Psychotest: Bist du ein Wutbürger?

Geschrieben von am 16/02/2011 in Neon mit 1 Kommentar

Stuttgart-21-Protest, Politikerbashing, Islamophobie: In Deutschland wird nicht mehr sachlich diskutiert, sondern hysterisch. Unser Test zeigt, ob du der wurstige Typ bist, der Meinungsterrorist oder der Factchecker.

Wie ist deine Meinung zur RTL 2-Sendung »Tatort Internet«?
A – Ein reißerisches Format, das die Persönlichkeitsrechte von Verdächtigen verletzt, statt an wirklichen Lösungen zu arbeiten.
B – Montagabend, da guck ich doch immer den Jauch.
C – Mutig, dass endlich jemand gegen Kinderschänder kämpft. Glückwunsch, Frau zu Guttenberg. Zum Glück hat die »Bild«-Zeitung meinen Leserbrief gedruckt: »Es darf nicht sein, dass eine so gute Sache verschwindet, nur weil >Menschenrechte< verletzt werden!«

Was ist auf diesem Bild zu sehen?
A – Die Lebensmittelampel, die über den Gehalt von Nährstoffen in Nahrungsmitteln informieren soll. Sie konnte sich jedoch nicht gegen die von der Industrie bevorzugte Guideline-Daily-Amount-Kennzeichnung (GDA) durchsetzen.
B – Woher habt ihr denn eigentlich mein Pizzarezept?
C – Eine für jeden Bürger verständliche Art der Lebensmittelkennzeichnung. Abgewürgt von den Lobbyisten der Lebensmittelindustrie und rückgratlosen Politikern.

Bekommen Deutschlands Abgeordnete genug?
A – Dafür muss ich weiter ausholen: Erstens ist es wichtig zu bemerken, dass, verglichen mit der freien Wirtschaft, die Gehälter in der Politik sich auf einem relativ niedrigen Niveau bewegen. Wobei natürlich auch der Umstand nicht zu vernachlässigen ist, dass ein Politiker, zumindest nach meinem Verständnis, natürlich …
B – Also mir persönlich würde es reichen.
C – Genug Prügel? Nein!

Wie bereitest du dich auf eine Fahrt mit der S- oder U-Bahn in einer dir fremden deutschen Großstadt vor?
A – Ich kaufe ein Ticket.
B – Ich kaufe ein Ticket und das neue Lustige Taschenbuch von Disney.
C – Ich kaufe ein Ticket und Pfefferspray, versuche mich an meinen Selbst verteidigungskurs vom letzten Wochenende zu erinnern und habe auf dem Handy sicherheitshalber schon eins-eins-null gewählt und den Finger auf die Anrufen-Taste gelegt.

Was möchtest du nicht in deiner Nachbarschaft haben?
A – Atomkraftwerk.
B – Atomkraftwerk.
C – Atomkraftwerk, Großbahnhof, Großmoschee, Kleinmoschee, Kindergarten, Strommasten, Raucher, Sextäter, Hundekacke, Windräder.

Was ist der »Bloody Thursday«?
A – Ein sehr guter Dokumentarfilm über amerikanische Gewerkschaften in den Dreißigerjahren.
B – Wodka, Tomatensaft, Worcestersauce: Hilft gut auch gegen den schlimmsten Kater.
C – Der 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten: brutale polizeiliche Willkür.

Wie reagierst du auf die Durchsage, wonach dein Zug fünfzehn Minuten Verspätung hat.
A – Ich lächle entspannt. Dieser Pünktlichkeitszwang ist typisch deutsch. In anderen Kulturen wird das ja viel lockerer gesehen.
B – Ich frage mich, ob es Freigetränke zur Entschädigung gibt.
C – Ich lache verächtlich, sehe mich empört um und versuche, per Blickkontakt möglichst viele Mitglieder für meine Empörungsgemeinschaft zu rekrutieren.

Wie war dein Wochenende?
A – Endlich hatte ich mal die Zeit, den ganzen Zeitungsrückstau wegzulesen. Man kommt ja zu nix!
B – Bisschen Spazierengehen, bisschen Playstation und »Schlag den Raab« – wieso?
C – Ich bin jetzt noch heiser, weil ich auf der Sarrazin-Lesung Kritiker dieses ehrenhaften Autors niederbrüllen musste.

Du bist gegen Google Street View, weil …
A – … mich die kommerzielle Nutzung von Bildern aus dem öffentlichen Raum stört.
B – … die bestimmt erst übernächstes Jahr zu uns aufs Land kommen. Und ich hatte extra aufgeräumt, als es in den Nachrichten war, dass die Fotos machen.
C – … ich nicht will, dass jemand per Webcam in mein Schlafzimmer spannen kann oder jeder sieht, wenn meine Kinder im Garten spielen. Das Programm müsste »Google-Kidnapper-Hilfsprogramm« heißen.

Was verstehst du unter »Deutschenfeindlichkeit«?
A – Wie die »taz« sehr schön geschrieben hat, ist das ein »Kampfbegriff« von »rechtspopulistischen Gruppierungen«, mit dem sich »echte« Deutsche als »Opfer einer Minderheit« stilisieren.
B – Das Foul von Kevin-Prince Boateng an Michael Ballack.
C – Den skandalösen Umstand, dass Familienministerin Kristina Schröder als »deutsche Schlampe« beschimpft wird.

