Prost, Schatz! Jedes Paar trinkt anders.

Geschrieben von am 16/05/2013 in Neon mit 0 Kommentare

Sex auf dem Kneipenklo, besoffene Trennungsdrohungen: Wie Paare trinken, verrät viel darüber, wie sie lieben.

Das Krawallpaar

Die Beziehung des Krawallpaars erinnert an den unglaublichen Hulk. Nüchtern ist das Paar so aufgeräumt und liebenswert wie der Wissenschaftler Dr. Bruce Banner – sie sind sogar geradezu sanftmütig, vervollständigen die Sätze des anderen und knuffen einander zärtlich in die Seite. Doch wenn beide am Ende ihres dritten Drinks angekommen sind, wird das Krawallpaar plötzlich riesig und giftgrün, und die Klamotten platzen ihnen vom Leib. Nein, das war Hulk, Entschuldigung. Das Krawallpaar fängt einfach nur an zu streiten – das aber so sicher wie die Gäste bei Maybrit Illner. In Clubs sieht man es dann zum Beispiel im Gang zu den Toiletten mit rudernden Armen aufeinander einbrüllen. Ebenfalls häufig beobachten kann man das K-Paar vor einer Bar stehend – er stützt sich mühsam an ein Halteverbotsschild und lallt »Madochwassuwillst!«, sie wankt fluchend davon und versucht, ein Taxi heranzuwinken. Am nächsten Tag schämen sie sich für den Streit, und bis zum nächsten Rausch sind sie wieder zwei verliebte Dr. Banners.

So haben sie sich kennengelernt: als beide Antibiotika nehmen mussten und ausnahmsweise mal nicht tranken.

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Das Aufdreherpaar

Sie sind gewissermaßen das Power Couple des Trinkens. Sie konsumieren nicht um des Geschmacks willen, nicht um die Sorgen des Alltags abzuschütteln, sondern um strategisch, effizient und punktgenau in Partylaune zu kommen. Deshalb wird man in ihren dezent gebräunten Händen auch niemals ein Bierglas zu sehen bekommen, sondern immer nur Champagner oder allenfalls Sekt auf Eis. Hauptsache prickelnd, Hauptsache aufkratzend. Früh hat das Aufdreherpaar verstanden, dass Karriere nur derjenige macht, der zum richtigen Zeitpunkt beweisen kann, dass er genau das richtige Maß an Lockerheit besitzt. Alkohol ist für die beiden ein zielgerichtet eingesetzter Enthemmer – natürlich in Maßen. Schließlich will man in der Agentur oder Kanzlei als locker gelten, nicht als Alki. Deshalb wird es auch niemand je erleben, dass das Aufdreherpaar den »Absprung« verpasst. Am nächsten Tag sagen sie mit stolzem Unterton: »Wir waren gestern eeecht gut rocken.«

So haben sie sich kennengelernt: in einem Eliteinternat – weil beide denselben Dealer für ihr Ritalin-Konzentrationsdoping hatten.

Das asymmetrische Paar

Beim asymmetrischen Paar herrscht ein starkes »Trinkgefälle«. Während der eine gar nichts trinkt, steht der andere morgens gewissermaßen schon mit der Bierflasche in der Hand auf. Das hat teilweise praktische Seiten – da immer nur einer von beiden fährt, müssen beispielsweise nie Autositz und Außenspiegel umgestellt werden. Andererseits führt es oft zu sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen eines Abends: »Und du bist dir absolut sicher, dass dein Chef nicht laut ›Zugabe!‹ gerufen hat, nachdem ich in Unterhose auf dem Büfetttisch ›Bohemian Rhapsody‹ gesungen habe? Ich hätte schwören können, dass er mir vorher noch erzählt hätte, er sei Queen-Fan.« – »Das war der Feuerlöscher, mit dem du dich vor deiner Gesangseinlage unterhalten hast.« Das Geheimnis der Liebe des asymmetrischen Paars ist jedoch, dass beide es genauso haben wollen: der eine ein lallender Tölpel, dem keiner wirklich böse sein kann – der andere die fürsorgliche Hand, die ihn sicher nach Hause geleitet, zudeckt und am nächsten Tag Tee kocht.

