Sharon Mitchell, 53, arbeitete 20 Jahre als Pornodarstellerin, bevor ein verrückter „Fan“ sie beinahe umbrachte. Sie hörte auf, Pornos zu drehen und Heroin zu spritzen und studierte Sexualwissenschaft. Mit ihrer Organisation AIM (Adult Industry Medical Healthcare Foundation) hilft sie heute Tausenden von Sexarbeitern im Porno-Tal San Fernando Valley – doch nun macht die Angst vor einer neuen HIV-Epidemie in der Branche die Runde.
Dr. Mitchell, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Pornodreh? Natürlich!
1975 in New York – ich war ein katholisches Mädchen vom Land. Ich saß rittlings auf diesem Mann und sagte »Oh ja, bitte … komm in mir!« – »Cut!«, schrie der Regisseur – »Schätzchen, das hier ist ein Porno, da spritzen wir auf die Leute … damit man es sehen kann!«
Wie sind Sie in der Branche gelandet?
Ich arbeitete als Model und als Schauspielerin. Die Mafia kontrollierte damals das Pornobusiness und fragte meine Agentin, ob sie ihnen nicht »normale« Schauspieler vermitteln könne. Damals kostete ein Film noch 300 000 Dollar, es gab Proben, Kostüme und Drehbücher. Es dauerte fast zwei Jahre, bis mein erster Pornofilm anlief – in richtigen Kinos. Ich arbeitete weiter in meinen regulären Jobs, aber als der Film erschien, wurde ich gefeuert. »Na gut, drehst du eben weiter Pornos«, dachte ich mir. Es war eine angenehme Art zu leben. Ich hatte Spaß am Sex und wurde gut bezahlt.
Und so ging es die nächsten 21 Jahre weiter?
Ja – aber wenn ich ehrlich bin, waren es zehn zu viel. In den 80ern zog die ganze Branche nach Kalifornien, statt auf Film wurde mit Videokameras gedreht, und aus den dreißig Darstellern in New York wurden 300.

"Ich habe meinen Beruf immer gemocht": Die ehemalige Pornodarstellerin und heutige Ärztin Sharon Mitchell
Inzwischen hat sich die Zahl der Darsteller noch einmal verzehnfacht, und statt ein paar Filzläusen geht es heute um Aids. Wie hat das die Szene verändert?
Sehr. Anfangs haben alle den Gedanken an Aids beiseitegeschoben, aber als ich 1998 meine Hilfsorganisation AIM gründete, entwickelten wir ein neues System: Statt alle paar Jahre nach Infizierten zu suchen, wenn wieder ein HIV-Fall bekannt wurde, beschlossen wir, dauerhaft nachzuweisen, wer negativ ist. Es gibt Tests, die nach 48 Stunden ein Ergebnis liefern. Wir haben eingeführt, dass jede Firma von den Darstellern einen negativen Test verlangt, der jünger als dreißig Tage ist.
Dreißig Tage, in denen man sich trotzdem anstecken und das Virus verbreiten kann.
Das ist richtig. Aber die Chancen, es weiterzugeben, sind durch die Kontrollen deutlich geringer – und wenn es passiert, können wir nachvollziehen, wer mit dem Infizierten in der Zeit gedreht hat, denn darüber führen wir Buch. So können wir eine Epidemie verhindern.
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