Highland Games in Schottland: Ein Baumstamm ist zum Werfen da

Geschrieben von am 15/05/2009 in Tagesspiegel mit 0 Kommentare

Mit den schottischen Highland Games findet im Sommer jedes Wochenende eine Mischung aus traditionellem Sportfest und moderner Hüpfburg-Kirmes statt

„Ah! Endlich kann ich meine Hose ausziehen!“ Alan Torrance, der Mann mit dem rotesten Haar der Welt, fasst sich unter den karierten Kilt und zieht mit einem erleichterten Seufzer eine schwarze Radlerhose hervor. „Bei den Wettkämpfen fliegt einem so oft der Rock hoch – aber unten ohne zu gehen, ist einfach angenehmer.“ Er hat gerade an einem Wettkampf der Highland Games im schottischen Blair Atholl teilgenommen. Vormittags, als die örtlichen Männer ihre Kraft beweisen durften, bei geheimnisvoll klingenden Disziplinen wie Caber Toss oder Tug of War. Als die weitläufige Wiese, die nun als Parkplatz dient, noch nicht voller Autos stand und die Fressbuden und Marktstände noch mit dem Aufbau beschäftigt waren.

Jetzt scheint die Mittagssonne auf die Menschenmenge, die vor dem Blair Castle herumspaziert oder von einem Grashügel aus die kreisrunde Wettkampfarena beobachtet. Hier machen sich jetzt die Profis warm, ein Dutzend Männer zwischen 20 und 40 mit Oberarmen wie Bierfässer und Schenkeln so dick wie zwei Öltanks. Mit kurz geschorenen Haaren, Kilts und weit geschnittenen T-Shirts mit Werbeaufdrucken stehen sie vor David Martin, dem 11. Duke of Atholl. Der Herzog ist Chef des örtlichen Clans und pflegt gerade das Eröffnungsritual. Ein altes Schwert und einen Schild hebt er hoch und dreht sich damit in alle vier Himmelsrichtungen. In der aufblasbaren Hüpfburg kreischen derweil die Kinder.

Die Atholl Highlanders - Europas letzte Privatarmee, bestehend aus Lehrern, Familienvätern, Braumeistern

Die Atholl Highlanders – Europas letzte Privatarmee, bestehend aus Lehrern, Familienvätern, Braumeistern

„Der Gesamtsieger wird heute das Schwert und den Schild mit nach Hause nehmen dürfen“, erklärt Alan. Dazu gebe es ein kleines Preisgeld. „Die vier Windrichtungen stehen für das weite Umland, aus dem früher die Highlander zu den Gatherings, also der Vorstufe der Games gekommen sind“, erklärt Alan weiter. Er selbst hat heute Morgen nur zum Spaß mitgemacht bei den Highland Games, die – wie fast alles in Schottland – eine Mischung aus Tradition und aufgesetzter Folklore sind. „Nach der verlorenen Schlacht von Culloden 1746 und der ethnischen Säuberung der Highlands durch die englischen Truppen war es erst Königin Victoria, die im 19. Jahrhundert wieder Gefallen an Schottenkaros und Dudelsackmusik fand“, erläutert Alan – und spricht dabei tatsächlich so druckreif. Mit ihrem romantischen, von Sir-Walter-Scott-Büchern beeinflussten Blick habe sie das heutige Bild von Schottland geprägt.

Bumm! Ein Kanonenschlag zerreißt die von Gemurmel und Dudelsackklängen erfüllte Luft. Bruce Aitken, einer der muskelbepackten und cool dreinblickenden Wettkämpfer, zuckt zusammen wie ein kleiner Junge, wenn es blitzt. Die anderen verschränken mühsam ihre dicken Arme und betrachten grinsend die Atholl Highlanders, Europas letzte Privatarmee, die die Kanone abgefeuert hat und nun mit Bajonetten und Trommeln über das Wettkampffeld exerziert. Die Atholl Highlanders sind eine Hobbyarmee aus Lehrern, Selbstständigen und Familienvätern. „Man muss eingeladen werden“, berichtet ein die Pauke schlagender Braumeister später lachend. „Bei mir dauerte der Prozess vier Jahre. Und all die Saufgelage entpuppten sich als Vorstellungsgespräche.“

Der Baumstamm auf die Zwölf

Nachdem die Highlander-Armee verschwunden ist, beginnt der erste offizielle Wettkampf: Putting the Stone, eine Art Kugelstoßen mit einem unhandlichen Naturstein statt einer griffigen Stahlkugel, wie sie die Leichtathleten verwenden. Die Weiten, die die Athleten damit erzielen, sind trotzdem beeindruckend. Mit über 16 Metern gewinnt Gregor Edmunds am Ende den Durchgang.

