Katja Kullmann: Mein Medien-Menü (Folge 87)

Geschrieben von am 11/08/2014 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Diese Woche: die Journalistin Katja Kullmann.

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Wie informieren Sie sich morgens als erstes?

Das hängt davon ab, ob ich gerade eher journalistisch arbeite oder an einem längerfristigen Projekt sitze, sagen wir: einen größeren Essay oder ein Buch schreibe. Ist letzteres der Fall, versuche ich, das Nachrichtengeklingel ringsherum so leise wie möglich zu halten. Mit dem Kopf bin ich dann eh woanders, phasenweise kriege ich ziemlich wenig mit. Im journalistischen Erwerbsalltag, dem daily grind eben, greife ich morgens beim ersten Kaffee meist auf news.google zu. Ja, Google ist der Feind. Aber dieses news.google ist wirklich praktisch, ein uneitler Querschnitt. Je nachdem, wie man es eingestellt hat, bringt es auch Schlagzeilen aus Regional- und Lokalblättern – oft irres Zeug der Sorte „Mann beißt Hund“, auf das ich sonst vielleicht nie gestoßen wäre.

Welche Zeitungen / Magazine haben Sie im Abo oder lesen Sie regelmäßig?

Regelmäßig schaue ich in die, für die ich regelmäßig schreibe oder gern noch öfter schreiben würde, etwa den Freitag, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und das Wiener Intelligenz-Magazin Datum. Der New Yorker ist auch immer wieder eine Freude, gelegentlich greife ich auch zu Jungle World oder Analyse & Kritik. Und ich habe ein Faible für Quarterlys, also tendenziell vierteljährlich erscheinende Publikationen wie die Reportagen, Paris Review, das Pop Magazin, Gentlewoman und – kürzlich erst entdeckt – die KultuRRevolution. Im Abo habe ich nur Der Journalist, weil ich im DJV bin, seit dem Volontariat bei der dpa übrigens schon.

Was lesen Sie auf Reisen?

Bücher. Auschließlich aus Papier. Und Landkarten, Stadtpläne. Da ich kein Smartphone habe, muss ich ohne Googlemaps und Navigator auskommen. Ich mag es sehr, mich auch mal zu verlaufen. Aber das ist wieder ein anderes, ein sehr großes Thema.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Ihnen wichtig?

Keine im Besonderen. Beziehungsweise – doch: Ich schaue öfters bei den North eea News rein. Mich fasziniert etwa diese Ehe zwischen Kim Jong-un und Ri Sol-ju, die früher eine Art nordkoreanischer Pop-Star war – und die diese Verbindung, anders als so manche von Kim Jong-uns Ex-Freundinnen, hoffentlich überleben wird. Ich würde gern einen Roman über diese Paar schreiben. Aber dazu müsste ich mal dort gewesen sein. Und, nein: Sogenanntes Crowdfunding ist auch in diesem Fall nichts für mich.

Welche Blogs lesen Sie?

Gut über 40 habe ich bestimmt gebookmarkt, also: via feed abonniert. Ehrlich gesagt, sind das aber zum Großteil recht private Blogs. Oder sagen wir: Mein Interesse daran ist eher privater Natur.

Was ist wichtige berufliche Lektüre für Sie?

Als Freischaffende bin ich in der glücklichen Lage, mir meine Agenda weitgehend selbst auszusuchen. Ich kann mich überwiegend mit dem beschäftigen, was mich interessiert. Ein Luxus. So kommt es, dass ich über Tage, Wochen, oft auch Monate an einem bestimmten Themenhaufen dran bin. Eine ganze Weile drehte es sich um Literatur über Arbeit, dann hat mich der Raum „Stadt“ sehr obsessiv beschäftigt. Zwischendrin ist es immer mal wieder der Geschlechterzirkus. Und sehr gern immer wieder das Thema Geld. Der Klassismus beschäftigt mich aktuell sehr. Ich lese dann für eine Weile alles mögliche, was damit zu tun hat, Sachbücher, Romane, Biografien, Reportagen, Statistiken, alles.