So haben sie sich kennengelernt: doch, ehrlich, an der Käsetheke des Supermarktes!

 

Das suffselige Paar

Normalerweise bemerkt man gar nicht, dass das suffselige Paar überhaupt ein Paar ist, so distanziert gehen die beiden miteinander um. Der andere wird grundsätzlich mit seinem unabgekürzten Vornamen angeredet, der Tonfall ist so liebevoll wie auf einem Hauptzollamt, Berührungen gibt es keine. Erst wenn beide ein paar Gläser getrunken haben, wird das suffselige Paar plötzlich kuschelig. Mit leuchtenden Augen rutschen sie immer näher zusammen, bis sie am Ende beide auf einem Barhocker Platz finden. Während die Umwelt immer mehr aus ihrem Fokus verschwindet, überschütten sie einander mit Zuneigung, Koseworten und Zärtlichkeiten, sodass ihr Freundeskreis nach einer spanischen Wand sucht, hinter der man die beiden verstecken kann.

So haben sie sich kennengelernt: bei einer Weinprobe – neun Monate später kam auch schon ihr erstes Kind zur Welt, Taufname: Rosa di Montalcino.

 

Das Geniesserpaar

Bei diesen beiden ist es völlig gleichgültig, wer wie viel trinkt. Es geht – »Qualität statt Quantität, mein Gutester! « – darum, WAS man trinkt. Ehe sich das Genießerpaar von einem ungeübten Studenten hinter einem Clubtresen einen Gin Tonic anrühren lässt (»Entschuldigung, aber meine Eiswürfel haben so ein Zwiebelaroma, haben Sie vorhin Flammkuchen gegessen und sich nicht die Hände gewaschen?«), würden sich beide die Lippen zusammentackern lassen. Alkohol ist für die beiden kein Rauschmittel, das einen Effekt haben soll, sondern dient dem Genuss. Und natürlich dazu, sich gemeinsam von anderen, weniger distinguierten Trinkerpaaren abzugrenzen. Getrunken wird deshalb meist aus Südfrankreich importierter Rotwein, der mindestens zehn Jahre Zeit hatte, sein Aroma zu verfeinern – und zwar zu Hause: »Da weiß man, dass die Temperatur stimmt und man einen Bordeaux nicht in einem Rieslingglas serviert bekommt.«

So haben sie sich kennengelernt: auf einer Whiskyverkostung in den Highlands – wo natürlich beide brav jeden Testschluck ausgespuckt haben.

 

Das Abstinenzlerpaar

So anstrengend die anderen Paare auch sein mögen – das Abstinenzlerpaar ist mit Abstand das unbeliebteste. Denn beide trinken nicht nur nicht, sie verleiden auch noch allen die Freude daran. Das schaffen sie seltener durch Horrorgeschichten von jugendlichen Suffrasern und Querschnittslähmungen, sondern eher durch Psychofragen wie »Wann warst du eigentlich das letzte Mal aus, ohne Alkohol zu trinken?«. Das Schlimme ist: Während man ihnen bei den Unfallgeschichten lächelnd erzählen kann, dass man schon lange die Taxiwirtschaft unterstützt, also keine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellt, nagen die Psychofragen an einem. Und wenn einem der Barkeeper dann ohne zu fragen den vierten Moscow Mule hinstellt, merkt man plötzlich: Das Abstinenzlerpaar hat Recht. Da es längst zu Hause ist, kann man aber irgendwie auch weitertrinken.

So haben sie sich kennengelernt: auf einem Spieleabend in seiner WG. Sie hatte bei »Siedler von Catan« die längste Handelsstraße, das weiß er bis heute.

 

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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