Marc Deckert: Mein Medien-Menü (Folge 11)

Geschrieben von am 30/04/2012 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü – diese Woche mit Marc Deckert, Journalist und Schriftsteller.

Wie informierst du dich morgens als erstes?

Ich informiere mich morgens gar nicht. Ich stehe auf, bringe meine Tochter in die Krippe, setze mich an den Schreibtisch, checke Mails und versuche bis mittags möglichst konzentriert zu arbeiten. Das heißt: kein Spiegel Online, kein Facebook, kein Spotify. Mittags lese ich dann die Zeitung.

 Welche Zeitungen oder Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Die ZEIT kommt nach Hause, den Spiegel kaufe ich am Kiosk. Die Süddeutsche Zeitung lese ich am liebsten im Café, besonders gerne Montags, wegen der Bundesliga-Nachlese, die so schön verspätet kommt und nur der Bestätigung der eigenen Ansichten und Privat-Analysen dient. Wenn ich nicht im Café sondern im Biergarten sitze, lese ich die Münchner Boulevardzeitungen. Das ist aber jedes Mal ernüchternd. Man erwartet sich einen Cocktail aus Affären, Klatsch und Verbrechen, aber bekommt Service-Geschichten wie „Der große Gehalts-Check“ oder „82 (!) Biergärten im Preisvergleich“. Sonntags kommen dann noch die üblichen Sonntagszeitungen dazu.

Was liest du auf Reisen?

Romane. Und ich lese gerne die Lokalzeitungen der Orte, durch die ich reise.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Es gibt keine, die mir speziell am Herzen liegt. Seit ich nicht mehr in einer Redaktion arbeite, lese ich viel weniger Nachrichten im Internet. Ich mag die Filmkritik-Seite rottentomatoes.com. Und die Movietrailer-Website von Apple besuche ich oft, wenn ich mich auf einen bestimmten Film freue. Für meinen Musikbedarf lese ich meistens pitchfork.com. Früher habe ich sehr viele gedruckte Musikmagazine gelesen. Eigentlich alle. Jetzt reicht es mir, die Bandnamen aufzuschnappen und mir die Musik dann selbst anzuhören. Mein Bedarf an Gedanken und Analysen und vor allem an Thesen zu Popmusik ist wirklich gestillt. Aber ich lese in letzter Zeit sehr gerne das Magazin „Gramophone“. Mir fiel am Bahnhof mal ein Exemplar in die Hände. Auf dem Titel war George Gershwin. Seitdem habe ich das Heft öfter gekauft. Es behandelt zwar nur klassische Musik, aber da schreiben brillante Autoren verständlich, ohne den geringsten Dünkel und ohne intellektuelles Protzen. Manchmal wird in einer Kolumne ein weltberühmter Flötist beleidigt, aber immer formvollendet und sehr britisch. Wenn es das für Pop gäbe, würde ich es mir auch kaufen.

Welche Blogs liest du?

Keins regelmäßig, aber das ist bestimmt ein Fehler. Ich bin da zu ahnungslos.

Welche Art von Büchern liest du am liebsten?

Ich lese am liebsten Biografien und Romane. Es geht alles durcheinander. Meistens fallen mir Bücher irgendwie in die Hand.

Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth. Schon 40 Jahre alt und wahnsinnig lustig. Und direkt davor hat mich „The Death of Bunny Munro“ von Nick Cave sehr zum Lachen gebracht. Ein Werk über den Aufstieg und Fall eines notgeilen Vertreters für Kosmetikprodukte. Wie Portnoy ist der Titelheld sexbesessen, aber das ist wahrscheinlich ein Zufall. Ich mag generell Bücher, die verschwundene Milieus sehr genau beleuchten. „Natürliche Mängel“, der jüngste Thomas-Pynchon-Roman, war großartig, weil er so liebevoll die kalifornische Surfer- und Kiffer-Szene um 1970 beschrieb und ein Element der Fantastik hinzufügte. Aus genau den gleichen Gründen mochte ich zunächst „Mittelreich“ von Josef Bierbichler: Ganz anderes Thema, es geht um Kleinbauern und Wirte am Starnberger See. Ging gut los, und etwa 200 Seiten lang hielt die Begeisterung an.

Welche Bücher sind all-time favorites?

Ich schrecke davor zurück, das zu sagen, weil es so prätentiös klingt. Ich lese kreuz und quer und arbeite nebenher auch ein bisschen den Kanon ab, und oft sind es gerade Bücher aus dem Kanon, die hängenbleiben. Also die großen wichtigen Romane, auf die sich viele Menschen einigen können. Ich mag Bücher mit einer sich logisch entwickelnden Geschichte, mit einem Anfang und einem Schluss, Bücher, die einen weiten Bogen spannen und mit Sorgfalt geschrieben sind. Also oft 19. Jahrhundert. Und ein paar Amerikaner aus dem 20. Jahrhundert.

Wie viel liest du auf dem Bildschirm (Smartphone, Tablet, Laptop)?

Die einzigen Nachrichten, die ich auf dem Phone lese, sind die Fussball-News von der Sport-1-App. Auf dem Notebook-Bildschirm lese ich viel mehr und viel lieber, seit ich in meinem Safari-Browser den „Reader“ Knopf entdeckt habe.

Gibt es tägliche oder wöchentliche Leserituale?

Es gibt ein tägliches: Ich wache nachts um drei auf, kann nicht mehr einschlafen, schleppe mich dann vom Bett zur Couch und lese bis fünf Uhr morgens ein paar Romankapitel. Dann schlafe ich nochmal zwei, drei Stunden. Ich leide unter dieser Schlaflosigkeit, aber sie hilft mir, Bücher zu Ende zu lesen, die dick, sperrig oder schlicht langweilig sind.

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?

Ich höre ganz gern den „Zündfunk“ im Radio, die Pop-Sendung von Bayern2.

Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Seit ich Papa bin, kann ich weniger am Stück lesen. Ich muss mir kleine Lese-Nischen im Alltag suchen. Vielleicht ist die Schlaflosigkeit ja eine Reaktion meines Körpers auf dieses Problem.

Irgendetwas, das ich vergesse habe, du aber trotzdem gerne liest?

Mir ist gerade beim nochmaligen Durchlesen meiner Antworten aufgefallen, dass ich überhaupt unheimlich gerne Fachzeitschriften lese: Das „Sky & Telescope“-Magazin kann ich jedem Interessierten nur empfehlen. Oder „Gee“, das Heft für den Computerspieler ohne Dachschaden – leider ist es im Format geschrumpft. Wenn ich bei meinem guten Freund Henrik zu Besuch bin, blättere ich immer in „Gitarre & Bass“. Ich kann sehr detailliert den Unterschied zwischen dem Sound einer Fender Stratocaster und einer Telecaster erklären. Nur leider fragt mich nie jemand danach. Ich habe früher auch sehr gern das amerikanische „Wired“ gelesen. Dann tauchte plötzlich in jedem zweiten Satz das Wort „Geek“ auf. Und diese selbstironische Zielgruppen-Ansprache war mir zu penetrant. Mir ist schon klar, dass vieles von dem, was mich interessiert, „geeky“ ist, aber ich werde nicht gern dauernd darauf angesprochen.

Marc Deckert ist Journalist und Schriftsteller. Sein Roman “Die Kometenjäger” ist im März bei btb erschienen.

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Disclosure: Mit vielen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet oder zumindest leidlich bekannt.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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