Welche Art von Büchern lesen Sie am liebsten (Sachbücher, Fiction, Biografien, etc.)?

Eigentlich alles außer Gedichte. Und Ratgeber. Ich will keine Poesie und keine Ratschläge. Von Menschen schon, beides, Poesie und Ratschläge. Aber nicht aus Büchern.

Welches Buch hat Sie in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Oh je. Also gut, zwei, die mir blind jetzt einfallen: Speedboat, auf Deutsch Rennboot von Renata Adler, von 1976, vergangenes Jahr in den USA, vor einigen Monaten bei Suhrkamp wieder aufgelegt. Die Erzählhaltung, dieses nonchalant dunkle New Yorkerische – bei einer Frau so noch nie gelesen. Und noch was Amerikanisches: Die Abwicklung von George Packer, ebenfalls vergangenes Jahr in den USA erschienen, jetzt gerade auch auf Deutsch. Ein sehr amerikanisches Buch: „reportagehafter Realismus“, „erzählerisches Sachbuch“. Sehr stark.

Welche Apps/Tools/Programme helfen Ihnen, informiert zu bleiben?

Ich versuche, mein Leben so applikationsfrei wie möglich zu halten.

Wie viel lesen Sie auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

Wenn ein bestimmter Mensch mir eine SMS auf mein Mobiltelefon anno 1999 schickt, freue ich mich sehr. Mehr weiß ich dazu nicht zu sagen.

Welche Rolle spielen Leseempfehlungen/Links durch Soziale Netzwerke?

Sie spielen durchaus eine. Es gibt beim eigentlich ja verhassten Facebook viele schlaue Leute, die auf vieles Interessantes hinweisen. Twitter wiederum ist mir fremd, damit hatte ich nie etwas zu tun.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren (egal, ob Buch, Zeitung oder Magazin)?

Ganz global mal beantwortet: Die Neue Sachlichkeit war und ist das Ding. Ödön von Horváth, Marieluise Fleißer, Siegfried Kracauer – Lieblingsliteratur, Lieblings-Sound seit über 20 Jahren.

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die Sie möglichst nie verpassen?

Die großen Nachrichten, Tagesschau, Tagesthemen oder meinetwegen heutejournal haben eine beruhigende Wirkung auf mich. Das schauen dann gerade alle – stelle ich mir manchmal vor. Da ist etwas Tiefenpsychologisches im Spiel, bei mir. Ansonsten versuche ich, von jedem neuen Trash-Format wenigstens ein, zwei Folgen mal mitzubekommen. Und wenn Goodbye Deutschland. Die Auswanderer läuft, wird mir auch immer warm ums Herz.

Wie haben sich Ihre Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Wachsende, inzwischen weitgehende Magazin-Abstinenz. Wie wichtig das war, in den 90ern: Tempo, Spex, The Face, sogar so Sachen wie Allegra, Amica oder den Spiegel habe ich mir damals noch besorgt. Ich glaube ja: Das Internet hat den Magazinen noch mehr geschadet als den Schwarzweißzeitungen. Oder wird ihnen noch mehr schaden.

Irgendetwas, das ich vergesse habe, Sie aber trotzdem gerne lesen / sehen / hören?

Nein, seien Sie unbesorgt. Es ist manchmal auch sehr schön, nicht noch mehr lesen / sehen / hören zu müssen.

 

Katja Kullmann, * 1970 in Hessen, schreibt Bücher, Essays, Erzählungen und Reportagen, am liebsten über gesellschaftliche Verschiebungen und die wundersame Welt der Arbeit. Zuletzt erschien 2012 ihre US-Reportage „Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet“ (Suhrkamp), 2011 kam ihr viel besprochener Essay „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben„. (Eichborn) heraus. Sie schreibt auch für verschiedene Zeitungen, darunter der Freitag, die F.A.S., die taz und der Zürcher Tages-Anzeiger.

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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