Interview mit der Cisco-Gründerin Sandy Lerner: „Ich hasse den Begriff Entrepreneur“

Geschrieben von am 30/05/2022 in brand eins mit 0 Kommentare

Erst baute Sandy Lerner mit ihrem damaligen Mann die Milliardenfirma Cisco auf. Dann gründete sie Urban Decay, eine erfolgreiche Kosmetikmarke, und eröffnete eine Bibliothek für vergessene Autorinnen. Heute betreibt die US-Amerikanerin eine Farm, eine Mühle und ein Restaurant. Gespräch mit einer Gründerin, die nichts von Start-ups hält.

Sandy Lerners Biografie beginnt damit, dass sich ihre Eltern trennen, als sie vier Jahre alt ist. Lerner wächst abwechselnd bei ihren Tanten auf – und das sehr unterschiedlich. Eine lebt auf einer kalifornischen Farm, die andere in Beverly Hills, der Stadt der Schönen und Reichen. Nach einer Banklehre studiert sie an der California State University internationale Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf marxistischer Theorie. Später spezialisiert sie sich auf Statistik und Datenanalyse und wechselt an die Stanford-Universität, wo sie ihren späteren Ehemann Leonard „Len“ Bosack kennenlernt. 1980 heiraten sie, 1981 macht Lerner ihren Abschluss, danach arbeitet sie für die IT-Abteilung der Universtität.

I. Cisco

1984 gründen Lerner und Bosack die Firma Cisco (kurz für das nahe gelegene San Francisco – das Logo symbolisiert die Golden Gate Bridge). Ihre Idee, vereinfacht gesagt: Verschiedene Computer und lokale Netzwerke, zum Beispiel der Universität, sollen miteinander kommunizieren können. Sie erfinden den sogenannten Multi-Protokoll-Router. Die Geräte sind damals noch so groß wie Küchenmikrowellen, das Ehepaar lötet sie im Wohnzimmer zusammen. Spätere Ansprüche von Stanford, dass die beiden Angestellten Wissen und Arbeitszeit der Universität verwendet hätten, enden mit einer Einigung: Lerner und Bosack zahlen für die Nutzung der Software und Lizenzen rund 200 000 Dollar.

brand eins: Frau Lerner, inwiefern haben die Bedingungen, unter denen Sie aufgewachsen sind, Sie beeinflusst?

Sandy Lerner: Jeder in meiner Familie, auch wenn man mehrere Generationen zurückgeht, war geschäftstüchtig. Wir wollten nie für andere Menschen arbeiten. Mein Onkel emigrierte aus Litauen, verkaufte als Neunjähriger Krawatten in Pittsburgh und wurde mit seiner Firma zum größten Damenmodehersteller der US-Westküste. Meine Tante mit der Farm hat mir beigebracht, wie man hart arbeitet und dass man niemals aufgibt. Ich liebe es zu arbeiten und glaube, dass man etwas verpasst, wenn man es nicht tut.

Viele Leute heute sind schon erschöpft von ihren kleinen Peloton-Workouts. Ich bin aufgewachsen mit Menschen wie meinem Großvater, der bis zu seinem letzten Atemzug gearbeitet hat. Er starb, während er einen Zaun reparierte. Das gute Gefühl, etwas mit den Händen geschaffen zu haben und die Welt durch die eigene Arbeit ein Stück besser zu hinterlassen, das habe ich von meiner Familie gelernt. Ich wusste überhaupt nicht, dass es Faulheit gibt, bevor ich von zu Hause weggegangen bin.

Was war das Silicon Valley für ein Ort, als Sie mit Ihrem Mann Len Bosack 1984 Cisco gründeten?

Er war noch nicht so von Geld überflutet, wie das heute der Fall ist. Heute kann man sich eine App ausdenken, die einer Frau verrät, ob ihr Rock zu kurz ist, und bekommt dafür zehn Millionen Dollar Risikokapital. Wir haben Cisco damals lange Zeit aus unserer eigenen Tasche finanziert. Wir hatten kein Auto, unsere Kreditkarten waren am Anschlag, und wir liehen uns Geld von Lens Eltern. Wenn man uns gefragt hätte, ob unsere Work-Life-Balance in Ordnung ist, hätten wir nicht gewusst, was dieser Begriff bedeutet. Ich arbeitete von sechs Uhr morgens bis Mitternacht, Len von mittags bis zwei Uhr morgens. Wir nahmen in Kauf, dass unsere Gesundheit und unser Privatleben den Bach runtergingen. Heute geht es Gründern darum, mit wenig Aufwand möglichst schnell reich zu werden.

