Was wäre, wenn … die Welt wieder auf Atomkraft setzte?

Geschrieben von am 13/05/2022 in brand eins mit 0 Kommentare

2020 fielen weltweit unzählige Flüge aus, Grenzen waren geschlossen, in Fabriken wurde weniger produziert. Doch trotz der Beschränkungen der Corona-Pandemie erreichten die Treibhausgase in der Atmosphäre laut der Weltorganisation für Meteorologie in Genf einen neuen Höchststand. Auch aus diesem Grund wird nun wieder mehr über Atomkraft diskutiert, um Emissionen zu reduzieren und die Erderwärmung zu bremsen. Diese liefere zuverlässig mehr Energie als Windräder oder Solaranlagen und verursache weniger Kohlenstoffdioxid (CO2) als Kohle- oder Gaskraftwerke, so das Argument der Befürworter. Was wäre, wenn Deutschland und andere Länder wieder auf Nuklearenergie setzten?


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Hierzulande sind noch sechs Atomkraftwerke in Betrieb. Drei sollen dieses Jahr vom Netz gehen, die anderen drei 2022. Während in den Siebzigerjahren jährlich weltweit 30 bis 40 neue Atommeiler gebaut wurden, geschieht dies heute fast nur noch in China und Indien. In China wurde 2019 an 14 Reaktoren gebaut, in Indien an sieben. Insgesamt ist diese Art der Energieerzeugung also rückläufig.

Teurer Atomstrom

Dieser Trend ließe sich auch nicht ohne Weiteres umkehren. „Moderne Kernkraftwerke, die unseren heutigen Sicherheitsanforderungen genügen, sind sehr teuer“, sagt Edwin Lyman, Atomenergie-Experte bei der gemeinnützigen Interessenvertretung Union of Concerned Scientists. Die Organisation ist nicht grundsätzlich gegen Atomenenergie – in manchen Fällen beispielsweise dafür, die Laufzeiten sicherer Reaktoren zu verlängern, um nicht auf fossile Energieträger zurückgreifen zu müssen.

Lyman zufolge könnten neue Atomkraftwerke aber derzeit preislich weder mit erneuerbaren Energien noch mit Strom aus Kohle und Gas konkurrieren. Das sieht man zum Beispiel in Frankreich und Finnland: 2002 hatte Finnland seinen modernen Reaktor Olkiluoto 3 bestellt, fertig ist er bis heute nicht. Der 2007 begonnene Bau des Atommeilers im französischen Flamanville sollte etwa drei Milliarden Euro kosten und viereinhalb Jahre dauern, nun kostet er viermal so viel und wird wohl 15 Jahre dauern.

Für eine Renaissance der Atomkraft brauchte es also viel Geld – und Strom würde teurer. Die World Nuclear Association kam 2019 zu dem Ergebnis, dass die Erzeugung von Solarenergie pro Megawattstunde 36 bis 44 US-Dollar kostet, die von Windkraft an Land 29 bis 56 Dollar und die von Kernenergie 112 bis 189 Dollar. In den vergangenen zehn Jahren seien diese Kosten bei Solarenergie um 88 Prozent und bei Windkraft um 69 Prozent gesunken, bei Atomkraft jedoch um 23 Prozent gestiegen.

Auch wenn Atomstrom ohne fossile Energieträger auskommt, CO2-neutral ist er nicht. Beim Abbau und der Anreicherung von Uran entstehen Abgase, ebenso beim Bau von Reaktoren und Atommüll-Endlagerstätten. Obwohl auch Windräder und Solaranlagen nicht klimaneutral gebaut werden können, schneidet die Atomkraft laut eines Berichts der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags beim Thema Emissionen nur mittelmäßig ab. Schlechter als Wind- und Wasserkraft und besser als Fotovoltaik.

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Text: Christoph Koch
Foto: Lukáš Lehotský / Unsplash

Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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