Fans nicht mehr wissen, wann sie einschalten müssen.

Downloads steigen, Quote sinkt

Dazu kommt, dass moderne Serien wie „Lost“ oder „24“ es kaum mehr verzeihen, wenn man Folgen verpasst. Zu verschachtelt sind die Handlungsstränge, zu rasant schreitet die Handlung voran. „Komplexe Serien wie ,24′, die einen sehr starken horizontalen Charakter haben, lassen sich besser über DVD konsumieren“, gibt Jürgen Hörner, Leitung der Programmleitung bei ProSieben, zu. Ergänzt aber: „Generell ist DVD-Konsum aber keine TV-Konkurrenz, sondern eine Ergänzung für den Serienfan.“ Bei der Konkurrenz RTL sieht man es ähnlich: „Die US-Serien laufen bei uns fantastisch, obwohl man die DVDs der Originalfassungen schon kaufen kann“, sagt Claus Richter, bei der RTL-Pressestelle zuständig für den Bereich Fiction. „Der Normalverbraucher wartet eben auf die synchronisierte Fassung – und die gibt es zuerst bei uns.“

Problematischer als der DVD-Konsum, an dem die Serienproduzenten mitverdienen, sind jedoch die bereits beschriebenen Internet-Downloads. Es sind vor allem junge, technik-affine Zuschauer, die den Sendern dadurch verloren gehen – eine in der Werbeindustrie sehr beliebte Zielgruppe. Das US-Branchenblatt Entertainment Weekly fragte in seiner vorletzten Ausgabe unter der Überschrift „Are You Killing TV?“ woran es liegen könnte, dass in den letzten zwölf Monaten die Zuschauerzahlen aller großen Networks von CBS über NBC bis Fox selbst bei den erfolgreichsten Serien durch die Bank gesunken sind – oft um zwei bis fünf Millionen Zuschauer. Neben den dort weitverbreiteten Festplattenrekordern, mit denen sich Sendungen zeitverzögert ansehen lassen, werden Internet-Downloads als Hauptursache für den Zuschauerschwund angesehen.

Wie häufig Fernsehserien mittlerweile im Internet heruntergeladen werden, ist kaum exakt zu ermitteln. Auf einzelnen Torrent-Katalogseiten, auf denen die Inhalte gelistet werden, kommen für manche Episoden schon mal zwei Millionen Klicks zusammen, und von diesen Seiten gibt es wiederum zahlreiche. Zu dieser Menge müssten noch klassische Peer-To-Peer-Netzwerke wie eMule addiert werden sowie Websites wie tv-links.co.uk oder dv.ouou.com, auf denen hunderte von Folgen nahezu jeder relevanten Serie ohne Download in Echtzeit angesehen werden können. Steht der Fernsehindustrie also eine ähnliche Krise bevor, wie sie die Musikbranche durch MP3-Downloads erleiden musste? Jens Schröder, sechs Jahre lang Fernsehredakteur beim Branchendienst kress und heute freier Medienjournalist, sieht dafür Anzeichen: „Wenn man sich die Entwicklung ansieht, ahnt man, dass es Zusammenhänge gibt zwischen steigenden Downloadzahlen und sinkenden Quoten. Anders als bei der Musik- und Filmindustrie gehen die TV-Verantwortlichen bisher jedoch kaum gegen die Downloadbörsen vor.“ Und selbst wenn: Bisher ist noch für jede durch Klagen eingestellte Download-Plattform eine neue, technisch versiertere nachgekommen.

Die Lösung könnten legale Angebote der Fernsehsender selbst sein. In den USA bieten inzwischen fast alle großen Networks ihre Serienerfolge inzwischen auch als legale Internet-Streams an, meist direkt nach der Erstausstrahlung. So können sie immerhin noch Werbung verkaufen, als kurze Clips vor den eigentlichen Inhalten oder in einem Banner am Bildschirmrand. Auch in Deutschland setzt sich diese Einsicht inzwischen durch: „Eine forsa-Studie hat gezeigt, dass Internetpiraterie ein wachsendes Problem ist“, sagt Jürgen Hörner von ProSieben. „Deshalb glauben wir auch, dass man sich diesem Thema proaktiv durch legale, kostenpflichtige Downloadangebote stellen muss.“ So zeigt sein Sender beispielsweise die Dinosaurier-Serie „Primeval“ oder das Atombomben-Endzeit-Szenario „Jericho“ auf der Bezahlwebseite maxdome.de eine Woche vor Ausstrahlung – allerdings zum Preis von 1,99 Euro pro Folge. RTL verfolgt mit seinem Portal rtl-now.de und Erfolgsshows wie „CSI: Miami“ oder „GZSZ“ eine ähnliche Strategie. Immerhin: „Alarm für Cobra 11“ oder „Ahornallee“ gibt es kostenlos.