Israel …
A – … ist ein Land, dem wir uns aufgrund unserer Geschichte zu Recht besonders verbunden fühlen.
B – … hat im Süden am Roten Meer ganz geile Strände.
C – … wird man doch wohl noch kritisieren dürfen!!! Also wirklich!

Was liegt derzeit auf deinem Nachttisch?
A – Peer Steinbrücks Sachbuch »Unterm Strich«, das hilft, die Dynamik der Finanzkrise noch einmal nachzuvollziehen – auch wenn jetzt schon wieder alle vom Aufschwung reden.
B – Staub.
C – Blutdruckmessgerät, eine große Flasche Klosterfrau Melissengeist, Beruhigungstabletten, Schlaftabletten.

In Gorleben …
A – … ist ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle. Wo der Abfall langfristig bleiben kann, wissen weder die Befürworter noch die Gegner der Atomkraft.
B – … komme ich immer auf dem Weg zum Wacken-Festival vorbei.
C – … wird die Politik einen heißen Herbst/Winter/Frühling erleben.

Wer sind noch einmal »die da oben, die eh immer nur machen, was sie wollen«?
A – Banker.
B – Meine Nachbarn.
C – Das habe ich doch in meinen Kommentaren auf focus.de, welt.de, spiegel.de, faz.net, sueddeutsche.de und bei Politically Incorrect bereits ausführlich dargelegt.

Was denkst du bei diesem Titelbild?
A – Die Titanic war auch schon mal lustiger.
B – Einmal mit allem bitte und ordentlich scharf!
C – Endlich zeigt es dem rückgratlosen Appeasement- Schleimer Wulff mal einer! Soll er doch nach drüben gehen. Also rüber über den Bosporus!

Was machst du im Arzt-Wartezimmer?
A – Bei Netdoktor gibt es doch gar keine Wartezimmer!
B – Umsonst »Bunte« und »Gala« lesen.
C – Mit lautem Stöhnen mache ich Privatpatienten, die dank der in unserem Land nun einmal herrschenden Zweiklassenmedizin viel kürzer warten müssen als ich, ein schlechtes Gewissen.

Dein ultimatives Diskussionsargument?
A – »Einerseits … andererseits.«
B – »Jeder Jeck ist anders.«
C – »Das ist ja wie bei Adolf Nazi.«

Deine Meinung zu Jörg Kachelmann?
A – In dubio pro reo.
B – Ich weiß immer noch nicht, wie der die ganzen Frauen rumgekriegt hat. So hässlich, wie der ist.
C – Fairer Prozess: Ha! Der hat ganz bestimmt einen Promibonus.

AUFLÖSUNG

Überwiegend Antwort A – DU BIST DER FACTCHECKER

Du bist überzeugt: Die Realität kann man am besten einschätzen, wenn man sie aus einer Höchstzahl maximal unterschiedlicher Perspektiven betrachtet. Deshalb liest du jeden Morgen mehrere überregionale Tageszeitungen und überprüfst jeden Wikipedia-Eintrag noch einmal durch einen Blick in den Brockhaus. Der Informationsoverkill macht es dir leider oft unmöglich, eine politische Position einzunehmen: Irgendwie haben ja alle Seiten ihre Argumente. Dafür kannst du auch mit 1,5 Promille das Planfeststellungsverfahren beim Bau des Stuttgarter Bahnhofs erklären. Nur dass dich deine Freunde für langweilig halten, das findest du richtig zum Kotzen.

Überwiegend Antwort B – DU BIST DER WURSTIGE

Ob Ausländer integriert sind oder nicht, spielt für dich keine Rolle – Hauptsache, sie verkaufen dir weiter Döner für 1,99 Euro. Und ob Atommüll gefährlich ist oder nicht, berührt dich ebenfalls kaum, du lebst ja nicht in Gorleben. Dass sich nun plötzlich alle über ein Buch von einem schnurrbärtigen Mann aufregen, liegt nach deiner Meinung vor allem daran, dass die Leute zu wenig bumsen. Um die komplizierten Dinge sollen sich die Politiker kümmern, schließlich gehst du nicht umsonst manchmal alle vier Jahre wählen, und schließlich bekommen die für ihre Arbeit auch ein Gehalt – oder hat sich daran zwischenzeitlich etwas geändert?

Überwiegend Antwort C – DU BIST DER WUTBÜRGER

Denkst du an Deutschland in der Nacht, bist nicht nur du um den Schlaf gebracht, sondern auch deine Familie bzw. Mitbewohner. Denn bis in die Morgenstunden hören sie nun, wie du »Beweisvideos« auf YouTube ansiehst und Schilder für die nächste Demo zusammennagelst (bei der du gelegentlich auch in Anzug und teurem Kostüm erscheinst): Irgendwer muss ja was tun gegen Islamofaschisten/Kinderschänder/ Parkzerstörer. Was dich interessiert, sind Sündenböcke und einfache moralische Urteile. Den Austausch von Argumenten hältst du für ziemlich überschätzt: Kompromisse wurden in diesem stetig verdummenden Land schon viel zu lange gemacht.

Text: Mathias Irle & Christoph Koch
Bilder:
Grochim unter Creative-Commons-Lizent-3.0 (Ampel)  & Focus (Cover)
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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1 Leserkommentar

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  1. Wursthannes sagt:

    Wusst ich doch das ich wurstig bin. Aber wo kriegt man noch Döner für 1,99? ;)

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