Mein Porsche, mein Bambi, meine Band

Geschrieben von am 04/12/2013 in Neon mit 0 Kommentare

Von Reinhold Beckmann bis Nora Tschirner – unter Schauspielern und Fernsehmachern gehört eine eigene Band zum, tja, guten Ton. Das liegt nicht an ihrer Liebe zur Musik.

Für den Schauspieler Jürgen Vogel war es nur ein kurzer Ausflug. »Der ist am Anfang so rumgesprungen. Wie ein Gummiball «, sagte der Musiker Thees Uhlmann einmal über die gemeinsamen Proben. »Das hat er vielleicht auf MTV gesehen. Aber dadurch, dass das Verhältnis so gut war, konnte man eben auch bei der zweiten Probe sagen: ›Das nervt, und wenn du weiter so rumhüpfst, tret ich dir in die Beine.‹« Die Hansen Band, die Jürgen Vogel gemeinsam mit Thees Uhlmann von Tomte und Marcus Wiebusch von Kettcar für den Film »Keine Lieder über Liebe« gegründet hatte, existierte nur kurze Zeit. Viele andere Schauspieler und Fernsehmoderatoren sind ausdauernder. Für sie scheint »mal eine Platte machen« ein Häkchen zu sein, das man in der Biografie setzen muss.

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Ob Katja Riemann oder Jana Pallaske, Uwe Ochsenknecht oder Ben Becker – die Liste ist lang. Die Moderatorin Barbara Schöneberger besaß bei ihrem ersten Album wenigstens genug Selbstironie, um es »Jetzt singt sie auch noch« zu nennen. Zwei neuere Ergänzungen der langen Liste sind die Schauspielerin Nora Tschirner, die mit ihrer Band Prag gefälligen Retropop spielt, und der Fußballkommentator und Fernsehmoderator Reinhold Beckmann. Dieser gab als Beckmann & Band neulich drei Abende kurz hintereinander in der Berliner »Bar jeder Vernunft« eine Mischung aus Bossa nova und Chanson zum Besten. In einem Radiointerview hatte er vorher mit Sorgen wegen der Zuschauer kokettiert: »Die werden kritisch gucken, wenn da so ein Fernsehfuzzi auf der Bühne steht und auch noch Musik macht – und das kann ich auch verstehen «, sagte er da. Nur um dann doch klarzustellen, warum er selbst über jeden Zweifel erhaben ist: »Wenn sich alte Männer über fünfzig E-Gitarren umhängen, finde ich das gruselig«, sagte der 57-Jährige. »Bei uns kommt das eher so ein bisschen akustisch daher.« Als würde das etwas an den Texten ändern, in denen er mit Zeilen wie »Ich spüre schon, dein Himmel steht ein bisschen für mich offen« wirkt, als wollte er Rainer Brüderle Konkurrenz machen.

Was genau motiviert Moderatoren, »Tatort«- Kommissare oder Schauspielerinnen zum Singen und Komponieren (oder Komponierenlassen)? Wenn es nur um einen »Ausgleichssport« zum Tagesgeschäft Film und Fernsehen ginge, könnten sie ja auch eine Schreinerei eröffnen oder ihre Oldtimer reparieren. Nein, bei den Ausflügen auf die Konzertbühnen geht es nicht um ein mit Leidenschaft betriebenes Hobby oder um die oft beschworene Liebe zur Musik – es geht wirklich um Selbstgefälligkeit. »Vanity Projects«, Eitelkeitsprojekte, nennen die Amerikaner solche Ausflüge in andere Branchen, die vor allem zu einem Zweck unternommen werden: um zu beweisen, dass man es kann. Um der Welt zu zeigen, dass man genügend Kreativität für mehrere Branchen hat, dass der Durchbruch im Hauptberuf kein Zufall war. Der Liebe zur Musik ließe sich ja auch als Cellist eines kleinen Orchesters nachgehen, am heimischen Klavier oder an der Rhythmusgitarre einer Band, die bloß zum Spaß im Probekeller spielt. Doch das kommt für die musizierenden Film- und Fernsehmenschen nicht in Frage. Sie müssen in der ersten Reihe stehen, am Mikro, im Rampenlicht – in einer Band, die ihren Namen trägt. Und da hätte jemandem, der seine Kinder Jimi Blue, Wilson Gonzalez und Cheyenne Savannah nennt, doch etwas Originelleres einfallen können als Ochsenknecht & Band.

Natürlich kann man einwenden, dass auch berühmte Schauspieler Menschen sind und machen dürfen, was sie wollen. Wir leben ja in einem freien Land. Doch wenn Jan Josef Liefers (dessen Band sich natürlich nicht Oblivion nennen kann, sondern Jan Josef Liefers & Oblivion heißt) sich durch alte Ostrocknummern knödelt, wenn Reinhold Beckmann von Sexfantasien singt, die er für eine Fleischfachverkäuferin hegt – dann ist es auch genau dieses freie Land, das einem gestattet, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Denn gäbe es nicht einen prominenten Namen, den man draufschreiben kann und der eine gewisse Grundaufmerksamkeit garantiert, würden die Plattenfirmen, die das musikalische Elend veröffentlichen, vermutlich schon nach dem zweiten Takt die Türen zuknallen.

Doch für die Plattenfirmen liegt es auch näher, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der bereits über Management, Kontakte sowie Erfahrung in Selbstvermarktung und Interviewgeben hat, als mit einem unbekannten Singer- Songwriter, dem man mal eine Chance gibt. Wer es ein paar Jahre durchs Fernsehen geschafft hat, hat immerhin bewiesen, dass er Terminkalender lesen und Verträge einhalten kann, anstatt ständig bekifft in das falsche Flugzeug zu steigen. Reinhold Beckmann erklärt die Bandgründung logischerweise ganz anders: »Diese Unmittelbarkeit, das kann nur Musik, das kann Fernsehen nicht«, schwärmte der Moderator im Interview. »Du siehst bei jeder Zeile: Kommt die Pointe an?« Um Pointen ging es vermutlich auch Markus Lanz, als er sich musikalisch betätigte. »Fuck Chirac« hieß die Eurodance-Single, die er 1995 veröffentlichte. Immerhin nicht unter seinem Namen, sondern als »Le Camembert radioactif«.

Es gibt auch in den USA genügend Beispiele für musizierende Film- und Fernsehstars. Allerdings sorgen eine singende Scarlett Johansson oder ein Gitarre spielender Ryan Gosling dafür, dass dabei zumindest manchmal Musik herauskommt, die man sich anhören kann. Vielleicht bekommt jedes Land die singenden Schauspieler, die es verdient. Zum Glück hat es auch einen Vorteil: Wenn Fernsehmenschen Musik machen, sind sie kurz zu beschäftigt, um Fitness- DVDs oder Kochbücher zu veröffentlichen.

Text: Christoph Koch
Foto: Warner Music

Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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