Es wäre sicherlich übertrieben, zu vermuten, dass Internetdownloads das Massenmedium Fernsehen obsolet machen werden – in der Regel verdrängen neue Medien nicht die alten, sondern ergänzen sie. Dennoch wird das Prinzip des „Free-TV“ – kostenlose Inhalte für den Zuschauer, der dafür Werbezeit erträgt – brüchig, wenn immer weniger Leute diese Werbeblöcke tatsächlich noch sehen. Ein alternatives Modell präsentierte der „24“-Sender Fox vor der aktuellen Staffel der Terroristen-Folter-Show: Die „Episode 0“ – eine Art Vorspann, der die Handlung der letzten Staffel aufnahm und zum aktuellen Geschehen überleitete – wurde von Toyota gesponsert und ausschließlich über das Internet „ausgestrahlt“. Dass dabei von den zehn Minuten, die die sogenannte Webisode dauerte, rund fünf Minuten auf eine Autoverfolgungsjagd entfielen, macht gleichzeitig die Nachteile solcher Vermarktungsformen deutlich.

In Zukunft nur noch im Netz

Doch die Entwicklung vom programmierten Massenmedium hin zum individualisierten Download-Baukasten kann auch Vorteile haben. So ist es zum Beispiel denkbar, dass in Zukunft Serienproduzenten gar nicht mehr auf das Wohlwollen großer Studios und Fernsehsender angewiesen sind, um ihre Visionen zu verwirklichen, sondern sie direkt auf DVD veröffentlichen können. Sogar ein Vertrieb ausschließlich über das Internet wäre möglich.

„The revolution will not be televised“ sprach der amerikanische Aktivisten- Poet Gil Scott-Heron 1974. Die Revolution der TV-Serie hingegen wird zwangsläufig irgendwo übertragen werden – und die Chancen, dass es im Internet sein wird, stehen gut. Malte und seine Gleichgesinnten werden sie am Montagmorgen weiter vorantreiben.

Was guckst du? Die aktuellen Download-Hits

„Heroes“ – Superheldenepos
Eine kleine Gruppe von über die Erde verteilten Menschen entdeckt, dass sie übermenschliche Fähigkeiten besitzen. Während sie selbst noch lernen, damit klarzukommen, treten bereits Bösewichte auf den Plan (bislang eine Staffel).

„The Sarah Silverman Program“ – Asozialen-Sitcom
Die Komikerin Sarah Silverman spielt eine unreife, selbstbezogene, unverschämte Arbeitslose, die von ihrer jüngeren Schwester finanziell unterstützt wird und in jeder Folge mindestens einmal anfängt zu singen (bislang eine Staffel).

„Prison Break“ – Ausbruchsthriller
Ein junger Architekt lässt sich absichtlich in ein Hochsicherheitsgefängnis stecken, um seinen dort zu Unrecht inhaftierten Bruder vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Den Ausbruchsplan hat er sich sicherheitshalber auf den Oberkörper tätowieren lassen (bislang zwei Staffeln).

„My Name Is Earl“ – Karmakomödie
Ein Kleinkrimineller beginnt durch einige Schicksalsschläge an das Konzept von „Karma“ zu glauben und fängt an, sein Leben umzukrempeln. Dazu schreibt er eine Liste mit allem Schlechten, das er in seinem Leben getan hat – um es wiedergutzumachen (bislang zwei Staffeln).

„The Daily Show With Jon Stewart“ – Nachrichtensatire
Für viele die beste Nachrichtensendung der Welt, in der der Komiker Jon Stewart den Irrsinn der Politik- und Medienwelt Tag für Tag aufs Neue bloßstellt. Eine Studie ergab, dass seine Zuschauer politisch besser informiert sind als die der „echten“ Nachrichtensendungen.

Autor: Christoph koch
Erschienen in: taz

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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