Kein Netz: Digital Detox und Corona

Geschrieben von am 15/08/2020 in brand eins mit 0 Kommentare

Digital Detox, also die Pause vom Netz, war das Heilfasten der 2010er-Jahre. Die Corona-Pandemie hat die Abhängigkeit von digitaler Kommunikation verstärkt – und die Dankbarkeit dafür. Und jetzt?

Seit Jahren ist es ein Thema: Kinder, Jugendliche und Erwachsene hängen zu viel vorm Bildschirm. Es wird darüber diskutiert, ob es negative Auswirkungen hat, dass wir immer mehr Zeit mit Social Media verbringen und am Wochenende auch mal berufliche E-Mails bearbeiten. Digital Detox, also die regelmäßige Auszeit von großen und kleinen Bildschirmen, ist als Heilmittel fast so alt wie die Sorge vor dem übermäßigen Smartphone-Gebrauch selbst. Die Geräte mal weglegen, lautet der wichtigste Ratschlag, und rausgehen unter Menschen. Freunde treffen, statt zu chatten. Sich im Fitness-Studio verausgaben, statt bei „Brawl Stars“ virtuelle Gegner zu vermöbeln.

Doch als das Sozialleben beschränkt wurde, war davon nicht mehr viel möglich. Gezwungenermaßen gab es für alle noch viel mehr Screentime als je zuvor: Videokonferenzen mit Kollegen, die sonst im Büro nebenan sitzen. Digitalunterricht für Schüler, aber keinen Pausenhof mehr. Abendlicher Zoom-Aperitivo mit Freunden, Skype-Calls mit Verwandten, Essensbestellung per App statt Restaurantbesuch. Das Leben wurde über Nacht radikaler digitalisiert als in den Jahren zuvor. Und was ist mit Digital Detox? Braucht das noch jemand?

“Einige könnten nicht mehr zur Normalität zurückfinden”

„Es gibt noch keine verlässlichen Zahlen und Erhebungen, aber wir sehen vermehrt Hinweise darauf, dass suchtartige Phänomene quer durch alle Altersgruppen während der Kontaktbeschränkungen zugenommen haben“, sagt Hans-Jürgen Rumpf, leitender Psychologe und Suchtforscher an der Lübecker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Gewöhnlich kann man laut Rumpf davon ausgehen, dass ein bis zwei Prozent der Erwachsenen ein Problem mit digitaler Sucht haben. Bei weiteren drei bis sechs Prozent liege ein problematisches Verhalten vor, diese beschäftigten sich tendenziell zu viel mit digitalen Inhalten. Bei beiden Gruppen müsse man „davon ausgehen, dass einige nicht mehr in die Normalität zurückfinden“.

Digital Detox: Mann mit Zigarette sieht auf sein Smartphone

Befördert habe diese Entwicklung neben dem Digitalisierungsschub und dem Wegfall analoger Freizeitaktivitäten auch eine entfallende soziale Kontrolle: „Wer die ganze Nacht am Computer oder Smartphone hängt und im Büro komplett übermüdet ist, wird vielleicht mal von Kollegen darauf angesprochen“, sagt Rumpf. Gerade bei Menschen, die allein leben, habe Corona zu einer Isolation ohne soziales Korrektiv geführt.

Dennoch sieht der Psychologe keinen Anlass zur Panik: „Die große Mehrheit der Menschen geht verantwortungsbewusst mit den digitalen Medien um und hat das auch zur Blütezeit der Pandemie getan.“ Obwohl Videodienste wie Netflix oder Youtube durch Tricks wie automatisches Abspielen alles dafür tun, die Nutzer zu fortlaufendem Konsum zu verleiten – eine echte Abhängigkeit von Video- oder Musikstreaming sei kaum verbreitet. Problematisch werde es nur, wenn Menschen die Kontrolle über ihre Internetaktivitäten verlören. Etwa beim Glücksspiel, bei Pornografie, Videospielen, beim Onlineshopping oder der suchtartigen Nutzung von sozialen Netzwerken.

Riskantes Spiel

Ein vergleichsweise neues Phänomen ist durch Daytrading-Plattformen entstanden, die in der Corona-Krise vor allem in den USA großen Zulauf erhalten haben. Mehr Freizeit durch Kurzarbeit oder Jobverlust, entfallende Sportveranstaltungen und die dazugehörigen Wetten haben dazu geführt, dass vor allem junge Män- ner das Zocken mit Börsenkursen ausprobierten. Zusätzliche Anreize waren wohl die niedrigen Kurse zu Beginn der Krise und später die starken Anstiege. „Wenn die Zeit zu Hause lang wird, sind solche Angebote und die Versuchung, scheinbar mühelos reich zu werden, für manchen naheliegend“, sagt Hans-Jürgen Rumpf. Ebenfalls problematisch sei, dass manche App-Anbieter Daytrading so gestalteten wie ein unterhaltsames Handy-Spiel.

Bei der amerikanischen Trading-App Robinhood war der Andrang sogar so groß, dass die Firma eine Warteliste zur Kontoeröffnung einführte. Wer auf ihr schneller vorrücken wollte, konnte 1000-mal am Tag auf den App-Bildschirm tippen. Gamification heißen solche Tricks. Wenn ein Kunde einen Handel abgeschlossen hat, regnet es Konfetti. Hochriskante Geschäfte wie mit Bitcoin präsentiert die App prominent, konservativere Anlagen wie Indexfonds versteckt sie in den Menüs.

Millionen von Menschen suchen seitdem ihr Glück auf diese Weise, die meisten haben noch nie mit Wertpapieren gehandelt. Wohin es führen kann, wenn eine launige Candy-Crush-Optik und Fehlspekulationen zusammenkommen, zeigt der Fall von Alexander Kearns. Der 20-Jährige nahm sich im Juni 2020 das Leben. Er glaubte (wenn auch irrtümlich), bei Robinhood 730 000 Dollar Schulden angehäuft zu haben.

Digital Detox für wen?

Also höchste Zeit für Digital Detox? In solchen Fällen, sagt Hans-Jürgen Rumpf, bringe das nicht viel. Die moderne Form des Fastens sei ein interessanter Trend, und „Menschen, die mal ein Wochenende in der Natur verbringen, ohne gleich ein Foto davon zu machen, erleben das sicherlich als eine positive Erfahrung. Aber es ist keine Maßnahme, mit der man einen riskanten oder suchtartigen Gebrauch verhindert.“ Damit erreiche man eher die, die ohnehin auf sich achten.

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Foto: Ali Yahya / Unsplash

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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