Dass Gründerinnen und Gründer ihre Gesundheit nicht mehr ruinieren wollen und auf ihr Privatleben achten, ist doch eine positive Entwicklung, oder nicht?

Das stimmt, aber es geht den meisten nicht mehr darum, etwas von gesellschaftlichem Wert zu schaffen. Ihr Ziel ist es, anderer Leute Geld auszugeben, um eine Firma aufzubauen, die vielleicht kein relevantes Problem löst, aber möglichst schnell von einer größeren Firma übernommen wird. Jeder, der keinen Bock auf einen normalen Beruf hat, nennt sich heute Entrepreneur. Ich hasse diesen Begriff. Ich bin keine Entrepreneurin – ich bin eine Industrielle. Ich wollte immer Dinge von Wert schaffen, der Welt etwas Sinnvolles hinzufügen.

Sie haben aber auch das Geld anderer Leute angenommen und den Investor Don Valentine an Bord geholt – der Sie dann aus Ihrer eigenen Firma drängte. Was würden Sie heute anders machen?

Ich würde als Erstes meinen eigenen Anwalt mitbringen, wenn die Verträge gemacht werden. Wir waren so naiv damals! Mein Mann und ich ließen uns damit abspeisen, dass wir uns nicht mit dem mühsamen Papierkram rumschlagen sollten, weil wir ja so viel zu tun hätten. Das seien alles Formalien. Am Ende gaben wir ein Drittel unserer Firma für 2,6 Millionen Dollar weg und hatten keine richtigen Arbeitsverträge. Auch unsere Aktienoptionen sollten erst nach vier Jahren fällig werden. Wir waren naiv, an der Grenze zur Dummheit.

Was passierte?

Don hasste Leute wie uns – Gründer, die einen eigenen Kopf haben und nicht nur Erfüllungsgehilfen sind. Wir standen ihm im Weg und sollten bei der ersten Gelegenheit weg. Ich wurde von John Morgridge gefeuert, den er als Vorstandsvorsitzenden geholt hatte – angeblich, um Len und mich zu entlasten. Ich konnte es nicht glauben. Als ich es Len erzählte, verließ er die Firma noch am selben Tag aus Solidarität mit mir. Wir kehrten nie wieder zurück. Nach einem langen Rechtsstreit bekamen wir auch unsere Aktienoptionen, obwohl wir nicht vier Jahre geblieben waren.

II. Urban Decay

Das Ehepaar erlöst 170 Millionen US-Dollar aus dem Verkauf seiner Aktien, Lerner ist zu dem Zeitpunkt gerade 35. Anfang der Neunzigerjahre lassen sie und Len Bosack sich scheiden, bis heute sind die beiden sich jedoch freundschaftlich verbunden und haben einen Großteil ihres Geldes in einer gemeinsamen Stiftung namens The Ampersand Foundation.

1995 gründet Sandy Lerner die Kosmetikmarke Urban Decay. Diese setzt auf für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Make-up-Farben wie Grün, Blau, Lila und Schwarz. Die Verpackung ist martialisch gestaltet und erinnert zum Beispiel an Patronenhülsen. Außerdem lehnt Urban Decay – damals für die Branche noch ungewöhnlich – Tests an Tieren ab. Nach einem Jahr hat die Firma 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und macht neun Millionen Dollar Umsatz. Ebenfalls revolutionär: Neben Frauen zählen auch Männer zu den Kunden, darunter der Basketball-Star Dennis Rodman und der Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich.

Von Internetroutern zu Lippenstift ist kein naheliegender Schritt. Wie kam es, dass Sie nach Cisco ausgerechnet eine Kosmetikfirma gründeten?

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Interview: Christoph Koch
Foto: Umer Sayyam / Unsplash

Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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