Tossing the caber: Das berühmte Baumstammwerfen ist nichts für schwache Nerven

Tossing The Caber: Das berühmte Baumstammwerfen ist nichts für schwache Nerven

Viele Außenstehende halten die Highland Games für so etwas wie die Olympischen Spiele der Schotten. In Wirklichkeit sind sie jedoch eher eine Mischung aus Kirmes, Mittelaltermarkt und Bundesjugendspielen – nur eben mit sehr großen und sehr starken Kindern. „Ich nehme an ungefähr 30 Veranstaltungen pro Jahr teil“, sagt der schwitzende Bruce Aitken, 37, mit Magnesiumresten an der Wange, während er sich auf den nächsten Wettkampf vorbereitet – das Hammerwerfen. „Die Saison dauert von Mai bis September, und an jedem Wochenende finden irgendwo Highland Games statt. Die Wettkämpfe, die ich pro Wochenende absolviere, sind auch das eigentliche Training. Am Ende der Saison sind wir alle viel besser als am Anfang.“

Aitken ist Weltrekordhalter in der schottischen Variante des Hammerwerfens, bei der sich die Kugel nicht an einem Seil mit Haltegriff befindet, sondern am Ende einer unhandlichen Holzstange. Der „Hammer Throw“ ist eine der wenigen Disziplinen, in denen Schottland noch nicht von den US-amerikanischen Profisportlern überholt wurde. Aitken ist Kontrolleur in einer Lebensmittelfabrik im nahe gelegenen Aberdeenshire, an fünf Tagen in der Woche stemmt er Gewichte. Jetzt blinzelt er in die überraschend kräftige schottische Sonne und sieht seinem Kontrahenten Craig Sinclair zu, der sich so schnell mit dem Hammer in der Hand dreht, dass er am Ende, nachdem er das Ungetüm mit einem Schrei von sich geschleudert hat, auf seinen kiltbedeckten Hintern plumpst: „Wir sehen uns bei den meisten Spielen wieder, Wochenende für Wochenende“, sagt Aitken lachend, bevor er selbst den Hammer souverän zum Sieg schleudert.

Langeweile kommt bei den Highland Games nie auf, schon allein, weil ständig mehrere Dinge gleichzeitig passieren: Schau, da vorn tanzen Mädchen mit hochgesteckten Haaren und roten Wangen vor einer strengen Schiedsrichterin traditionelle schottische Tänze. Dort hinten startet gerade das Wettrennen über fünf Hügel. Und überall um die improvisierte Arena herum pusten Dudelsackspieler mit geschwollenen Halsschlagadern um ihr Leben, während sich kleine grauhaarige Juroren Notizen machen.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht nun jedoch der vielleicht spektakulärste Wettkampf: Tossing the Caber, das berühmte Baumstammwerfen. „Es geht nicht allein darum, den Stamm einmal zum Überschlag zu bringen“, erklärt Alan. „Er muss letztlich auch möglichst exakt in die Richtung zeigen, in die der Athlet beim Abwurf geschaut hat.“

Craig Sinclair, mit 22 Jahren eine Nachwuchshoffnung, hebt als Erster den glatten Stamm an. „A nice, clean lift“, wie der ebenfalls im Tartanrock umherspazierende Moderator in sein Funkmikrofon brummelt. Sinclair balanciert den beinahe sechs Meter langen Stamm, bringt ihn in leichte Schräglage, bevor er die Arme nach oben reißt. Die Erde bebt, als das Ungetüm nach einem Überschlag auf die Erde donnert. „Leider nur eine Zehn“, kommentiert Alan fachmännisch. „Wenn man sich ein Zifferblatt vorstellt und der Werfer steht in der Mitte, dann ist es perfekt, wenn er Stamm nach dem Wurf auf die Zwölf zeigt.“

Tanzen, Dudelsack, Hügelwettlauf: Bei den Highland Games passierem immer mindestens drei Dinge gleichzeitig

Tanzen, Dudelsack, Hügelwettlauf: Bei den Highland Games passierem immer mindestens drei Dinge gleichzeitig

