Was wäre, wenn … Großbritannien den Linksverkehr abschaffte?

Written by on 21/03/2023 in brand eins with 0 Comments

Die Britinnen und Briten gelten nicht erst seit dem Brexit als eigenwillig. Auch wenn offiziell das metrische System gilt, werden im Alltag die Entfernungen immer noch in Meilen statt Kilometern gemessen und das Bier in Pints statt in Millilitern ausgeschenkt. Und im Straßenverkehr beharren die Insulaner darauf, links zu fahren – obwohl ganz Europa es anders macht. Doch was wäre, wenn Großbritannien zum Rechtsverkehr wechselte?


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Die – stark verkürzte – historische Erklärung, warum überhaupt mal auf dieser, mal auf jener Straßenseite gefahren wird, geht so: Ritter führten ihr Schwert rechts und ritten deshalb links, um sich einem entgegenkommenden Feind besser erwehren zu können. Als sich Mehrspänner durchsetzten, also Fuhrwerke ohne Kutscherbock, die von mehr als zwei Pferden gezogen wurden, saß der Fahrer meist auf dem hintersten linken Pferd, um mit rechts die Peitsche schwingen zu können. Dabei erwies es sich als praktischer, auf der rechten Seite zu fahren, damit entgegenkommende Kutschen links passieren konnten.

Vor allem Inseln fahren noch links

Großbritannien hielt trotzdem am Linksfahren fest und schrieb dies 1835 gesetzlich vor. Im Frankreich des Links­händers Napoleon verlagerte sich dagegen alles auf die rechte Straßenseite. 1862 wur­den in Bayern alle Fuhrwerke angewiesen entgegenkommenden Fuhrwerken rechts auszuweichen, ab 1910 galt das im ganzen Deutschen Reich. Den großen Schritt zum weltweiten Standard machte der Rechtsverkehr 1908, als Henry Ford sein Model T vorstellte – mit dem Fahrersitz auf der lin­ken Seite.

Das Vereinigte Königreich ist nicht das einzige Land mit Linksverkehr geblieben: Neben Irland wird unter anderem auch in Japan, Neuseeland, Australien, Indien und einigen afrikanischen Staaten so gefahren. „Es sind vor allem Inseln, die am Links­verkehr festhalten“, sagt Benjamin Heyde­cker, emeritierter Professor für Transport­wesen am University College London. „Denn dort gibt es weniger Komplikatio­nen als bei einem Grenzübertritt an Land, bei dem man plötzlich die Straßenseite wechseln müsste. Indien und Länder wie Sambia oder Uganda haben zwar Land­grenzen zu Nationen mit Rechtsverkehr, aber mit vergleichsweise wenig Verkehr.“

Schweden, das über einen deutlich stärkeren Grenzverkehr zu Land verfügte, wechselte 1967 vom Links-­ zum Rechts­verkehr. Zwar waren 83 Prozent der Bevölkerung gegen die Umstellung, die Re­gierung setzte diese aber dennoch durch – und begleitete sie mit Werbung auf Milchkartons und einem Liederwettbe­werb. Siegertitel: „Håll dig till höger, Svensson“ – „Halt dich rechts, Svensson“ von einer Band namens The Telestars.

Kurz nach der Entscheidung in Schwe­den schätzte die britische Regierung die Kosten für eine ähnliche Maßnahme im eigenen Land auf 264 Millionen Pfund. Das entspräche heute etwa fünf Milliarden Pfund. „Doch selbst das ist eine deutlich zu niedrige Schätzung“, so der Verkehrs­experte Heydecker. „Denn der Verkehr hat sich seit den Sechzigerjahren verviel­facht, ebenso wie die Zahl der Straßen, Kreuzungen, Schilder, Ampeln.“

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Text: Christoph Koch
Foto: Bruno Martins auf Unsplash

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About the Author

About the Author: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Digitale Balance" & "Was, wäre wenn ...?") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs, bei Mastodon @christophkoch@masto.ai .

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