Plattform-Experte: „Ich würde definitiv nicht in Kryptowährungen investieren“

Geschrieben von am 11/05/2022 in brand eins mit 0 Kommentare

Der Kulturwissenschaftler Michael Seemann beschäftigt sich mit der Macht von Internet-Plattformen wie Facebook, Google oder Uber. Ein Gespräch über Konzentrationsprozesse im Netz und den Nutzen von Blockchains.

Egal ob Kommunikation in den sozialen Medien, Hotelbuchung oder Partnerschaftsanbahnung – unser Leben scheint ohne Plattformen nicht mehr zu funktionieren. Warum eigentlich? Und was macht eine Plattform aus?

Laut dem Kulturwissenschaftler Michael Seemann haben Plattformen sowohl Merkmale von Märkten als auch von Unternehmen und Staaten. Sie sind alles und zugleich nichts davon. Es handele „sich nicht einfach nur um eine neue Technologie oder ein neues Geschäftsmodell (…), sondern um nicht weniger als ein eigenständiges Strukturparadigma sozialer Organisation, das neben Markt, Staat und Unternehmen eine eigene Kategorie beansprucht“, schreibt Seemann in seinem aktuellen Buch.

Souverän ist, wer über die Plattform gebietet

Vereinfacht gesagt, erleichtern Plattformen den Austausch. Ebay sorgt dafür, dass auch Käufer und Verkäufer von Raritären zueinanderfinden. Airbnb bringt Leute, die ein leeres Zimmer haben, mit solchen zusammen, die eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Die eigentliche Interaktion findet zwischen dem Gast und der Gastgeberin statt, die Plattform dient lediglich als Vermittlerin. Doch ohne sie hätten beide Parteien vermutlich nie zueinandergefunden.

Neu ist das Geschäft nicht. Vor Ebay gab es die Kleinanzeigen der Zeitung, vor Uber die Taxivermittlung und vor Airbnb die Touristeninformation. Doch Internet und Smartphones haben die Reichweite solcher Angebote enorm gesteigert, die Benutzung stark vereinfacht und das Prinzip so auf eine andere Ebene gehoben.

Plattformen können wachsen, indem sie mehr Kunden gewinnen, ihr Geschäft ausdehnen oder aber von anderen Plattformen überwölbt werden. Ein eindrückliches Beispiel ist Instagram: Die Foto-App erlaubte es Menschen, ihr bei Twitter mühsam aufgebautes Netzwerk, ihren Social Graph, mitzubringen. Deshalb war die App aus dem Stand erfolgreich. Hinzu kommen Netzwerkeffekte: Je mehr Menschen sich bei einem Anbieter versammeln, desto größer ist der Nutzen für die oder den Einzelnen.

Die Macht einer Plattform hängt Seemann zufolge außerdem stark von der Frage ab, wie stark sie das kontrollieren kann, was auf ihr geschieht. Er nennt drei Typen: „Zum einen gibt es Protokollplattformen wie E-Mail. Dann gibt es Schnittstellenplattformen, also beispielsweise den PC, Betriebssysteme wie Windows oder iOS oder Programmiersprachen. Und drittens gibt es Dienste- plattformen, Whatsapp, Amazon, Uber, Airbnb – jene Plattformen, von denen wir heute meist reden.“ Letztere hätten die größte Souveränität. „Sie können am besten kontrollieren, wer sie wie nutzt. Man kann niemanden davon abhalten, eine Mail-Adresse zu haben, aber Twitter kann jemanden sperren, ihm also die Nutzung der Plattform untersagen.“

Wegen der großen ökonomischen Vorteile schreitet die Plattformisierung vieler Branchen voran, mittlerweile auch in der Finanzwelt. Die Deutsche Bank will sich schon seit einigen Jahren zur Plattform wandeln (siehe auch brand eins 06/2018: „Von Geldhäusern zu Marktplätzen“) . Moderne Trading-Plattformen wie Etoro oder Naga erlauben es Anlegern, die Portfolios erfolgreicher Händ-ler oder Fonds zu kopieren. Und Crowdlending-Plattformen wie Smava oder Aux- money wollen das Kreditwesen zu einem Vermittlungsgeschäft zwischen Gläubigern und Schuldner umstruktuieren.

Das größte Projekt sind Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Was hinter ihnen steckt, erläutert Michael Seemann im Interview.

brand eins: Herr Seemann, sind klassische Währungen wie der Euro oder der Dollar eigentlich auch Plattformen?
Michael Seemann: Die klassische Währung ist eine Schnittstellenplattform. Sie wird von einer einzigen Instanz, der Notenbank definiert. Das ist wichtig, damit das System funktionieren kann.
Genau das wollen Kryptowährungen wie Bitcoin ändern.
Kryptowährungen versuchen, Geld von einer Schnittstellen- zu einer Protokollplattform zu machen. Das heißt, dass nicht mehr eine einzelne Instanz entscheidet, sondern dass unterschiedliche Akteure wechselseitige Vereinbarungen treffen. Gerade bei Bitcoin ist es das erklärte Ziel, die Souveränität der traditionellen Währungen zu brechen. Der Vorwurf lautet, die Zentralbanken hätten zu viel Macht und diese soll dezentralisiert werden.

Was spricht dagegen, Macht gleichmäßiger zu verteilen?
Natürlich ist es legitim, Macht zu dezentralisieren. Die Frage ist allerdings, ob dies bei Währungen sinnvoll wäre. Dank zentraler Kontrolle lassen sich beispielsweise bestimmte Transaktionen rückgängig machen, die fehlerhaft oder betrügerisch waren. Man kann Geldwäsche und Terrorfinanzierung unterbinden. Und man kann mithilfe der Zentralbanken politisch agieren, also beispielsweise Anreize für Investitionen schaffen. In der Protokollvariante würde so etwas nicht mehr funktionieren.

Aber bedeutet Dezentralität nicht auch mehr Transparenz und Teilhabe?
Es gibt ganz klar zu wenig Transparenz in unserem Finanzsystem. Wer hat welche Gelder, wohin fließen sie, wer nimmt darüber welchen Einfluss? Aber das würde durch dezentrale Kryptowährungen nicht besser, sondern schlimmer. Dezentralität wird als Allheilmittel gesehen, aber sie ist oft nicht von Dauer.

Bestes Beispiel ist das Internet als solches: Es ist schon lange nicht mehr das dezentrale Netz, als das es gegründet wurde, sondern wir sehen extreme Konzentrationsprozesse. Die Kernbereiche des Netzes und die Leitungen sind in der Hand von wenigen Anbietern. Wir sehen lokale Monopole von Internetprovidern und auf einer höheren Ebene haben Google und Facebook eine riesige Marktmacht und letztlich ihre privaten Netze. Auch Kryptowährungen sind offiziell dezentrale Plattformen, aber alles an ihnen strebt nach Zentralisierung.

Das müssen Sie erklären.

Die großen Kryptowährungen wie Bitcoin basieren auf etwas, das sich Proof of Work nennt, Arbeitsnachweis. Damit ist gemeint, dass man für das Ausführen von komplizierten Rechenoperationen belohnt wird, also für das sogenannte Mining. Doch da kommen Skaleneffekte zum Tragen, denn ein Rechenzentrum mit 100 000 Mining-Computern ist um ein Vielfaches billiger als 100 000 Einzelrechner. Das Mining konzentriert sich also in den Händen einiger weniger großer Player. Das ist bei Kryptowährungen, die auf dem Blockchain-Prinzip basieren, besonders problematisch.

Warum genau?

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Interview: Christoph Koch
Foto:
Jeremy Bezanger / Unsplash

Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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