Nach und nach versuchen sich die Athleten an dem Baumstamm, doch nur drei von ihnen schaffen bei jeweils drei Versuchen den Überschlag. Im zweiten Durchgang wird ein noch größerer Baumstamm verwendet, der fast 90 Kilogramm wiegt. Jetzt ist nur noch ein einziger Muskelmann erfolgreich: Gregor Edmunds, der am Ende auch die Gesamtwertung gewinnt, ganz knapp vor Bruce Aitken. Der trägt es mit Fassung – und britischem Humor: „Greg ist einfach der weltbeste Tosser.“ Und nur wer weiß, dass „tosser“ nicht nur ein Begriff für den Baumstammwerfer, sondern auch ein ungehobeltes Schimpfwort ist, kann verstehen, warum der Zweitplatzierte diesen Satz nur halblaut vor sich hinraunt.

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PERTHSHIRE – INFORMATIONEN

Hinkommen

Edinburgh ist der ideale Ausgangspunkt für Reisen durchs schottische Perthshire. Germanwings zum Beispiel fliegt von Köln direkt ab 19 Euro inklusive Steuern und Gebühren. Von Berlin-Schönefeld kommt man mit Germanwings (inklusive Umsteigen in Köln) ab rund 70 Euro nach Edinburgh.

Rumkommen

Für die weite schottische Landschaft bietet sich ein Mietwagen oder ein gemietetes Wohnmobil an. Stationen gibt es in allen Großstädten und Flughäfen, in der Regel wird verlangt, dass man mindestens 23 Jahre alt ist und seit über einem Jahr den Führerschein besitzt. Mit dem Linksverkehr muss man dann alleine klarkommen – wem es nicht geheuer st mit der „falschen“ Hand zu schalten, mietet besser einen Automatikwagen. Infos zu Autovermietungen unter www.visitscotland.com/library/carhire

Übernachten

Atholl Palace: Hoch über der Ortschaft Pitlochry und den Füssen Tay und Tummel sitzt das Atholl Palace Hotel. Das 1874 erbaute Schloss beherbergt ein luxuriöses Hotel mit Spa, wundervollen Gärten und einem atemberaubenden Blick über das Tal. Die Zimmer beginnen bei 74 Pfund pro Person und Nacht.
Atholl Palace Hotel, Pitlochry, Perthshire, PH16 5LY, Telefon: (+44) 01796 / 472 400, www.athollpalace.co.uk

Ardblair Cottages: Die Familie Blair-Oliphant, die immer noch im Schloss residiert ist eine liebenswert-kauzige Truppe – und veranstaltet im September ihre eigenen Highland Games. Neben dem Schloss liegen zwei gemütliche Landhäuschen, die man mieten kann (das kleinere mit fünf Schlafplätzen ab 400 Pfund pro Woche).
Ardblair Castle, Blairgowrie, PH10 6SA, Telefon (+ 44) 01250 / 873 155

Essen & Trinken

The Taybank: Direkt am Ufer des malerischen Flusses Tay gelegen bietet die „Taybank“ in Dunkeld nicht nur Pub-Essen und Getränke in idyllischer Umgebung sondern auch regelmäßige Abende mit Live-Musik: Da wird gefieldelt und gesungen, geflötet und gestampft. Termine unter www.thetaybank.com.
Taybank, Tay Terrace, Dunkeld, Perthshire, PH8 0AQ, Telefon: (+44) 01350 / 727 340

Bothy Bar: Wer den Tag bei den Highland Games von Blair Castle verbracht hat, kann den Abend im nahegelegenen Atholl Arms Hotel, genauer gesagt dessen „Bothy Bar“ ausklingen lassen. Die Räume sind im klassischen Pub-Stil eingerichtet, die Karte umfasst einfache schottische Küche und lokal gebraute Ales und Lager-Biere.
Bothy Bar, Old North Road, Blair Atholl, PH18 5SG, Telefon: (+44) 01796 / 481 205

Highland Games

Von Mai bis September finden an jedem Wochenende  mehrere Highland Games in verschiedenen schottischen Ortschaften statt. Die bekanntesten und größten sind die von Blair Castle (Mai), Aberdeen (Juni), Inverness (Juli), Argyll (August) und Braemar (September). Eine Übersicht fast aller Veranstaltungen gibt es im Internet auf www.visitscotland.com/library/highlandgamescalendar

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Der Tagesspiegel
Fotos: Jessica Braun

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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